„Anna, wart einmal“, sagte Lukas heiser.
Aber sie war bereits aufgestanden und ins Zimmer gegangen, um Lena zu holen.
Die Fahrt heim hat sich endlos angefühlt.
Lena ist im Auto eingeschlafen, den Kopf gegen ihr Stofftier gedrückt. Lukas ist gefahren, ohne ein Wort zu sagen, die Hände so fest ums Lenkrad geklammert, dass seine Knöchel ganz hell geworden sind. Auch Anna hat geschwiegen. Nicht, weil sie beleidigt gewesen wäre. Sondern weil sie einfach nicht mehr konnte. Manchmal ist ein Gespräch nicht dann vorbei, wenn alles ausgesprochen ist, sondern dann, wenn es nichts mehr zu erklären gibt.
Zu Hause haben sie Lena ins Bett gebracht. Danach sind sie in der Küche sitzen geblieben.
„Hast du das absichtlich gemacht?“, fragte Lukas irgendwann.
„Was genau?“
„Dieses: Gut, wir ziehen aus. Als hättest du das längst beschlossen.“
„Ich hab das nicht heute beschlossen“, sagte Anna ruhig. „Eigentlich schon vor langer Zeit. Ich hab nur gehofft, dass es nicht so weit kommt.“
Er senkte den Blick.
„Das ist meine Schuld. Ich hätte meiner Mutter nichts vom Geld erzählen dürfen.“
„Es geht nicht nur ums Geld, Lukas. Es geht darum, dass deine Mutter diese Wohnung die ganze Zeit als Druckmittel gesehen hat. Bis jetzt hat es ihr nur besser gepasst, nichts zu sagen.“
„Sie war aufgebracht.“
„Nein. Sie hat gesagt, was sie denkt. In solchen Momenten verplappern sich Menschen nicht. Sie lassen heraus, was ohnehin in ihnen steckt.“
Lange sagte er gar nichts. Dann fragte er leise:
„Und wie geht es jetzt weiter?“
„Jetzt suchen wir für ein paar Monate eine Mietwohnung. Und dann nehmen wir einen Wohnkredit auf. Eine Anzahlung haben wir. Den staatlichen Familienzuschuss können wir auch einbringen. Ja, es wird zach. Aber dafür kann uns niemand mehr vorrechnen, wie viel seine angebliche Güte wert ist.“
Lukas saß da und starrte auf die Tischplatte. Anna sah ihm an, wie weh ihm das alles tat. Er war kein Muttersöhnchen, keiner, der bei jedem Wink sofort lief.
Aber tief in ihm steckte noch immer diese alte kindliche Gewohnheit: Die Mutter muss man schonen. Die Mutter darf man nicht kränken. Die Mutter meint es doch gut.
„Willst du wirklich weg?“, fragte er.
„Ich will eine Tür mit unserem eigenen Schlüssel aufsperren und wissen, dass uns niemand hinauswerfen kann, nur weil ihm gerade etwas nicht passt.“
Eine Woche später hatten sie eine Mietwohnung gefunden.
Sie lag nicht in der Nähe vom Kindergarten, war nicht so hell, wie Anna es sich gewünscht hätte, und einen Geschirrspüler gab es auch nicht, an den sie sich längst gewöhnt hatte. Dafür hatte Lena ein eigenes Zimmer.
Gepackt haben sie abends. Anna stellte Geschirr in Kartons, schrieb mit Filzstift „Küche“, „Bücher“ und „Lenas Spielsachen“ darauf.
Die Schlüssel brachte Lukas allein zu seiner Mutter. Er kam spät zurück, mit fahlem Gesicht und geröteten Augen.
„Was hat sie gesagt?“, fragte Anna.
„Dass ich undankbar bin. Dass du mich gegen die Familie aufhetzt. Dass Julia wenigstens versucht, etwas aus ihrem Leben zu machen, während wir nur an uns denken.“
„Und du?“
„Ich hab mich zum ersten Mal in meinem Leben nicht gerechtfertigt.“
Der erste Monat in der Mietwohnung war hart.
In der Früh brachte Anna Lena in den Kindergarten, danach fuhr sie in die Buchhaltung arbeiten. Am Abend holte sie ihre Tochter wieder ab, kochte, rechnete Ausgaben durch und überlegte, wo sie noch ein bissl sparen konnten.
Lukas nahm zusätzliche Einsätze an. Er arbeitete als Monteur für Klimaanlagen und Lüftungen, und die Saison hatte gerade begonnen. Beide waren abends so erledigt, dass sie einschliefen, kaum dass der Kopf das Polster berührt hatte.
Trotzdem verschwand das Geld auf dem Konto nicht einfach. Und als die Bankberaterin ihnen schließlich die verschiedenen Möglichkeiten für den Wohnkredit vorlegte, spürte Anna plötzlich nicht Angst, sondern Erleichterung.
„Die monatliche Rate liegt bei rund dreihundertzehn Euro“, sagte die Mitarbeiterin und schob ihnen den Ausdruck hin. „Unter Berücksichtigung Ihrer Eigenmittel und des Familienzuschusses. Laufzeit: zwanzig Jahre.“
Zwanzig Jahre klangen furchteinflößend. Aber noch viel schlimmer war der Gedanke, wieder von der Laune eines anderen Menschen abhängig zu sein.
Die passende Wohnung fanden sie nicht gleich. Anna fuhr mit dem Makler durch die halbe Stadt und schaute sich eine Möglichkeit nach der anderen an. Am Ende entschieden sie sich für eine kleine Zweizimmerwohnung in einem Neubau am Stadtrand. Ein gutes Stück draußen. Ohne teuren Designerumbau.
