„Entweder Mama zieht zu uns, oder ich geh zu ihr. Und zwar endgültig.“ sagte Lukas und stellte Anna vor die Wahl zwischen Mutter und Ehe

Diese verzweifelte Forderung ist rührend und ungerecht.
Geschichten

— Du hast … ein Taxi bestellt? Für mich?

— Für wen denn sonst?

Im Vorzimmer ist es ganz still gewesen. Nur aus dem Wohnzimmer hat die alte Wanduhr getickt, jene vom Flohmarkt, die sie in ihrem ersten gemeinsamen Jahr gekauft hatten. Anna hatte damals gelacht, weil sie immer drei Minuten nachging, und Lukas hatte gemeint: Hauptsache, sie geht überhaupt.

— Das ist dein Ernst, — sagte er. Diesmal klang es nicht mehr wie eine Feststellung, sondern wie eine Frage.

— Vollkommen.

In seinem Gesicht verschob sich etwas. Anna hätte nicht sagen können, was genau. Seine Verwirrung bekam eine andere Farbe, wurde tiefer, schwerer. Als wäre er eine vertraute Straße entlanggegangen und hätte auf einmal gemerkt, dass sie einfach aufhörte.

In ihrer Tasche vibrierte das Handy. Anna zog es heraus und warf einen Blick auf das Display.

— Der Fahrer schreibt, er steht bei der zweiten Stiege. Sag ihm, es ist die erste.

Lukas rührte sich nicht.

Von draußen, irgendwo unten auf der Straße, kam ein kurzes Hupen.

Noch etwa eine halbe Minute blieb Lukas im Vorzimmer stehen. Dann hob er die Tasche wieder auf, schwang sich den Rucksack über die Schulter und ging hinaus, ohne ein weiteres Wort zu sagen. Die Tür fiel ins Schloss. Sie knallte nicht. Beinahe war gerade das verletzender, als wenn sie zugeknallt wäre.

Anna wartete, bis seine Schritte im Stiegenhaus verklungen waren. Erst dann ging sie ins Wohnzimmer, setzte sich auf das Sofa und starrte die Wand an.

Die Uhr tickte weiter. Drei Minuten zu spät. Alles wie immer.

Sie weinte nicht. Seltsam, aber sie weinte tatsächlich nicht. In ihr war nur eine klingende Leere, nicht direkt Schmerz, aber auch keine Erleichterung. Eher so, als hätte man die Hand lange zur Faust geballt und sie dann geöffnet: frei war sie jetzt, doch sie wusste noch nicht, was sie mit dieser Freiheit anfangen sollte.

Das Handy lag auf dem kleinen Tisch neben ihr. Anna nahm es, öffnete den Chat mit Lukas. Seine letzte Nachricht war zwei Tage alt: „Kaufe Brot.“ Sie legte das Telefon wieder weg.

Am nächsten Morgen ist sie um fünf wach geworden. Eine Weile blieb sie noch im Dunkeln liegen und lauschte der Stadt vor dem Fenster: vereinzelte Autos, Stimmen unten im Hof, eine Taube auf dem Fenstersims. Dann stand sie auf, machte Kaffee und setzte sich mit der Tasse an den Küchentisch.

Es war unerwartet ruhig. Auf eine gute Art ruhig.

Lukas hatte viel Raum mit Geräuschen ausgefüllt, und solange er da gewesen war, hatte sie es kaum bemerkt. Der Fernseher, den er immer nebenbei laufen ließ. Die abendlichen Telefonate mit seiner Mutter, die jedes Mal vierzig Minuten dauerten. Seine Gewohnheit, alles laut zu kommentieren: Nachrichten, Nachbarn, Preise im Geschäft.

Anna trank ihren Kaffee aus und fuhr in die Arbeit.

