„Anna, ich hab nachgedacht und bin zu einem Entschluss gekommen: Mein Gehalt gehört mir. Ich hab’s verdient, also darf ich es auch so ausgeben, wie ich es für richtig halte. Für meine Wünsche, fürs Auto, für Mama. Und leben werden wir von deinem Einkommen. Du bist bei uns ja eh die Sparsame, du findest in jedem Supermarkt noch irgendein Aktionspickerl. Also, das liegt dir.“
Ich rieb weiter mit dem Schwamm über den alten Fettfleck auf den Fliesen hinter dem Herd. So verbissen schrubbte ich, dass mir unter den Gummihandschuhen schon die Fingernägel wehtaten. Das Geräusch war scharf und hässlich, fast wie ein Quietschen. Der Fetzen zuckte in meiner Hand, aber ich drehte mich nicht zu ihm um. In der Nase hing der beißende Geruch vom Putzmittel, vermischt mit dem Duft angebrannter Sauce — Lukas hatte wieder einmal vergessen, die Herdplatte auszuschalten, nachdem er das Gulasch umgefüllt hatte.
„Dein eigenes Geld also“, sagte ich langsam und atmete dabei aus, ohne mit dem Putzen aufzuhören. „Lukas, ist dir eigentlich klar, dass wir zwanzig Jahre lang den Wohnkredit abzahlen und Paul heuer in die Schule kommt? Schulsachen, Gewand, Bücher … Hast du überhaupt eine Vorstellung, was halbwegs ordentliche Lebensmittel kosten, wenn man nicht nur von Nudeln leben will?“
„Geh, fang jetzt nicht schon wieder an“, murmelte Lukas und stapfte mit schweren Fersen über den Laminatboden an mir vorbei. „Du machst aus allem ein Drama. Ich hab ja nicht gesagt, dass ich gar nichts mehr hergeb. Wenn’s wirklich eng wird, fragst du halt, dann überleg ich’s mir. Aber grundsätzlich kümmerst du dich ums Haushaltsgeld. Du bist doch immer die Vernünftige, die Gerechte. Na bitte, dann zeig halt deine Wunder in der Buchhaltung.“
Er ließ sich an den Tisch fallen und drehte den Fernseher so laut auf, dass mir der Lärm sofort in die Schläfen fuhr. Irgendeine depperte Sendung lief, in der alle durcheinanderbrüllten. Das bohrte sich in meinen Kopf nicht weniger grauslich als der Bohrer der Nachbarn. Die über uns waren übrigens auch nicht besser: Seit fast zwei Jahren renovierten sie, und das monotone Dröhnen durch die Wand war längst zur Begleitmusik unseres langsam zerbröselnden Familienlebens geworden.

Ich wischte mir die Hände an der Schürze ab und wandte mich meinem Mann zu. Lukas saß in seinem ausgeleierten Lieblingsleiberl da, stocherte mit einem Zahnstocher zwischen den Zähnen herum und strahlte mit jeder Bewegung aus, dass die Sache für ihn erledigt war. Mein früher so zärtlicher Lukas, der mir einmal versprochen hatte, für mich Berge zu versetzen, war zu einem Mann geworden, der glaubte, als „Familienoberhaupt“ stünden seine Bedürfnisse automatisch an erster Stelle. Meine dagegen würden sich schon irgendwie von selbst auflösen.
„Lukas, meinst du das ernst?“ Ich lehnte mich an die Abwasch und spürte das kalte Metall durch mein Hausleiberl. „Ich verdiene siebenhundert Euro. Davon gehen dreihundertfünfzig für den Kredit weg. Bleiben dreihundertfünfzig. Für drei Personen. Das sind ungefähr hundert Euro pro Kopf im Monat. Du schlägst also vor, dass wir uns zu dritt von drei Euro am Tag ernähren — Paul eingeschlossen?“
„Andere kommen mit noch weniger aus“, sagte er, ohne auch nur den Kopf zu drehen. „Kauf halt Getreide, Erdäpfel, saisonales Gemüse. So viel Fleisch ist sowieso ungesund, hab ich gelesen. Kurz gesagt, Anna, nerv mich nicht damit. Ich fahr morgen neue Felgen fürs Auto anschauen, dafür brauch ich mein Geld.“
In diesem Augenblick begriff ich, dass in seinem Kopf bereits alles sauber sortiert war. Der Plan stand fest. Und ich war darin nur noch ein kostenloser Zusatz, der seinen Komfort sichern sollte.
