Noch ein Klick.
Als Erstes habe ich den Schlüsseldienst angerufen. Keine Stunde später waren neue Schlösser drinnen. Dieses harte metallische Einrasten hat auf mich beruhigender gewirkt als jede Tablette.
Danach bin ich in der Küche sitzen geblieben. Auf einmal war es still. Sogar die Nachbarn oben hatten endlich aufgehört zu bohren. Durchs Fenster ist ein blasser Mondschein hereingefallen.
Ich hab den Rechner genommen. Also: 700 Euro. Davon 350 für den Kredit. Bleiben 350. Unterhalt … Lukas ist offiziell angestellt, also werde ich ihm über das Gericht schon 150, vielleicht 200 Euro abnehmen können. Zusammen wären das ungefähr 550. Für Paul und mich.
Und wissen Sie was? Das ist mehr, als mir übrig geblieben ist, während ich diesen Vielfraß noch durchgefüttert habe. Ich muss keine fünf Kilo Fleisch mehr pro Woche heimschleppen. Ich muss nicht mehr seine Handy- und Internetrechnungen zahlen. Und ich muss mir auch nicht mehr sein ewiges Gejammer über sein „schweres Leben“ anhören.
„Mama“, Paul ist aus seinem Zimmer gekommen und hat sich verschlafen die Augen gerieben. „Ist Papa weg?“
„Ja, mein Schatz. Papa ist zur Oma gefahren. Für immer.“
Er hat mich unsicher angeschaut. „Sind wir jetzt arm?“
Ich bin zu ihm hinuntergegangen und hab ihn fest an mich gedrückt. „Wir sind frei, mein Kleiner. Und das ist viel wichtiger. Außerdem reicht’s morgen ganz sicher für eine Pizza.“
Er war so schmal, so klein in meinen Armen. In diesem Augenblick ist eine Wut auf Lukas in mir hochgestiegen, die alles andere weggefegt hat. Wie hatte ich das nur so viele Jahre aushalten können? Wie hatte ich zulassen können, dass er meinem eigenen Kind das Geld wegfrisst?
Morgen gehe ich zur Anwältin. Scheidung und Unterhalt, beides sofort. Danach zur Bank. Ich werde um eine Umschuldung oder eine Verlängerung beim Wohnkredit bitten, damit die monatliche Rate kleiner wird. Wird es hart? Natürlich. Verdammt, ich weiß nicht einmal, wie ich Pauls Englischkurs nächsten Monat zahlen soll.
Aber ich werde es schaffen. Frauen sind zäher, als man glaubt. Wir sind wie Unkraut zwischen den Pflastersteinen: Man tritt auf uns herum, und trotzdem drücken wir uns wieder ans Licht.
Im Schlafzimmer hing auf seiner Bettseite noch der Geruch von seinem Aftershave. Ich hab die Bettwäsche heruntergerissen, zusammengeknüllt und in die Waschmaschine gestopft. Das längste Programm. Alles sollte rausgewaschen werden. Der Geruch, die Erinnerungen, diese klebrige Kränkung.
Im Kasten war plötzlich unverschämt viel Platz. Ich hab meine Kleider aufgehängt, die bisher irgendwo in die Ecke gequetscht waren. Schöne Kleider. Bunte. Eines davon werde ich morgen anziehen. Einfach so. Für mich.
Lukas hatte inzwischen sicher zwanzigmal angerufen. Von Elisabeth kam eine Nachricht: „Anna, du machst einen großen Fehler. Der Mann ist das Oberhaupt. Denk an deinen Sohn!“
Hab ich, Elisabeth. Genau an ihn hab ich gedacht. Ihr lieber Sohn wird mein Kind nicht länger auffressen.
Ich hab das Licht abgedreht und mich ins Bett gelegt. Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit saß mir kein harter Knoten im Hals. In der Wohnung roch es sauber, nach frischer Wäsche und meinem liebsten Lavendelspray.
Morgen beginnt ein neues Leben. Ein schwieriges, genau durchgerechnetes, voller Zahlen, Sparpläne und Abstriche. Aber es wird MEIN Leben sein. Ohne das „persönliche Geld“ eines fremden Mannes in meinem Bett.
Ich hab die Augen geschlossen. Irgendwo in der Ferne hat eine Sirene geheult, ein Auto ist vorbeigefahren. Die Stadt ist langsam eingeschlafen. Und ich mit ihr – mit dem sicheren Wissen, dass ich am Morgen als Herrin über mein eigenes Schicksal aufwachen werde. Und über meinen eigenen Kühlschrank.
Würden Sie Ihren Mann von Ihrem Gehalt erhalten?
