„Wenn ihr Julia nicht unter die Arme greifen wollt, dann räumt bitte mit Monatsende die Wohnung“, sagte Barbara so gelassen, als hätte sie nur darum gebeten, ihr die Zuckerdose zu reichen.
Anna hat im ersten Moment gar nicht begriffen, was da gerade ausgesprochen worden war. Auf dem Tisch standen Häferl mit Tee, der bereits lauwarm wurde, ein Teller mit Topfengolatschen und ein kleines Schüsserl Marmelade. Im Nebenzimmer saß die sechsjährige Lena auf dem Sofa und malte eine Papierpuppe an, die sie aus einer alten Zeitschrift ausgeschnitten hatte.
Lukas erstarrte mit dem Löffel in der Hand.
„Mama, meinst du das jetzt ernst?“
„Was soll daran nicht in Ordnung sein?“ Barbara strich die Serviette auf dem Tisch glatt. „Seit sechs Jahren wohnt ihr in meiner Wohnung und zahlt nur die Betriebskosten. Aber sobald man der eigenen Schwester helfen soll, habt ihr plötzlich kein Geld. Dann braucht ihr auch nicht beleidigt sein. Die Wohnung gehört mir. Und ich entscheide, was damit passiert.“

Anna schaute zu ihrem Mann hinüber. Sein Gesicht sah aus, als hätte ihn etwas Schweres, Stumpfes getroffen. In solchen Gesprächen brauchte er immer ein paar Sekunden länger. Nicht, weil er begriffsstutzig gewesen wäre. Er hoffte nur bis zuletzt, dass Menschen aus der eigenen Familie nicht laut aussprechen würden, was sie längst im Kopf mit sich herumtrugen.
Anna dagegen hat sofort verstanden.
Auf genau dieses Gespräch hatte sie im Grunde seit jenem Mittwoch gewartet, an dem Barbara angerufen und mit viel zu munterer Stimme gesagt hatte:
„Kommt am Samstag alle zusammen raus. Wir sitzen gemütlich beisammen und reden in der Familie über eine kleine Sache. Für Lena mach ich Palatschinken.“
Wenn ihre Schwiegermutter „in der Familie“ sagte, bedeutete das nie einfach Tee und Palatschinken. Es hieß vielmehr: Barbara hatte bereits alles beschlossen, die Rollen waren verteilt, und von den anderen wurde nur erwartet, im richtigen Augenblick zustimmend zu nicken.
Die Fahrt zum Haus am Land verlief fast schweigend.
Lena erzählte auf der Rückbank vom Kindergarten, von ihrer Freundin Sophie, die die schönsten Schmetterlinge zeichnen konnte, und von dem Lied, das sie gerade einübten.
Lukas nickte, gab aber Antworten, die nicht recht passten. Anna sah aus dem Fenster und dachte daran, dass auf ihrem Konto 12.400 Euro lagen. Drei Jahre ohne Urlaub. Drei Jahre ohne spontane Einkäufe. Drei Jahre mit Ausgabentabellen, mit Verzicht auf alles Unnötige und mit Sätzen wie: „Lieber nicht jetzt, später einmal.“
Dieses Geld war nicht bloß Geld. Es war die Anzahlung für eine eigene Wohnung.
Barbara lebte beinahe das ganze Jahr über in ihrem Haus am Land.
Es war ein solides Gebäude, gut gedämmt, mit Gastherme, einer kleinen Sauna und zwei Glashäusern. Ihre Zweizimmerwohnung in der Stadt hatte sie vor sechs Jahren „den Jungen überlassen“.
Genau so erzählte sie es allen Nachbarn und Verwandten. Nur Anna hatte vom ersten Tag an den Unterschied zwischen „überlassen“ und „zum Wohnen hineingelassen“ verstanden. In den Unterlagen stand Barbara als Eigentümerin. Sonst niemand.
Beim Mittagessen fragte die Schwiegermutter zuerst ihre Enkelin über den Kindergarten aus, dann klagte sie über die Preise in den Geschäften, und schließlich glitt das Gespräch ganz geschmeidig zu ihrer jüngeren Tochter hinüber.
„Meine Julia ist ein gescheites Mädel“, sagte Barbara mit jenem besonderen Stolz, den Anna seit Jahren kannte. „Goldene Hände hat sie. Sie näht so sauber, dass man es von gekaufter Ware kaum unterscheiden kann. Sie müsste nur endlich ihr eigenes Geschäft aufmachen, statt für andere um ein paar Euro zu schuften.“
Julia saß daneben, schmal, hellwach, mit neuer Frisur und einer Maniküre in der Farbe von warmer Milch. Sie war sechsundzwanzig. In den letzten fünf Jahren hatte sie einmal in einem Vorhangsalon angefangen, dann wieder aufgehört, dann Kinderkleider auf Bestellung genäht und auch das wieder bleiben lassen, weil „die Kundschaft einen fertig macht“.
Nun hatte sie, wie sich herausstellte, einen neuen Traum.
„Ich hab ein Lokal in der Nähe vom Markt gefunden“, sagte Julia und wurde plötzlich lebhaft. „Nicht groß, aber mit viel Laufkundschaft. Ich möchte ein Atelier für Kleidungsreparaturen und Änderungen aufmachen.“
