säuselte Barbara in ihrem unverkennbar öligen Tonfall weiter. „Mach jetzt bitte kein Theater. Deine Sachen habe ich ordentlich in Kartons gepackt und in den Keller gebracht. Es ist nichts weggekommen, keine Sorge. Und das Geld … na ja, das zahlen wir dir schon zurück. Nach und nach. Sobald der Lukas wieder richtig auf eigenen Füßen steht.“
„Auf welchen Füßen denn?“ Anna spürte, wie in ihr eine kalte, harte Wut hochstieg. „Er arbeitet in eurer Firma, er bekommt sein Gehalt. Wovon soll er sich bitte erholen?“
„Werd mir gegenüber nicht frech“, schnappte Barbara, und die Süße war aus ihrer Stimme mit einem Schlag verschwunden. „Drei Jahre hast du in der Wohnung meiner verstorbenen Mutter gewohnt. Glaubst du, das war gratis? Sieh es als Miete. Damit sind wir quitt.“
Dann legte sie auf.
Anna blieb noch eine ganze Weile auf den Stufen sitzen. Nachbarn kamen vorbei, grüßten vorsichtig und warfen ihr verwunderte Blicke zu. Sie nahm kaum etwas davon wahr. In ihrem Kopf arbeitete es.
Vor drei Jahren hatte sie Lukas geheiratet, weil sie geglaubt hatte, endlich einen verlässlichen, ruhigen Mann gefunden zu haben. Leidenschaftlich war er nie gewesen, romantisch auch nicht besonders, aber er hatte anständig gewirkt. Solide. Berechenbar. Der einzige Schatten in diesem Bild war seine Mutter gewesen: eine herrische Frau, die ihren Sohn behandelte, als gehöre er ihr.
Barbara war ohne Vorankündigung in ihrer Wohnung aufgetaucht, hatte Möbel verrückt, Annas Essen kritisiert und ihr erklärt, wie man Hemden „richtig“ bügelt. Anna hatte es geschluckt. Gelächelt. Sich eingeredet, dass Barbara sie mit der Zeit schon als Teil der Familie akzeptieren würde.
Doch Barbara hatte nie vorgehabt, sie aufzunehmen. Sie hatte gewartet. Drei Jahre lang hatte sie ihr Netz gesponnen und ihrem Sohn Tropfen für Tropfen Gift ins Ohr gegossen. Und jetzt, genau in dem Moment, in dem Anna beruflich weg gewesen war, hatte die Spinne zugeschlagen.
Anna stand auf, klopfte sich den Mantel ab, zog das Handy hervor und rief ihre Freundin an.
„Hannah, servus. Kann ich heute bei dir übernachten? Ich erklär dir alles, wenn ich da bin.“
Die nächsten drei Tage funktionierte Anna wie im Ausnahmezustand. Sie suchte sich einen Rechtsanwalt, klaubte sämtliche Unterlagen zur Wohnung zusammen und ließ sich die Kontoauszüge der letzten drei Jahre geben. Dabei erfuhr sie, dass Barbara die Schlösser gar nicht ohne Zustimmung aller Eigentümer hätte austauschen dürfen. Und laut Heiratsurkunde sowie dem Vertrag zum Wohnkredit war auch Anna als Beteiligte eingetragen.
Der Anwalt war ein gescheiter, abgeklärter Mann mit dem müden Blick eines Menschen, der schon zu viele Familienkriege gesehen hatte.
„Ein Klassiker“, meinte er trocken, während er die Papiere durchblätterte. „Die Frau Mama will das Söhnchen vor der ,falschen‘ Ehefrau retten. So etwas habe ich oft genug erlebt. Nur hat sie es hier übertrieben. Wenn man Ihnen ohne Ihre Zustimmung den Zugang verweigert, ist das im Grunde ein eigenmächtiger Eingriff in Ihr eigenes Vermögen. Wir können wegen verbotener Eigenmacht beziehungsweise Besitzstörung vorgehen und auch eine Anzeige prüfen.“
„Und die Wohnung selbst?“, fragte Anna.
„Die Sache ist während der Ehe gelaufen. Dass Ihr Mann sie ursprünglich geerbt hat, ist nicht automatisch das Ende der Geschichte. Sie haben in den Kredit eingezahlt und die Sanierung mitfinanziert. Haben Sie Belege?“
„Jeden einzelnen.“
„Dann steht Ihnen im Fall einer Scheidung eine Ausgleichszahlung zu. Und zwar keine kleine.“
Anna nickte nur. Scheidung. Das Wort jagte ihr plötzlich keine Angst mehr ein. Es klang eher wie ein anderes Wort für Freiheit.
Am vierten Tag rief sie Lukas an.
„Wir müssen uns treffen. Und reden.“
Er sagte widerwillig zu, ganz offensichtlich auf Anweisung seiner Mutter, die vermutlich den Ablauf dieser angeblichen Rückzahlung kontrollieren wollte. Sie vereinbarten ein Treffen in einem kleinen Café, nicht weit von ebenjener Wohnung entfernt.
