— erstaunte, mitfühlende, respektvolle Blicke. Irgendwer begann ganz leise zu klatschen. Nach und nach fielen die anderen ein.
Anna drehte sich nicht um. Sie ging weiter in Richtung Besprechungsraum, und mit jedem Schritt löste sich etwas von der Anspannung in ihr. Sie hatte endlich getan, was schon längst notwendig gewesen wäre.
An diesem Abend kam Anna spät nach Hause. Lukas saß mit finsterer Miene in der Küche. Vor ihm stand ein Häferl Tee, unberührt und längst kalt.
— Mama hat angerufen — sagte er, ohne aufzuschauen. — Sie hat geweint. Sie meint, du hättest sie vor allen gedemütigt. Und sie eine Manipulatorin genannt.
Anna zog den Mantel aus, ging in die Küche und setzte sich ihm gegenüber.
— Sie ist in meine Arbeit gekommen. Vor meinen Kolleginnen und Kollegen hat sie eine Szene gemacht. Sie wollte, dass ich ihr vor allen Leuten Geld gebe, damit ich mich nicht traue, Nein zu sagen.
Lukas hob den Blick. In seinen Augen lag Verwirrung.
— So etwas würde Mama doch nicht tun …
— Lukas — Anna legte ihre Hand auf seine. — Wenn du mir nicht glaubst, zeige ich dir die Aufzeichnung der Kameras im Büro.
— Du hast meine Mutter aufgenommen?
— Nein. Die Kameras sind dort immer eingeschaltet, schon lange vor ihrem Besuch. Ich will nur, dass du die Wahrheit hörst. Nicht nur ihre Darstellung.
Anna holte den Laptop, öffnete die Datei und startete die Aufnahme. Aus dem Lautsprecher erklang Marias Stimme:
— „Mein Lukaserl, du hast mir doch versprochen, dass ihr mir helft! Rede mit deiner Frau, sie will mir kein Geld geben!“
Lukas hörte schweigend zu. Mit jedem Satz wurde sein Gesicht ernster. Als Anna die Aufnahme stoppte, lehnte er sich langsam auf dem Sessel zurück.
— Das habe ich nicht gewusst — murmelte er. — Mir hat sie etwas völlig anderes erzählt … Dass ihr ganz ruhig geredet habt und du sie dann hinausgeworfen hast …
— Lukas, deine Mutter beeinflusst dich, seit du ein Kind bist. Sie hat dir beigebracht, dich schuldig zu fühlen, nur weil du dein eigenes Leben führst. Weil du geheiratet hast. Weil du nicht jede freie Minute ihr widmest. Ich sage nicht, dass sie ein schlechter Mensch ist. Sie liebt dich. Aber diese Liebe … sie ist giftig. Sie nimmt einem die Luft. Und sie verlangt Opfer.
— Was soll ich denn machen? — Lukas fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. — Sie ist meine Mutter. Ich kann sie doch nicht einfach …
— Ich verlange nicht, dass du sie verstößt — Anna drückte seine Finger. — Ich verlange nur, dass wir Grenzen setzen. Wir werden ihr helfen. Aber nicht auf Zuruf und nicht mit jedem Betrag, den sie gerade fordert. Es gibt Bedingungen, und die habe ich ihr heute gesagt. Einmal im Monat Lebensmittel. In echten Notfällen Unterstützung, aber erst nach Prüfung. Keine Spielchen mehr. Keine Lügen. Keine Erpressung über Schuldgefühle.
— Sie wird das nie akzeptieren.
— Dann bekommt sie nichts — erwiderte Anna ruhig, aber fest. — Lukas, ich liebe dich. Aber ich werde nicht in einer Familie leben, in der man versucht, mich kleinzumachen und unter Druck zu setzen. Ich will, dass du glücklich bist. Dass wir unser eigenes Leben aufbauen. Nicht eines, das ständig im Schatten von Forderungen und Vorwürfen steht.
Lukas schwieg lange. Schließlich nickte er langsam.
— Gut. Ich rufe sie morgen an. Ich sage ihr, dass ich mit deinen Bedingungen einverstanden bin.
— Nicht mit meinen. Mit unseren — korrigierte Anna ihn sanft. — Wir sind eine Familie. Wir entscheiden gemeinsam.
Ein schwaches Lächeln huschte über Lukas’ Gesicht.
— Mit unseren.
Eine Woche lang meldete sich Maria überhaupt nicht. Dann rief sie Lukas an, kühl, gekränkt und voller Vorwurf. Sie verlangte, Anna müsse sich entschuldigen. Lukas sagte Nein. Daraufhin legte Maria wütend auf.
Noch einmal verging eine Woche. Am Ende nahm sie die Bedingungen doch an, weil sie begriffen hatte: Mehr würde sie nicht bekommen. Die einzige Alternative wäre gewesen, ganz ohne Unterstützung dazustehen.
Von da an brachte Lukas ihr einmal im Monat Lebensmittel vorbei. Beim ersten Mal empfing Maria ihn mit steinerner Miene. Doch ganz langsam wurde sie weniger schroff. Irgendwann fragte sie sogar, wie es Anna in der Arbeit gehe. Für ihre Verhältnisse war das bereits ein Schritt nach vorne.
Anna machte sich keine Illusionen. Maria würde sich nicht grundlegend ändern. Nicht in ihrem Alter, nicht mit ihrem Wesen. Aber zumindest gab es nun Regeln. Und innerhalb dieser Regeln blieb Platz für einen normalen Umgang — vielleicht kühl, vielleicht vorsichtig, aber immerhin menschlich.
Eines Abends saßen Anna und Lukas gemeinsam auf dem Sofa. Eine Weile sagte keiner von beiden etwas. Dann begann Lukas unvermittelt:
— Weißt du, ich habe etwas verstanden. Mama hat wirklich sehr viel für mich aufgegeben. Das stimmt. Aber sie verlangt, dass ich jetzt dasselbe tue. Mein ganzes Leben lang. Ohne Ende. Und das ist nicht richtig.
— Eltern geben, damit ihre Kinder glücklich werden — antwortete Anna leise. — Nicht, damit diese Kinder ihr Leben lang eine angebliche Schuld abbezahlen.
— Ich bin ihr dankbar. Und ich liebe sie. Aber ich will mein eigenes Leben leben. Mit dir.
Anna rückte näher an ihn heran und lehnte sich an seine Schulter.
— Dann schaffen wir das.
Maria blieb weiterhin unzufrieden. Doch wenigstens hörte sie auf, mit Schuldgefühlen zu arbeiten. Denn sie hatte verstanden: Bei ihnen funktionierte das nicht mehr.
