Anna ist vor der Tür ihrer eigenen Wohnung gestanden und hat den Schlüssel so fest umklammert, dass ihr die Kanten in die Handfläche gedrückt haben. Der Schlüssel steckte zwar im Schloss, doch drehen ließ er sich nicht. Gerade erst war sie vom Wörthersee zurückgekommen, wo sie eine Woche lang beruflich zu tun gehabt hatte. Alles, woran sie gedacht hatte, waren eine heiße Dusche, frische Sachen und ihr weiches Bett. Stattdessen blieb die Tür verschlossen.
Noch einmal versuchte sie es. Der Schlüssel glitt hinein, aber im Inneren rührte sich nichts. Kein vertrautes Klicken, kein Nachgeben des Mechanismus. Es fühlte sich an, als wäre hinter dem Schloss plötzlich ein völlig anderes Innenleben eingebaut worden.
„Was soll denn der Blödsinn?“, murmelte Anna und zog ihr Handy hervor.
Lukas hob nicht ab. Dreimal rief sie ihn an, dreimal liefen die Freizeichen ins Leere. Schließlich tippte sie eine Nachricht: „Ich steh vor der Tür. Das Schloss geht nicht auf. Bist du daheim?“
Die Antwort kam kaum eine Minute später. Allerdings nicht von Lukas.

„Grüß Gott, liebe Anna! Hier ist Barbara. Lukas ist im Moment beschäftigt, er ist bei mir. Ich habe die Schlüssel zur Wohnung austauschen lassen, solange du weg warst. Die alten passen nicht mehr. Wenn du deine Sachen holen möchtest, ruf bitte vorher an, dann machen wir uns eine Zeit aus.“
Anna las die Nachricht ein zweites Mal. Dann noch ein drittes. Die Buchstaben verschwammen ihr vor den Augen, aber der Sinn blieb gnadenlos klar. Ihre Schwiegermutter hatte die Schlösser austauschen lassen. In Annas Wohnung. In jener Wohnung, für die Anna die Hälfte des Kredits mitbezahlte. In jener Wohnung, in der ihr Sofa stand, ihr Bücherkasten, und im Kühlschrank die Lebensmittel lagen, die sie gekauft hatte.
Langsam ließ sie sich auf eine Stufe im Stiegenhaus sinken. Dass der Beton kalt war, bemerkte sie kaum. In ihrem Kopf kreiste nur ein einziger Gedanke: Das musste ein Irrtum sein. Ein Missverständnis. Lukas würde gleich zurückrufen und alles aufklären.
Fünf Minuten später läutete tatsächlich das Handy.
„Anna, servus“, sagte Lukas. Seine Stimme klang merkwürdig sachlich, fast geschäftsmäßig, als würde er mit einer Kollegin sprechen und nicht mit seiner Frau. „Bist du schon angekommen?“
„Ich steh vor unserer Tür, Lukas. Deine Mutter schreibt mir, sie hätte die Schlösser tauschen lassen. Soll das ein Witz sein?“
„Nein“, antwortete er nach kurzem Schweigen. „Hör zu. Mama und ich haben viel nachgedacht, während du weg warst. Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass es so für alle am besten ist.“
„Was heißt ‚so‘?“ Anna spürte, wie ihre Stimme zu zittern begann, zwang sich aber, ruhig zu bleiben. „Und was soll ‚am besten‘ bedeuten?“
„Die Wohnung ist mein Erbe von der Oma, Anna. Mama meint, sie muss in der Familie bleiben. Und du … na ja, du weißt eh. Kinder haben wir ja nicht einmal geplant. Wozu das Ganze also?“
„Wozu was genau?“, fragte sie nach, obwohl sie die Antwort bereits ahnte und sich trotzdem weigerte, sie zu glauben.
„Unsere Ehe“, sagte Lukas und seufzte. Dieses Seufzen klang nicht traurig, sondern erleichtert, als hätte er endlich einen schweren Rucksack abgestellt. „Mama sagt schon lang, dass du nicht zu mir passt. Zu eigenständig, zu sehr auf deine Karriere fixiert. Nicht einmal ein ordentliches Gulasch gelingt dir jedes Mal. Drei Jahre hab ich das mitgemacht, Anna. Jetzt reicht’s.“
Anna starrte auf das Display. Dort lächelte Lukas ihr auf dem Hintergrundfoto entgegen. Das Bild war im vergangenen Jahr am Wörthersee entstanden. Damals hatte er so glücklich gewirkt.
„Lukas“, sagte sie leise. Ihre Stimme war plötzlich glatt und kalt wie die Oberfläche eines zugefrorenen Sees. „Ich habe 15.000 Euro in diese Wohnung gesteckt. Ich habe alle Belege, alle Kontoauszüge. Du kannst mich nicht einfach vor die Tür setzen.“
„Mama hat das alles schon durchdacht“, sagte er, und im Hintergrund war bereits Barbaras Stimme zu hören. Kurz darauf reichte Lukas offenbar das Handy weiter.
„Annerl, mein Kind“, begann Barbara mit ihrer zuckersüßen Stimme.
