Nicht nur aus Höflichkeit, sondern wirklich.
Sie haben fast zwei Stunden miteinander geredet. Über die Schulzeit ist es vielleicht zehn Minuten gegangen, länger nicht. Danach haben sie über die Arbeit gesprochen, über die Stadt, über dieses seltsame Gefühl, dass sich rundherum alles schneller verändert, als man selber nachkommen kann.
Nach ihrem Mann hat Felix nicht gefragt. Und Anna hat von sich aus nichts erzählt.
Als sie hinausgegangen sind, hat er gesagt:
„Ich bin froh, dass du damals geantwortet hast.“
„Ich auch“, sagte Anna. Und es stimmte.
Eine Woche nach dem ersten Anruf meldete sich Maria noch einmal. Diesmal klang ihre Stimme anders. Nicht leidend, nicht weinerlich, sondern hart — und sie gab sich kaum Mühe, diese Härte zu verbergen.
„Ich möchte, dass du eines weißt“, sagte sie. „Lukas kommt heim. Zu mir. Er ist immer zurückgekommen.“
Anna schwieg und hörte zu.
„Du hältst dich wahrscheinlich für besonders gescheit“, fuhr Maria fort. „Aber Frauen wie dich habe ich schon genug gesehen. Sie tauchen auf, verschwinden wieder. Ich aber bleibe.“
„Maria“, sagte Anna ruhig, „Sie haben recht. Sie bleiben. Das ist Ihre Entscheidung und Ihr Leben. Aber Lukas ist erwachsen. Und was er entscheidet, gehört ihm.“
Für einen Moment war nur Stille in der Leitung.
„Das werden wir noch sehen“, sagte ihre Schwiegermutter schließlich und legte auf.
Anna legte das Handy auf den Tisch und schaute lange darauf hinunter. Irgendetwas an diesem Gespräch hatte sie unruhig gemacht. Nicht einmal die Worte selbst, eher der Ton. Zu sicher für eine Frau, deren Sohn gerade zu seiner Ehefrau gefahren war, um zu reden. Zu gefasst.
Maria wusste etwas. Oder sie bereitete etwas vor.
Die Antwort kam zwei Tage später — von einer Seite, mit der Anna überhaupt nicht gerechnet hatte.
Barbara rief an, die Nachbarin aus dem Stock darunter. Eine stille Frau um die fünfundfünfzig, der Anna gelegentlich beim Lift begegnete.
„Anna, ich wollte mich wirklich nicht einmischen“, begann sie vorsichtig, „aber ich finde, Sie sollten das wissen. Gestern war eine Frau bei mir. Kräftig, rothaarig, sehr … energisch. Sie hat gesagt, sie sei die Mutter Ihres Mannes. Dann hat sie nach Ihnen gefragt. Wie Sie leben, ob Sie oft allein daheim sind, ob Sie manchmal … Besuch haben.“
In Anna wurde es kalt. Nicht verschwommen, nicht panisch, sondern klar und schneidend, als würde sich ein Teil eines Musters plötzlich exakt an die richtige Stelle schieben.
„Danke, Barbara“, sagte sie. „Gut, dass Sie mich angerufen haben.“
Also so war das. Nicht nur Telefonate, nicht nur diese leidvolle Stimme, nicht nur Vorwürfe. Maria ging weiter. Sie sammelte Auskünfte, legte sich etwas zurecht. Wozu? Um Lukas etwas vorzuhalten? Um seine Zweifel zu füttern?
Anna ging ins Wohnzimmer und setzte sich in den Sessel beim Fenster.
Draußen lief die Stadt weiter wie immer: die Bim, Stimmen auf dem Gehsteig, irgendwo Musik aus einem Auto. Ein ganz gewöhnlicher Tag, in dem sich etwas abspielte, das überhaupt nicht gewöhnlich war.
Sie nahm das Handy und schrieb Lukas: Wir müssen reden. Heute. Es ist wichtig.
