Dafür gingen die Fenster in den Hof hinaus, und im Kinderzimmer hatten nicht nur ein Schreibtisch und ein Bett Platz, sondern sogar ein Kasten.
Über Barbara redeten sie kaum noch. Nicht, weil sie besonders großherzig gewesen wären. Es fehlte ihnen schlicht die Kraft, dieselben Verletzungen immer wieder aufzuwärmen.
Ab und zu rief sie Lukas an. Die Gespräche wurden mit der Zeit kürzer. Kein bestimmender Ton mehr, keine Ratschläge von oben herab. Einmal hörte Anna zufällig, wie er sagte:
„Nein, Mama, wir haben kein Geld übrig. Wir zahlen jetzt unseren Wohnkredit.“
Und zum ersten Mal lag in seiner Stimme weder Schuldgefühl noch die Bitte, verstanden zu werden.
Von Julias Atelier erfuhren sie im Herbst.
Anna traf vor einem Geschäft eine frühere Nachbarin ihrer Schwiegermutter, sie kamen ins Plaudern, und dabei erzählte die Frau, was passiert war.
Julia hatte den Raum tatsächlich gemietet. Barbara hatte dafür einen Konsumkredit aufgenommen, ihre Ersparnisse dazugelegt und außerdem überstürzt Mieter in die Stadtwohnung gesetzt, in der Hoffnung, mit der Miete zumindest die monatliche Rate abfedern zu können.
Laufkundschaft gab es beim Markt schon, aber längst nicht genug. Die Leute kamen herein, fragten nach Preisen und gingen wieder. Maßgefertigte Vorhänge bestellte kaum jemand. Eine Hose kürzen, einen Reißverschluss einnähen – ja, das schon. Aber damit ließ sich eine Miete von rund fünfhundertzwanzig Euro im Monat nicht hereinbringen.
Nach drei Monaten kündigte die zweite Näherin. Einen Monat später gab auch noch die Overlockmaschine den Geist auf. Julia sperrte zu.
Mit den Mietern hatte Barbara ebenfalls kein Glück.
Eine Familie zog aus, ohne den letzten Monat zu bezahlen. Die nächste hinterließ offene Betriebskosten und ein angebranntes Fensterbrett in der Küche. Zum ersten Mal seit vielen Jahren sah Barbara ihre „Rettung in der Hinterhand“ nicht mehr als Trumpfkarte der Familie, sondern als Quelle endloser Scherereien.
Angerufen hat sie im Jänner.
Anna schnitt gerade Salat, Lena spielte am Boden, und Lukas baute neue Hocker zusammen.
„Meine Mutter“, sagte er, nachdem er aufs Display geschaut hatte.
Anna sagte nichts.
Er ging ins Zimmer hinüber, doch einzelne Sätze drangen trotzdem bis zu ihr.
„Ja, Mama … ich hab’s verstanden … Nein, ich kann die Rate nicht übernehmen … Nein, nicht weil ich nicht will … weil ich selber eine Familie und Verpflichtungen habe … Mama, bitte, jetzt reicht’s, fang nicht wieder damit an …“
Ein paar Minuten später kam er zurück und setzte sich an den Tisch.
„Sie bittet mich, ihr zu helfen, ordentliche Mieter zu finden. Sie sagt, sie ist müde.“
„Und was hast du geantwortet?“
„Dass ich mich bei Kollegen umhöre. Mehr nicht.“
Anna nickte. Genau so war es richtig. Sich nicht wieder hineinziehen lassen – aber auch nicht aus alter Kränkung zurückschlagen.
„Tut sie dir leid?“, fragte sie leise.
Lukas dachte einen Moment nach.
„Ja. Schon. Aber ich glaube, ich hab zum ersten Mal etwas wirklich begriffen: Mitleid darf einen nicht die eigenen Interessen kosten.“
Anna lächelte nur mit einem Mundwinkel.
„Spät begriffen. Aber immerhin.“
Er schnaubte belustigt.
Sie aßen in ihrer eigenen Küche zu Abend. Draußen fiel Schnee, im Kinderzimmer brannte auf dem Fensterbrett die kleine Lampe in Form eines Hauses, die Lena jeden Abend einschaltete. Der Eiskasten summte leise, der Wasserkocher klickte, und Lukas stand auf, um Tee einzuschenken.
Ein ganz gewöhnlicher Abend. Eine ganz gewöhnliche Familie. Nur konnte jetzt niemand mehr hereinkommen und sagen: „Räumt die Wohnung.“
Manchmal tauchte vor Annas innerem Auge noch immer Barbaras Gesicht auf, genau in jenem Augenblick, als Anna ruhig gesagt hatte: „Gut, dann ziehen wir aus.“
Wahrscheinlich war die Schwiegermutter bis zuletzt überzeugt gewesen, ihr Sohn werde sie beschwichtigen, die Schwiegertochter werde in Tränen ausbrechen, und am Ende würde alles wieder in diesem vertrauten, nachgiebigen Satz münden: „Na gut, Mama, wie du meinst.“
Doch selbst die festeste Abhängigkeit reißt mit einer einzigen Entscheidung. Danach packen Menschen einfach ihre Kartons und gehen in ihr eigenes Leben.
Und vielleicht ist die schwierigste Frage in einer Familie gar nicht die nach dem Geld. Sondern die, an welchem Punkt Dankbarkeit enden muss, damit sie nicht zu einer lebenslangen Abgabe wird.
