Damals hatte Anna angenommen, Lukas sei immer noch gekränkt, weil sie das Geld nicht einfach bewilligt hatte.
— Maria, wenn Sie tatsächlich finanzielle Sorgen haben, können wir uns in Ruhe zusammensetzen und eine Lösung finden. Aber sicher nicht hier und nicht in diesem Augenblick.
— Wann denn sonst? — kreischte die Schwiegermutter noch lauter. — Du bist ja dauernd in der Arbeit! Oder sonst irgendwo unterwegs! Und wenn du dann endlich heimkommst, fängst du sofort an, meinen Lukas gegen mich aufzubringen! Ich habe genau gehört, wie du ihm eingeredet hast, ich würde angeblich zu viel verlangen!
— Das habe ich nie gesagt.
— Doch, hast du! Mein Lukas hat es mir selbst erzählt! — Maria sprang so ruckartig auf, dass der Sessel hinter ihr knarrte. — Er hat gesagt, du meinst, ich würde ihn ausnützen! Was für eine Niedertracht! Seine eigene Mutter — und ausnützen!
In diesem Moment ging die Tür auf. Lena steckte vorsichtig den Kopf herein.
— Frau Anna, entschuldigen Sie bitte, aber in zehn Minuten haben Sie den Termin mit den Leuten von der „Nord-Allianz“. Sie warten schon im Besprechungsraum.
— Danke, Lena, ich komme gleich.
Maria fing den Blick der Sekretärin auf und schaltete augenblicklich um, als hätte sie nur auf Publikum gewartet.
— Sehen Sie, Fräulein! Sehen Sie nur, wie sie mit der Familie umgeht! Die Arbeit ist ihr wichtiger als alles! Und die Schwiegermutter, eine kranke, alte Frau, die kann warten!
Lena schaute verlegen zu Anna hinüber und wusste sichtlich nicht, was sie darauf sagen sollte.
— Lena, es passt schon, danke — sagte Anna ruhig und nickte ihr zu. Das Mädchen zog sich hastig zurück.
Doch Maria war nun erst richtig in Fahrt. Sie riss die Tür weit auf, trat hinaus in den Vorraum, wo die Kundenbetreuer, Projektmanager und Designer an ihren Tischen saßen, und begann, die Nummer ihres Sohnes zu wählen — oder zumindest so zu tun, als würde sie wählen.
— Lukas, mein Bub, du hast doch versprochen, dass ihr mir helft! Rede mit deiner Frau, sie will mir kein Geld geben! — brüllte sie in einer Lautstärke, als müsste ihre Stimme bis nach Innsbruck reichen.
Im Vorraum erstarrten alle. Einer wurde vor peinlicher Berührung rot, ein anderer wandte sich demonstrativ seinem Bildschirm zu, als hätte er nichts gehört. Maria ließ ihren triumphierenden Blick über die verstummten Mitarbeiter gleiten.
— Genau so geht sie mit der Familie um! — setzte die Schwiegermutter nach. — Sie lebt im Wohlstand, und die alte Frau soll schauen, wo sie bleibt! Meine Pension ist ein Almosen! Dabei habe ich meinen Lukas ganz allein großgezogen, ganz allein! Als sein Vater gestorben ist, ist der Bub noch in die Schule gegangen! Ich habe im Werk geschuftet! Mir selbst habe ich alles vom Mund abgespart!
Anna trat langsam aus ihrem Büro. In ihr breitete sich eine kalte, klare Wut aus. Nicht, weil Maria Geld verlangt hatte — Eltern zu unterstützen war nichts Ungewöhnliches. Es war dieses Theater, diese berechnete Zurschaustellung, diese dreiste Erpressung über Scham und Öffentlichkeit.
Maria setzte ganz bewusst darauf, Anna vor den anderen aus dem Gleichgewicht zu bringen. Sie wollte, dass sie rot wurde, sich entschuldigte, einknickte und schließlich allem zustimmte, nur damit diese peinliche Szene endlich aufhörte. Es war eine klassische Manipulation: jemanden vor Zeugen in die Enge treiben, damit jede Gegenwehr herzlos und hässlich wirkte.
Aber Anna hatte nicht umsonst fünf Jahre in der Werbung gearbeitet. Sie wusste, wie solche Mechanismen funktionierten. Und sie wusste ebenso gut, wie man sie durchbrach.
— Maria — sagte sie mit ruhiger, tragender Stimme, laut genug, dass es im ganzen Vorraum zu hören war. — Erinnern wir uns bitte an die Fakten. In den letzten drei Monaten haben Lukas und ich Ihnen insgesamt 1.200 Euro gegeben. Zusätzlich dazu bringt Lukas Ihnen jede Woche Lebensmittel vorbei. Sie sagen, Ihre Pension sei zu klein. Ihre Pension beträgt 220 Euro, ich habe den Auszug gesehen, als wir Ihnen bei den Ermäßigungen geholfen haben. Für Betriebskosten und Wohnen zahlen Sie 80 Euro. Kredite haben Sie keine, Schulden ebenfalls nicht. Das heißt, Ihnen bleiben 140 Euro frei — dazu kommen unsere 1.200 Euro innerhalb von drei Monaten, also noch einmal 400 Euro pro Monat. Zusammen sind das 540 Euro monatlich. Für unsere Stadt entspricht das in etwa einem durchschnittlichen Einkommen.
Maria klappte den Mund auf, doch Anna ließ sie nicht dazwischenfahren.
— Wohin verschwindet dieses Geld? Vor zwei Wochen hat Lukas Ihnen 300 Euro gegeben, angeblich für einen neuen Kühlschrank. Aus dem „Kühlschrank“ ist dann ein neuer Pelzmantel geworden. Letzte Woche haben Sie 200 Euro für eine Dachreparatur verlangt. Als ich allerdings Ihre Nachbarin Barbara angerufen habe, war sie höchst erstaunt: Es hat keine Reparatur gegeben, das Dach ist in Ordnung. Dafür haben Sie ihr stolz Ihr neues Smartphone gezeigt — für 180 Euro.
Das Gesicht der Schwiegermutter lief dunkelrot an.
— Du… du spionierst mir nach?! Du rufst meine Nachbarn an?!
— Ich habe Informationen überprüft, bevor ich wieder Geld hergebe — erwiderte Anna und machte einen Schritt auf sie zu. — Maria, Sie sind hierhergekommen, um mich vor meinen Kolleginnen und Kollegen bloßzustellen. Sie haben darauf gebaut, dass ich mich erschrecke und lieber zahle, nur damit Sie verschwinden. Das ist Manipulation. Und es ist Erpressung.
— Wie kannst du es wagen! Ich bin die Mutter deines Mannes! …
— Genau deshalb tut es mir weh, das auszusprechen — Annas Stimme wurde merklich fester.