Sie unterrichtete Kunstgeschichte an einem Institut, klein, privat, aber ordentlich geführt. An diesem Tag ging es in ihrer Vorlesung um niederländische Malerei des siebzehnten Jahrhunderts. Die Studierenden hörten, wie üblich, nur halb zu. Aber ein Mädchen in der ersten Reihe — Lena, wenn Anna sich richtig erinnerte — sah sie mit so wacher Aufmerksamkeit an, dass Anna unwillkürlich fast nur für sie sprach.

Nach der Vorlesung kam Claudia herein, eine Kollegin um die fünfzig, praktisch veranlagt, kurz geschnittenes Haar, und mit der Angewohnheit, nie lange um etwas herumzureden.

— Du schaust aus wie jemand, der mies geschlafen hat und trotzdem irgendwie zufrieden damit ist, — sagte sie und setzte sich auf die Tischkante.

— So ungefähr trifft es das.

Anna erzählte es ihr. Knapp, ohne Ausschmückungen. Claudia hörte zu, ohne sie zu unterbrechen, und nickte schließlich.

— Und was machst jetzt?

— Keine Ahnung, — sagte Anna ehrlich. — Ich werd sehen.

Am dritten Tag rief Lukas an.

Anna sah seinen Namen am Display, wartete einen Augenblick und nahm dann ab.

— Na, wie geht’s dir dort? — fragte er. In seiner Stimme lag der Versuch, beiläufig zu klingen, und darunter etwas ganz anderes.

— Ganz gut. Und dir?

— Auch. — Eine Pause. — Bei Mama ist es eh in Ordnung.

— Freut mich.

Wieder Stille. Diesmal länger.

— Hör zu, — begann er schließlich, — hast du vielleicht gedacht, dass wir … reden könnten?

— Können wir, — sagte Anna. — Sag mir nur vorher: Hast du deiner Mutter schon erklärt, dass du jetzt auf Dauer bei ihr bist? Hat sie schon angefangen, deinen Kasten einzuräumen?

Lukas schwieg einen Moment.

— Sie ist froh, dass ich da bin, — sagte er vorsichtig.

— Natürlich ist sie das.

Anna konnte sich die Szene ohne Mühe vorstellen: Barbara im Hausmantel, eine Teetasse in der Hand, dieses festgeklebte Lächeln im Gesicht und der Ausdruck eines Menschen, der genau bekommen hatte, was er wollte. Der Sohn wieder daheim. Alles nach Plan.

— Anna, warum bist du denn so …

— Wie denn?

— So kalt.

Sie sah zum Fenster hinaus. Im Hof jagten Kinder einem Ball nach, jemand führte einen Hund spazieren.

— Lukas, ich bin nicht kalt. Ich warte nur darauf, dass du selbst etwas Wichtiges begreifst.

— Was denn?

— Wenn du es begriffen hast, wirst du es mir sagen, — antwortete sie und verabschiedete sich.

Am nächsten Tag meldete sich Barbara bei ihr.

Ehrlich gesagt hatte Anna damit nicht gerechnet. Genauer: Sie hatte schon damit gerechnet, nur nicht so bald.

— Annalein, — begann ihre Schwiegermutter mit der Stimme eines Menschen, dem alles wehtut, der aber tapfer durchhält. — Es ist mir ja unangenehm, mich in eure Angelegenheiten einzumischen …

Natürlich ist es dir unangenehm, dachte Anna.

— … aber ich möchte einfach, dass ihr euch wieder vertragt. Ich will nicht der Grund für eure Schwierigkeiten sein.

— Barbara, — sagte Anna ruhig, — Sie haben mich gerade selbst angerufen. Genau das ist Einmischen.

Für eine Sekunde war es still, nur ganz kurz, aber Anna bemerkte es. Mit dieser Antwort hatte ihre Schwiegermutter nicht gerechnet. Normalerweise schwieg Anna oder sagte etwas Ausweichendes.

— Ich will doch nur, dass in der Familie Frieden herrscht, — sagte Barbara nun, in einem bereits leicht veränderten Tonfall, der ein klein wenig weniger leidend klang.

Hedis Stube