Seine Antwort kam nach kaum einer Minute: Bin unterwegs.
Anna legte das Telefon weg und sah zu Lukas’ Kapuzenpulli hinüber. Er lag noch immer auf dem Sessel an der Wand. Grau, weich, an den Ellbogen ausgeleiert.
Manche Dinge warten. Manche Menschen auch.
Die Frage ist nur, worauf genau.
Lukas kam vierzig Minuten später.
Anna erzählte ihm alles. Kurz, ohne Ausschmückungen. Von Barbaras Anruf. Von dem Besuch. Von den Fragen, die seine Mutter der Nachbarin gestellt hatte.
Er hörte zu, ohne sie zu unterbrechen. Sein Gesicht wurde schwerer, aber nicht vor Wut. Eher durch etwas anderes. Durch eine Einsicht, die spät kommt und deshalb besonders unangenehm ist.
„Sie hat mir nicht gesagt, dass sie hier war“, sagte er schließlich.
„Ich weiß.“
„Warum macht sie so etwas …“
„Lukas.“ Anna sah ihn direkt an. „Verstehst du das wirklich nicht?“
Er antwortete nicht. Aber in seinem Gesicht stand, dass er es verstand.
Eine Weile sagten beide nichts. Dann stand er auf und ging zum Fenster — genau zu dem Fenster, an dem er an jenem Abend gestanden hatte, als alles begonnen hatte. Er blieb dort, den Blick nach draußen gerichtet. Dann drehte er sich um.
„Ich rufe sie an“, sagte er. „Jetzt gleich.“
„Warte“, hielt Anna ihn zurück. „Nicht sofort. Überleg dir zuerst, was du sagen willst. Nicht, was man sagen müsste. Sondern was du selber willst.“
Lukas sah sie an.
„So redest du zum ersten Mal mit mir.“
„Und du bist zum ersten Mal bereit, es zu hören.“
Ganz kurz verzog sich sein Mund zu einem Lächeln, kaum sichtbar, nur an einem Mundwinkel. Anna erinnerte sich plötzlich daran, wie er am Anfang gelächelt hatte — leicht, selbstverständlich, ohne jede Anstrengung. Wann genau dieses Lächeln verschwunden war, hätte sie nicht sagen können.
„Ich hole meine Sachen“, sagte er leise. „Wenn es für dich in Ordnung ist.“
„Es ist in Ordnung.“
Er ging ins Schlafzimmer. Anna blieb im Wohnzimmer sitzen und hörte, wie der Kasten geöffnet wurde, wie Laden auf- und zugeschoben wurden. Vertraute Geräusche. Fast häuslich.
Nach einer Weile kam Lukas mit einem Rucksack zurück. Er sah den Kapuzenpulli auf dem Sessel, nahm ihn in die Hand und drehte ihn kurz hin und her.
„Ich dachte, du hast ihn weggeworfen.“
„Bin nicht dazugekommen“, sagte Anna.
Er steckte den Pulli in den Rucksack, zog den Reißverschluss zu und blieb bei der Tür stehen.
„Anna. Ich verspreche nicht, dass ich sofort alles begreife. Aber ich werde es versuchen.“
„Ich weiß“, sagte sie. „Geh.“
Die Tür fiel leise ins Schloss, ohne unnötigen Lärm.
Anna setzte sich wieder in den Sessel beim Fenster. Hinter der Scheibe hatte sich nichts verändert: die Bim, die Stimmen, irgendwo Musik. Aber in ihr war endlich etwas an seinen Platz gerückt. Kein Glück, nein. Nur Klarheit. Still, fest, ihre eigene.
Das Handy lag neben ihr. Eine neue Nachricht war da — von Felix: Wie geht’s dir?
Anna lächelte. Dann schrieb sie zurück: Besser. Ich erzähl’s dir, wenn wir uns sehen.
Sie legte das Telefon beiseite und schaute hinaus.
Das Leben ging weiter.
