— Frieden in der Familie ist etwas Gutes, — stimmte Anna zu. — Sagen Sie das bitte Lukas. Er hat ja Zeit, er wohnt im Moment bei Ihnen.
Dann legte sie auf.
Ihre Hände zitterten nicht. Das überraschte sie. Und auf eine unerwartete Weise tat es gut, genau das festzustellen: Sie zitterten wirklich nicht.
Am Abend räumte sie den Kasten im Schlafzimmer aus. Sie hatte es schon lange vorgehabt, denn dort hatte sich mit der Zeit ein unglaubliches Durcheinander angesammelt: alte Pullover, irgendwelche Schachteln, Ladekabel von Handys, die es längst nicht mehr gab. Anna legte alles aufs Bett, sortierte, faltete zusammen und steckte die brauchbaren Sachen in Sackerl für die Caritas.
Ganz hinten auf dem untersten Brett fand sie Lukas’ alten Kapuzenpulli. Grau war er, weich, an den Ellbogen schon ausgeleiert. Früher hatte er ihn ständig getragen, seit Ewigkeiten aber nicht mehr. Anna hielt den Pulli eine Weile in den Händen. Dann legte sie ihn beiseite.
Gegen zehn Uhr am Abend kam eine Nachricht. Nicht von Lukas. Von einer Nummer, die sie nicht kannte.
Guten Abend. Sind Sie zufällig Anna Larina? Wir sind miteinander in die Schule gegangen. Ich heiße Maximilian.
Anna las die Zeilen zweimal. Maximilian. Der Name sagte ihr etwas, wenn auch nur verschwommen, wie etwas, das aus einer sehr weit entfernten Zeit herüberwehte. Groß, still, in Physik immer beim Fenster gesessen. Später war er plötzlich weg gewesen, mit den Eltern übersiedelt, wenn sie sich richtig erinnerte.
Sie legte das Handy weg, ohne zu antworten.
Trotzdem musste sie aus irgendeinem Grund lächeln.
Draußen wurde die Stadt langsam leiser. Anna band die Sackerl zu, stellte sie neben die Wohnungstür und drehte im Schlafzimmer das Licht ab. Lukas’ Kapuzenpulli blieb auf dem Sessel liegen. Sie hatte sich nicht entscheiden können, wohin damit.
Manche Entscheidungen trifft man nicht an einem einzigen Abend. Das wusste sie mit Sicherheit.
Maximilian antwortete sie erst am nächsten Tag. In der Früh, beim Kaffee, beinahe ohne nachzudenken.
Ja, ich bin’s. Servus.
Drei Wörter. Nichts Besonderes. Und doch legte sie das Handy danach mit dem Display nach unten auf den Tisch, als hätte sie etwas verstecken müssen.
Maximilian schrieb rasch zurück. Er erzählte, dass er als Architekt arbeite, seit zwei Jahren wieder in derselben Stadt lebe und zufällig auf ihr Profil gestoßen sei, weil ein gemeinsamer Bekannter etwas geteilt hatte. Seine Nachrichten waren knapp, ohne unnötiges Gerede. Dann fragte er, wie es ihr gehe.
Anna sah auf den Bildschirm und dachte: Schon seltsam, dieses Leben. Der eigene Mann ist vor drei Tagen ausgezogen, und plötzlich taucht jemand aus der Schulzeit auf und fragt: Wie geht’s dir? In einem Ton, als hätten sie sich erst gestern verabschiedet.
Ganz in Ordnung, schrieb sie. Alles verändert sich.
Lukas kam am Samstag. Ohne sich anzukündigen. Er läutete unten bei der Gegensprechanlage, und Anna drückte auf, ohne nachzufragen. Kurz darauf stand er vor der Wohnungstür, ohne Tasche, ohne Rucksack, in genau jener Jacke.
— Darf ich reinkommen?
— Komm rein.
