„Mein Gehalt gehört mir“, sagte Lukas und drehte den Fernseher so laut auf, dass Anna schweigend weiter schrubbte

Seine feige Gleichgültigkeit bricht mir das Herz.
Geschichten

An seiner „Beute“ durfte ich selbstverständlich keinen Anteil haben.

Der Streit hat sich nicht von heute auf morgen entzündet. Schon seit gut einem halben Jahr hat Lukas immer öfter „vergessen“, Geld fürs Essen dazuzugeben. Einmal war angeblich die Autoversicherung fällig, dann musste er einem Freund etwas borgen, dann brauchte seine Mutter Elisabeth ganz plötzlich einen neuen Fernseher. Ich habe es geschluckt. Zuerst still. Später habe ich Andeutungen gemacht. Irgendwann habe ich gebeten. Und jetzt hat er mir einfach ein Ultimatum hingeknallt.

„Hör zu, Marie“, habe ich am Abend meiner Freundin am Handy vorgejammert, während ich mich im Bad eingesperrt hatte. „Er glaubt wirklich, ich bin ein Fass ohne Boden. Ich schufte in zwei Jobs, damit ich Paul die Nachhilfe zahlen kann, und er kauft sich Felgen fürs Auto.“

„Anna, bist du deppert?“, hat Marie in ihrer gewohnten Direktheit gesagt. „Der sitzt dir auf der Tasche und gibt dir noch die Sporen. Hör auf, ihn durchzufüttern. Ganz einfach. Iss selber, gib dem Kind zu essen, und ihn lässt du links liegen. Soll er halt von seinem ‚privaten‘ Geld im Wirtshaus oder beim Lieferdienst essen, wenn er so wohlhabend ist.“

Damals habe ich nur geseufzt. Leicht gesagt: Koch ihm nichts mehr. Er war doch mein Mann. Ein naher Mensch. Zumindest war er das einmal gewesen.

Am nächsten Morgen bin ich allerdings mit einer seltsamen Klarheit im Kopf aufgewacht. Lukas lag quer über die halbe Matratze verstreut und schnarchte, als würde ihm die Wohnung gehören und ich nur darin geduldet sein. Ich habe ihn angeschaut und in mir war nichts mehr außer dumpfer Gereiztheit. Keine Zärtlichkeit. Kein Bedürfnis, ihm Frühstück zu machen.

Ich bin aufgestanden, habe Paul einen Brei gekocht und mir Kaffee gemacht. Lukas ist erst eine Stunde später in die Küche geschlurft.

„Und wo sind meine Armen Ritter?“, fragte er und starrte auf die leere Pfanne.

„Im Geschäft, Lukas“, sagte ich ruhig, während ich meinen Kaffee trank und durch die Nachrichten am Handy scrollte. „Brot, Eier und Milch kosten Geld. Meine Ausgaben sehen heuer keine Armen Ritter für dich vor. Bei mir haben die Kreditrate und Pauls neue Turnschuhe Vorrang.“

„Ist das jetzt dein Ernst?“ Er zog die Augenbrauen zusammen. „Ich hab Hunger.“

„Dann iss“, sagte ich und nickte zum Regal mit den Vorräten. „Da steht Rollgerste. Soll gut für den Magen sein.“

Er murmelte irgendwas von „weibischen Anfällen“ und ging ohne Frühstück in die Arbeit. Ich dachte tatsächlich, das würde ihn zur Vernunft bringen. Ja eh. Am Abend kam er heim und riss als Erstes den Kühlschrank auf. Drinnen war fast nichts. Nur mein Joghurt stand dort und Pauls Auflauf, den ich ganz bewusst für genau eine Portion gemacht hatte.

„Anna, das ist nicht lustig! Wo ist das Abendessen?“ Er schepperte mit den Töpfen derart herum, dass Paul in seinem Zimmer zusammenzuckte.

„Es gibt kein Abendessen, Lukas. Mein Geld ist aus. Ich habe heute die Betriebskosten gezahlt und Paul eine Jacke für den Herbst gekauft. Bis Ende der Woche bleiben mir dreißig Euro. Das reicht für uns zwei für Kefir und Semmeln. Für deine Steaks ist kein Budget da.“

„Du… du verarschst mich doch!“ Er brüllte so laut, dass sein Gesicht fleckig wurde. „Ich arbeite! Ich bin müde! Ich habe ein Recht darauf, heimzukommen und ordentlich zu essen!“

„Hast du“, antwortete ich, ohne die Stimme zu heben. „Von deinem eigenen privaten Geld. Bestell dir etwas. Oder geh ins Café. Du verdienst ja, also darfst du dir das leisten.“

Fast zwei Stunden lang hat er getobt. Er schrie, ich sei eine miserable Ehefrau, ich würde die Familie kaputtmachen, und er werde schon eine finden, die ihn zu schätzen wisse. Ich saß stumm im Sessel und las in meinem Buch weiter. Paul spielte mit Kopfhörern an der Konsole; an unsere Streitereien war er längst gewöhnt und schaltete sich einfach aus der Wirklichkeit aus. Traurig war es schon.

Hedis Stube