„Und soeben hast du meine Frau eine Glucke genannt und in ihrer Unterwäsche herumgewühlt. Zieh dich an. Du gehst. Jetzt.“
Da ist es völlig eskaliert. Barbara hat aufgeheult wie ein verletztes Tier und mit der Handtasche nach ihm ausgeholt. „Du undankbarer Bengel! Ich hab dich großgezogen! Sie hat dir den Kopf verdreht!“
Lukas hat nichts mehr erwidert. Mit einer schnellen, sicheren Bewegung hat er sie am Ellbogen und an der Schulter gepackt und sie zur Tür gedreht. Es war keine rohe Gewalt, eher eine harte, unmissverständliche Kontrolle, gegen die es kein Verhandeln mehr gegeben hat. Sie hat gestrampelt, geschrien, irgendetwas Unverständliches von „Gift“ und „Verhexung“ hervorgestoßen, während ihre Absätze über den Laminatboden gekratzt haben.
Anna ist mit der Hand vor dem Mund dagestanden und hat zugesehen, wie ihr Mann, ihr sanfter, fröhlicher Lukas, ohne einen Moment zu zögern das aus ihrer Wohnung geschafft hat, was für so viele beinahe unantastbar ist: die eigene Mutter. Er ist ruhig geblieben, präzise, erbarmungslos.
Als die Tür ins Schloss gefallen ist, hat sie den hysterischen Schrei abgeschnitten. Danach hat sich in der Wohnung eine betäubende, beinahe glückliche Stille ausgebreitet. So laut war diese Stille, dass es Anna in den Ohren geklungen hat.
Lukas hat sich zu ihr umgedreht. Sein Atem ging schwer, die Hand, mit der er eben noch seine Mutter festgehalten hatte, hat leicht gezittert. Er hat Anna angeschaut, als würde er in ihren Augen nach Vorwurf suchen. Oder nach Angst.
„Alles in Ordnung bei dir?“, hat er hervorgebracht. Der ganze Zorn, all die Kälte aus seiner Stimme waren verschwunden. Übrig geblieben sind nur Erschöpfung und Sorge.
Anna ist zu ihm gegangen. Nicht gelaufen, nicht gestürzt — einfach Schritt für Schritt zu ihm hin. Sie hat in diese vertrauten Augen geschaut, die auf einmal so schutzlos gewirkt haben. Und ihr Herz, das noch vor einer Minute vor Wut und Entsetzen gehämmert hatte, ist plötzlich von einer so warmen, stillen Verrücktheit erfüllt worden, dass sie fast lachen musste.
„Ja“, hat sie leise gesagt und ihm die Hand auf die Brust gelegt, wo sein Herz wild gegen ihre Finger geschlagen hat. Dann hat sie ihn fest umarmt, das Gesicht an seinen Hals gedrückt und geflüstert, mit Tränen und Lachen zugleich in der Stimme: „Danke, mein Held. Jetzt ist es wirklich unser Zuhause.“
