„Was ich will?“, sagte Anna ruhig. „Die Scheidung. Und mein Geld. Fünfzehntausend Euro. Ihr könnt das Auto verkaufen, bei dessen Auswahl ich dir übrigens geholfen habe. Oder du borgst es dir von deiner Mutter. Mir ist das wurscht. Ihr habt einen Monat Zeit, die Summe aufzutreiben. Danach geht es vor Gericht.“
Sie erhob sich und ließ das unberührte Häferl Tee auf dem Tisch stehen.
„Und noch etwas“, fügte sie hinzu, schon fast bei der Tür, und drehte sich noch einmal um. „Meine Sachen aus dem Keller. Morgen um zehn komme ich mit Möbelpackern. Sollte auch nur ein einziges Buch beschädigt sein, kommt seelischer Schadenersatz zur Klage dazu.“
Dann verließ sie das Café, ohne sich noch einmal umzuschauen.
Einen Monat später war die Scheidung durch. Lukas hat, von Barbara angetrieben, zuerst versucht zu verhandeln, dann zu drohen, und am Ende ist er sogar in Tränen ausgebrochen. Doch Anna ist hart geblieben. Sie bekam ihr Geld — nicht die vollen fünfzehntausend Euro, aber zwölftausend. Für einen Vergleich war das ein mehr als annehmbares Ergebnis.
Mit diesem Betrag leistete sie die Anzahlung für eine kleine Garçonnière in einem neuen Wohnhaus. Eine helle, freundliche Wohnung mit einem riesigen Fenster und Blick auf den Park. Keine Schwiegermutter. Kein Mann, der sich von seiner Mutter dirigieren ließ. Keine fremden Regeln mehr.
Am Tag des Umzugs war Anna gerade dabei, ihre Bücher in die neuen Regale zu stellen, als es an der Tür läutete. Draußen stand eine Nachbarin, eine ältere Dame mit warmen, aufmerksamen Augen.
„Grüß Gott! Ich bin Elisabeth, von nebenan“, sagte sie und hielt ihr einen Kuchen entgegen. „Ich hab Ihnen etwas mitgebracht. Zum Einstand.“
Anna lächelte und nahm den Teller mit dem duftenden Gebäck entgegen.
„Das ist aber lieb von Ihnen. Kommen Sie doch herein, ich hab gerade Wasser aufgestellt.“
Sie tranken Tee und kamen rasch ins Plaudern. Elisabeth stellte sich als ehemalige Lehrerin heraus, lebhaft, herzlich und angenehm unkompliziert. Sie erzählte Anna vom Haus, von den Nachbarn und davon, dass im Park jeden Donnerstag eine Blasmusikkapelle spielte.
Nach einer Weile fragte sie vorsichtig: „Sind Sie allein eingezogen?“
Anna nickte. „Ja. Ich bin erst vor Kurzem geschieden worden.“
Elisabeth seufzte leise. „Dann soll ich wohl sagen: mein Beileid. Oder vielleicht eher: herzlichen Glückwunsch?“
Anna dachte kurz nach.
„Eher Glückwunsch“, sagte sie schließlich. „Es war die richtige Entscheidung.“
Am Abend, als Elisabeth gegangen war und die letzten Kartons endlich ausgeräumt waren, setzte sich Anna auf ihr Sofa. Genau auf jenes Sofa, das sie sich von ihrem ersten Gehalt gekauft hatte. Jenes Sofa, das Barbara hatte wegwerfen wollen, weil es angeblich „völlig altmodisch“ war.
Anna blickte hinaus auf die Lichter der Stadt und dachte daran, wie seltsam das Leben manchmal spielte.
Drei Jahre lang hatte sie versucht, in eine Familie hineinzupassen, die nie wirklich Platz für sie gemacht hatte. Drei Jahre hatte sie geschluckt, nachgegeben, sich verbogen und gehofft. Und dann hatte eine einzige Woche gereicht, damit alles zusammenbrach. Oder hatte sich in Wahrheit alles gelöst?
Ihr fielen Barbaras Worte wieder ein: „Du wirst allein bleiben. Wer braucht dich denn so?“
Anna lächelte.
Sie brauchte sich selbst. Und das war genug.
Das Handy gab einen kurzen Ton von sich. Eine Nachricht von Lukas: „Anna, Mama ist krank geworden. Der Stress. Das ist alles wegen dir. Ich hoffe, du schämst dich.“
Anna las die Zeilen, zog nur die Schultern hoch und blockierte seine Nummer. Danach blockierte sie auch Barbaras. Anschließend schenkte sie sich ein Glas Wein ein und schaltete ihren Lieblingsfilm ein.
Draußen begann es zu regnen. Die Tropfen klopften gegen die Scheibe, als würden sie applaudieren. Anna hob ihr Glas und sah ihr Spiegelbild im dunklen Fenster an.
„Auf ein neues Leben“, sagte sie laut. „Und darauf, dass ich nie wieder zulasse, dass jemand in meinen Sachen herumwühlt.“
Sie nahm einen Schluck. Der Wein war herb und süß zugleich.
Wie Freiheit.
