„Mein Lukaserl, du hast mir doch versprochen, dass ihr mir helft! Red mit deiner Frau, sie will mir kein Geld geben!“ rief die Schwiegermutter im Empfangsbereich der Agentur und wollte Anna vor allen bloßstellen

Ihre Dreistigkeit verletzt und zerstört vertraute Sicherheit.
Geschichten

— „Mein Lukaserl, du hast mir doch versprochen, dass ihr mir helft! Red mit deiner Frau, sie will mir kein Geld geben!“ — die Schwiegermutter hatte sich offenbar vorgenommen, ihre Schwiegertochter vor allen Leuten bloßzustellen.

Anna sortierte gerade Unterlagen auf ihrem Schreibtisch, als Lena, ihre Sekretärin, mit erschrockenem Gesicht ins Büro schaute.

— Frau Anna, draußen ist… eine Frau für Sie. Sie sagt, sie sei Ihre… — Lena stockte kurz — Verwandte. Und sie besteht ziemlich hartnäckig darauf, mit Ihnen zu sprechen.

Anna hob den Blick von den Papieren. Im Empfangsbereich ihrer Werbeagentur waren sonst Kundinnen, Kunden und Geschäftspartner unterwegs, aber Verwandtschaft? Sofort zog sich in ihr ein ungutes Gefühl zusammen.

— Wie schaut sie aus?

— Ungefähr sechzig, beiger Mantel, große Tasche. Sie hat gesagt, sie sei von weiter her gekommen.

Die Schwiegermutter. Anna presste die Lippen aufeinander. Maria war noch nie an ihrem Arbeitsplatz aufgetaucht. In fünf Ehejahren hatte sich zwischen ihnen ein wackeliges Gleichgewicht eingespielt: höfliche Lächeln bei Familienfeiern, pflichtbewusste Sonntagsanrufe, seltene Besuche. Nur war seit etwa einem halben Jahr irgendetwas anders.

Seit Anna zur Art-Direktorin befördert worden war und ihr Gehalt sich beinahe verdreifacht hatte, fuhr Lukas immer öfter zu seiner Mutter. Anfangs wirkte alles harmlos: einen tropfenden Wasserhahn richten, Einkäufe vorbeibringen. Dann begannen die Bitten um Geld. Zuerst waren es kleinere Beträge — für Medikamente, für offene Rechnungen. Anna hatte nichts dagegen gesagt. Sie verstand ja, dass Marias Pension knapp war.

Doch die Wünsche wurden größer. Vor zwei Wochen hatte Lukas um dreihundert Euro gebeten: Seine Mutter müsse dringend den Kühlschrank ersetzen. Anna gab ihm das Geld, obwohl ihr bereits Zweifel kamen. Der alte Kühlschrank funktionierte einwandfrei, sie hatte ihn erst einen Monat davor selbst gesehen. Später stellte sich heraus, dass aus dem Geld ein neuer Pelzmantel für Maria geworden war.

— Mama hat sich einfach geschämt, die Wahrheit zu sagen — hatte Lukas sich herausgeredet. — Es ist ihr unangenehm, für sich selbst um etwas zu bitten.

In der vergangenen Woche sollten dann zweihundert Euro für eine „dringende Dachreparatur“ an Marias Wochenendhäuschen her. Da sagte Anna zum ersten Mal Nein. Lukas war beleidigt, sie stritten. Drei Tage lang sprach er kaum mit ihr, nahm das Geld schließlich aber doch von seinem eigenen Gehalt — obwohl sie vereinbart hatten, heuer für den Urlaub zu sparen.

Und jetzt stand Maria hier. In Annas Büro. Zwischen Kolleginnen, Kollegen und Kundschaft.

— Bitten Sie sie herein — sagte Anna müde.

Maria trat ein, als würde eine Königin gnädig die Hütte einer einfachen Untertanin betreten. Ihr Blick glitt durch den Raum — moderne Möbel, große Fenster, frische Blumen am Fensterbrett —, dann wurden ihre Lippen zu einem schmalen Strich.

— Na schau, so hast du dich also eingerichtet — zog sie statt einer Begrüßung die Worte in die Länge. — Ich dachte, du sitzt in irgendeinem gewöhnlichen Büro. Aber nein, ein eigenes Zimmer. Sogar mit Sekretärin.

— Grüß Gott, Maria — Anna erhob sich hinter dem Schreibtisch, ging ihr aber nicht entgegen. — Ist etwas passiert? Ist mit Lukas alles in Ordnung?

— Mit meinem Lukaserl ist ganz und gar nichts in Ordnung — Maria ließ sich auf einen Besucherstuhl fallen, ohne abzuwarten, ob man ihr Platz anbot. — Und zwar deinetwegen, wenn du es genau wissen willst.

Anna spürte, wie Ärger in ihr hochstieg, doch ihr Gesicht blieb ruhig.

— Was meinen Sie damit?

— Du weißt genau, wie er leidet. Seine Mutter bittet um Hilfe, und seine Frau rückt kein Geld heraus. Der arme Bub steht zwischen zwei Fronten.

— Maria, wir können das daheim in Ruhe besprechen…

— Daheim will ich gar nichts besprechen! — fuhr ihr die Schwiegermutter ins Wort und wurde lauter. — Daheim redest du ihm ein, dass er seiner Mutter nicht helfen soll! Hier werden wir einmal sehen, wie du wirklich bist!

Hinter der Tür waren gedämpfte Stimmen zu hören; jemand war stehen geblieben und hatte das Geschrei mitbekommen. Durch die Glaswand sah Anna die Umrisse ihrer Kolleginnen und Kollegen. Sie waren erstarrt und taten krampfhaft so, als würden sie arbeiten.

— Bitte sprechen Sie leiser — Anna ging um den Schreibtisch herum und zog die Tür fast zu. — Hier wird gearbeitet.

— Gearbeitet! — Maria schnaubte. — Geld verdient wird hier! Und was bleibt meinem Lukaserl? Er rennt dir doch sicher nur hinterher!

— Das ist eine private Sache zwischen Lukas und mir.

— Privat? Wenn mein Sohn leidet? — Maria wühlte in ihrer Tasche, zog ein zerknittertes Taschentuch hervor und drückte es sich an die Augen, obwohl sie vollkommen trocken waren. — Ich bin seine Mutter. Ich spüre, wie schwer er es hat. Gestern war er bei mir, und sein Gesicht… völlig erschöpft. Und das alles wegen dir!

Anna erinnerte sich an den vergangenen Abend. Lukas war tatsächlich zu seiner Mutter gefahren, spät heimgekommen, schweigsam und finster. Auf ihre Fragen hatte er nur knapp geantwortet und war rasch ins Schlafzimmer gegangen.

Hedis Stube