„Wenn ihr Julia nicht unter die Arme greifen wollt, dann räumt bitte mit Monatsende die Wohnung“, sagte Barbara so gelassen, als hätte sie nur darum gebeten, ihr die Zuckerdose zu reichen

Diese herzlose Aufforderung fühlte sich unmenschlich falsch an.
Geschichten

„Und zusätzlich Vorhänge nähen“, fuhr Julia fort. „Das wird im Moment wirklich gebraucht. Die Leute kaufen weniger neu, sie lassen eher alte Sachen umändern.“

Anna hörte zu, ohne gleich etwas zu sagen. An der Idee selbst war nichts völlig Abwegiges. Natürlich ließen Menschen Hosen kürzen, Reißverschlüsse austauschen, Vorhänge anpassen. Die entscheidende Frage war nur eine andere: Wer sollte den Anfang finanzieren?

„Wie viel brauchst du denn?“, fragte Lukas.

Barbara wirkte, als hätte sie genau auf diesen Satz gewartet.

„Sechstausend Euro“, sagte sie sofort. „Nähmaschinen, Overlock, Arbeitstisch, Schild, zwei Monatsmieten, ein paar Kleinigkeiten. Für euch ist das machbar. Ihr habt ja etwas auf der Seite.“

Anna stellte ihr Häferl langsam auf den Tisch.

„Woher wissen Sie, wie viel wir zurückgelegt haben?“

Ihre Schwiegermutter schaute nicht sie an, sondern ihren Sohn.

„Lukas hat es erzählt. Was ist denn dabei? Darf man vor der eigenen Mutter jetzt schon Geheimnisse haben?“

Anna wandte den Blick zu ihrem Mann. Der senkte schuldbewusst die Augen.

„Ich hab nicht gedacht, dass es einmal darum gehen wird“, sagte er leise. „Ich hab nur erwähnt, dass wir sparen.“

„Und die Summe dazu genannt“, erwiderte Anna ebenso ruhig.

Julia verdrehte die Augen.

„Mein Gott, muss das jetzt sein? Ich bitt euch ja nicht um ein Geschenk für immer. Ich zahl es zurück. Nicht morgen, eh klar, aber nach und nach. Sind wir jetzt eine Familie oder nicht?“

„Wir sind eine Familie“, sagte Anna und nickte. „Gerade deshalb frage ich nach. Julia, hast du ausgerechnet, ab wann sich das Geschäft überhaupt trägt?“

„Was bitte?“

„Wie viele Aufträge brauchst du im Monat, nur um die Miete zu zahlen? Nicht um Gewinn zu machen. Nur damit du nicht ins Minus rutschst.“

Julia schwieg einen Moment.

„Na ja, so ungefähr hab ich schon eine Vorstellung.“

„Ungefähr ist keine Zahl. Wie hoch ist die Miete?“

„Fünfhundertzwanzig Euro. Aber die Lage ist super.“

„Und eine Monatsmiete Kaution kommt dazu?“

„Ja.“

„Dann noch Adaptierung, Strom, Material, Registrierkassa. Wenn du eine zweite Schneiderin beschäftigen willst, reicht ein einfaches Nebenher-Gewerbe nicht mehr so locker. Gewerbeschein, Finanzamt, Sozialversicherung — hast du das alles mitgerechnet?“

„Anna, du bist wie immer“, sagte Julia und verzog das Gesicht. „Mit dir kann man überhaupt nichts normal besprechen. Bei dir klingt alles sofort nach Weltuntergang.“

„Das sind keine Horrorgeschichten. Das sind Zahlen. Sechstausend Euro sind kein Betrag, den man einfach wie ein Packerl Servietten mitnimmt.“

Barbara atmete laut aus.

„Jetzt reicht es aber. Verhör das Mädel nicht, wir sind nicht bei der Bank. Sie braucht eure Unterstützung, keine Prüfung.“

„Unterstützung kann verschieden ausschauen“, sagte Anna. „Man kann ihr helfen, einen Geschäftsplan zu machen, den Mietvertrag durchzuschauen, steuerliche Dinge zu klären. Aber die Hälfte unserer Ersparnisse in ein Vorhaben zu stecken, das nicht ordentlich durchgerechnet ist, können wir nicht.“

„Könnt ihr nicht?“, fragte Barbara scharf. „Oder wollt ihr nicht?“

Lukas rieb sich über die Stirn.

„Mama, die Summe ist wirklich hoch. Wir müssen darüber nachdenken.“

„Worüber denn noch nachdenken?“ Barbara wurde lauter. „Sechs Jahre lang wohnt ihr in meiner Wohnung. Sechs Jahre! Hättet ihr mieten müssen, wären Zehntausende Euro weg gewesen. Stattdessen habt ihr euch ein Polster angespart und jetzt rümpft ihr die Nase.“

„Wir rümpfen nicht die Nase“, sagte Lukas. „Wir sparen für eine eigene Wohnung.“

„Eine eigene?“ Seine Mutter lachte kurz und trocken auf. „Ihr wohnt doch in einer Wohnung. Oder ist euch meine nicht gut genug?“

Genau da sagte Anna das, was sie schon lange in sich herumgetragen hatte.

„Barbara, wir wohnen nicht in unserer Wohnung. Wir wohnen in Ihrer Wohnung. Und heute haben Sie das deutlicher gemacht als je zuvor.“

Am Tisch wurde es still.

Dann fiel von Barbara jener Satz, der alles endgültig verschob:

„Wenn ihr Julia nicht helfen wollt, dann räumt ihr die Wohnung bis Ende des Monats.“

Ein paar Sekunden später war nichts mehr wie vorher.

Anna stand als Erste vom Tisch auf.

„Gut“, sagte sie. „Wir ziehen aus.“

Barbara blinzelte.

„Ich hab nicht gesagt, dass ihr heute noch gehen müsst.“

„Da haben Sie recht. Es ist Ihre Wohnung. Also ist es auch für uns an der Zeit, nach unseren eigenen Bedingungen zu leben.“

Hedis Stube