— Frieden in der Familie ist etwas Schönes, — erwiderte Anna. — Sagen Sie das Lukas. Zeit hat er ja, er wohnt jetzt bei Ihnen.
Dann legte sie auf.
Ihre Hände zitterten nicht. Das stellte sie mit einer fast überraschten Erleichterung fest.
Am Abend räumte sie den Kasten im Schlafzimmer aus. Vor sich hergeschoben hatte sie das schon lange; drinnen hatte sich längst ein unglaubliches Durcheinander angesammelt: alte Pullover, irgendwelche Schachteln, Ladegeräte von Handys, die es gar nicht mehr gab. Anna legte alles aufs Bett, sortierte, faltete zusammen und packte manches in Sackerl für die Caritas.
Ganz unten im Fach fand sie einen alten Kapuzenpullover von Lukas. Grau, weich, an den Ellbogen ausgeleiert. Früher hatte er ihn geliebt, getragen hatte er ihn aber schon ewig nicht mehr. Anna hielt den Stoff eine Weile in den Händen. Dann legte sie den Pullover beiseite.
Gegen zehn am Abend kam eine Nachricht. Nicht von Lukas. Von einer unbekannten Nummer.
Grüß Gott. Sind Sie zufällig Anna Larina? Wir waren gemeinsam in der Schule. Mein Name ist Felix.
Anna las die Zeilen zweimal. Felix. Der Name sagte ihr etwas, verschwommen, wie ein Gegenstand, den man in einem längst verlassenen Zimmer wiederfindet. Groß war er gewesen, still, in Physik hatte er am Fenster gesessen. Später war er plötzlich weg gewesen, mit den Eltern übersiedelt, glaubte sie.
Sie legte das Handy weg, ohne zu antworten.
Trotzdem musste sie lächeln.
Draußen kam die Stadt allmählich zur Ruhe. Anna verschnürte die Sackerl, stellte sie neben die Tür und löschte im Schlafzimmer das Licht. Der Kapuzenpullover von Lukas blieb auf dem Sessel liegen. Sie hatte noch immer nicht entschieden, was damit geschehen sollte.
Manche Entscheidungen ließen sich nicht an einem einzigen Abend treffen. Das wusste sie genau.
Felix antwortete sie erst am nächsten Morgen, beim Kaffee, beinahe ohne nachzudenken.
Ja, ich bin’s. Servus.
Drei Wörter. Nichts Besonderes. Und doch legte sie das Handy danach mit dem Display nach unten auf den Tisch, als hätte sie etwas versteckt.
Felix schrieb rasch zurück. Er erzählte, er arbeite als Architekt, wohne seit zwei Jahren wieder in derselben Stadt und sei zufällig auf ihr Profil gestoßen, weil ein gemeinsamer Bekannter etwas geteilt habe. Seine Nachrichten waren kurz, ohne Aufdringlichkeit. Dann fragte er, wie es ihr gehe.
Anna schaute auf den Bildschirm und dachte, wie eigenartig das Leben doch war: Ihr Mann war vor drei Tagen ausgezogen, und plötzlich tauchte ein Mensch aus der Schulzeit auf und fragte „Wie geht’s dir?“ in einem Ton, als hätten sie sich erst gestern verabschiedet.
Geht schon, schrieb sie. Es verändert sich gerade alles.
Lukas kam am Samstag, ohne sich anzukündigen. Er läutete unten, Anna drückte auf, ohne nachzufragen. Kurz darauf stand er vor der Wohnungstür, ohne Tasche, ohne Rucksack, in genau derselben Jacke.
— Darf ich reinkommen?
— Komm herein.
Er trat in den Vorraum und sah sich um, als wollte er prüfen, ob sich etwas verändert hatte. Es war alles beim Alten. Dieselben Ablagen, dieselben Schuhe an der Wand, derselbe kleine Teppich.
Sie gingen in die Küche. Anna stellte den Wasserkocher an, nur um mit den Händen etwas zu tun zu haben.
— Mama … — begann Lukas und brach ab.
— Was ist mit deiner Mutter?
Er setzte sich an den Tisch und fuhr sich mit beiden Händen übers Gesicht. Er wirkte erschöpft. Nicht gespielt, sondern wirklich müde, so wie jemand aussieht, der mehrere Nächte hintereinander schlecht geschlafen hat.
— Am dritten Tag hat sie angefangen, mir zu erklären, wie man Gewand richtig zusammenlegt, — sagte er. — Dann hat sie meine Bücher umgestellt. Danach hat sie mich gebeten, die Zimmertür nicht zuzumachen, weil es ihr „unangenehm“ sei, wenn sie geschlossen ist.
Anna sagte nichts. Sie goss heißes Wasser in die Häferl.
— Ich weiß, was du jetzt denkst, — meinte Lukas.
— Eher nicht, — antwortete sie ruhig.
— Dass ich selbst schuld bin.
— Ich denke daran, dass das erst seit drei Tagen so läuft, Lukas. Drei Tage. Ich habe damit drei Jahre gelebt, nur eben auf Abstand. Stell dir vor, sie wäre wirklich hier eingezogen.
Er schwieg.
Zwischen ihnen stand der Tee, dampfend und unberührt.
— Hat sie dich angerufen? — fragte er schließlich.
— Ja.
— Was hat sie gesagt?
— Dass sie Frieden in der Familie möchte und dass es ihr unangenehm ist, sich einzumischen.
Lukas lachte kurz auf, ohne jede Freude.
— Kommt mir bekannt vor.
— Ich weiß.
Wieder schwiegen sie. Draußen im Hof versuchte jemand, ein Auto zu starten; lange und stur drehte der Motor durch, ohne anzuspringen.
— Anna, — sagte Lukas, — ich weiß nicht, wie ich das wieder gutmachen soll. Ehrlich. Ich verstehe ja, dass sie … dass es mit ihr nicht immer einfach ist. Aber sie ist meine Mutter. Ich kann doch nicht einfach …
— Niemand sagt, dass es einfach ist, — unterbrach ihn Anna. — Niemand verlangt, dass du sie fallen lässt oder vergisst. Aber du hast dich jedes Mal für sie entschieden. Nicht für uns, sondern für sie. Und du hast dabei so getan, als wäre das gar keine Entscheidung, sondern selbstverständlich.
Lukas starrte auf die Tischplatte.
— Ich hab es nicht gesehen.
— Ich weiß, dass du es nicht gesehen hast. Genau das ist ja das Problem.
Nach einer Stunde ging er. Versöhnt hatten sie sich nicht, gestritten aber auch nicht. Sie hatten einfach geredet. Vielleicht zum ersten Mal seit sehr langer Zeit wirklich.
Im Stiegenhaus drehte er sich noch einmal um.
— Darf ich wiederkommen?
— Ja, — sagte Anna. — Darfst du.
Mit Felix traf sie sich am Mittwoch — zufällig und doch nicht ganz zufällig. Er schrieb, er sei beruflich öfter in ihrer Gegend, und fragte, ob sie mit ihm einen Kaffee trinken würde. Anna überlegte nur einen Augenblick und sagte zu.
Das Café war klein, im Erdgeschoß eines alten Hauses, mit Holzsesseln und einer Speisekarte, die mit Kreide auf eine Tafel geschrieben war. Felix war genau so, wie sie ihn undeutlich in Erinnerung gehabt hatte: groß, zurückhaltend, mit einer ruhigen Art, aufmerksam zuzuhören.