Er trat in den Vorraum und schaute sich um, als wollte er überprüfen, ob sich etwas verändert hatte. Es hatte sich nichts verändert. Dieselben Ablagen, dieselben Schuhe an der Wand, derselbe Teppich.
Sie gingen in die Küche. Anna stellte den Wasserkocher an, nur damit ihre Hände etwas zu tun hatten.
— Mama … — begann Lukas und brach wieder ab.
— Was ist mit deiner Mama?
Er setzte sich an den Tisch und fuhr sich mit beiden Händen übers Gesicht. Er sah müde aus. Wirklich müde, nicht aufgesetzt, sondern so, wie jemand aussieht, der mehrere Nächte hintereinander schlecht geschlafen hat.
— Am dritten Tag hat sie angefangen, mir zu erklären, wie man Gewand richtig zusammenlegt, — sagte er. — Danach hat sie meine Bücher umgestellt. Und dann wollte sie, dass ich die Tür zu meinem Zimmer offen lasse, weil es ihr „so ungemütlich ist, wenn sie zu ist“.
Anna sagte nichts. Sie goss kochendes Wasser in die Häferl.
— Ich weiß, was du jetzt denkst, — meinte Lukas.
— Eher nicht, — sagte sie ruhig.
— Dass ich selber schuld bin.
— Ich denke daran, dass das jetzt drei Tage so geht, Lukas. Drei Tage. Ich habe drei Jahre damit gelebt, nur eben auf Abstand. Stell dir vor, sie wäre wirklich hier eingezogen.
Er schwieg.
Der Tee stand zwischen ihnen, heiß und unberührt.
— Hat sie dich angerufen? — fragte er schließlich.
— Ja.
— Was hat sie gesagt?
— Dass sie Frieden in der Familie will und dass es ihr unangenehm ist, sich einzumischen.
Lukas lachte kurz auf, aber ohne jede Heiterkeit.
— Kommt mir bekannt vor.
— Ich weiß.
Eine Weile sagten beide nichts. Draußen im Hof versuchte jemand, ein Auto zu starten. Lange, hartnäckig; der Motor wollte einfach nicht anspringen.
— Anna, — sagte Lukas, — ich weiß nicht, wie ich das wieder gutmachen soll. Ehrlich nicht. Ich verstehe schon, dass sie … dass es mit ihr nicht immer leicht ist. Aber sie ist meine Mutter. Ich kann doch nicht einfach …
— Niemand sagt „einfach“, — unterbrach ihn Anna. — Niemand verlangt, dass du sie fallen lässt oder vergisst. Aber du hast dich jedes Mal für sie entschieden. Nicht für uns, sondern für sie. Und du hast es so getan, als wäre das gar keine Entscheidung, sondern etwas Selbstverständliches.
Lukas starrte auf die Tischplatte.
— Ich habe es nicht bemerkt.
— Ich weiß, dass du es nicht bemerkt hast. Genau das ist ja das Problem.
Nach einer Stunde ging er wieder. Sie hatten sich nicht versöhnt, aber gestritten hatten sie auch nicht. Sie hatten einfach geredet. Vielleicht zum ersten Mal seit langer Zeit wirklich geredet.
Im Stiegenhaus drehte er sich noch einmal um.
— Darf ich wiederkommen?
— Ja, — sagte Anna. — Das darfst du.
Mit Maximilian traf sie sich am Mittwoch. Zufällig und zugleich nicht ganz zufällig. Er hatte geschrieben, dass er beruflich öfter in ihrer Gegend sei, und gefragt, ob sie vielleicht einen Kaffee trinken wolle. Anna überlegte nur einen Augenblick und sagte zu.
Das Kaffeehaus war klein, im Erdgeschoß eines alten Hauses, mit Holzsesseln und einer Speisekarte, die mit Kreide auf eine Tafel geschrieben war. Maximilian war tatsächlich so, wie sie ihn verschwommen in Erinnerung gehabt hatte: groß, leise, einer, der aufmerksam zuhören konnte.
