„Ich hab mich nicht bei Ihnen als Dienstbotin verdingt, Barbara!“ rief Anna empört

Diese unverschämte Anspruchshaltung ist zutiefst verletzend.
Geschichten

— Ich hab mich nicht bei Ihnen als Dienstbotin verdingt, Barbara! Sie haben eine erwachsene Tochter, die bei Ihnen wohnt, also soll die gefälligst Ihre Wohnung zusammenräumen! Ich bin die Frau von Ihrem Sohn, und Lukas und ich haben unser eigenes Zuhause, unsere eigene Familie! Punkt.

— Lukas, ich bin’s. Kannst du sofort herkommen? Ich brauche dringend Gläser.

In Barbaras Stimme am Telefon lag nicht die geringste Spur einer Bitte. Sie rechnete gar nicht damit, dass jemand Nein sagen könnte; Widerspruch war in ihrem Tonfall nicht vorgesehen. Es war dieser schleichende und zugleich stahlharte Klang, den Lukas schon seit seiner Jugend gehasst hat.

Er schloss die Augen, rieb sich mit zwei Fingern über den Nasenrücken und versuchte, den letzten Rest seiner abendlichen Ruhe festzuhalten. Seine Schultern, die sich nach dem langen Arbeitstag gerade erst gelockert hatten, spannten sich wieder an, als hätte sich ein Panzer darübergelegt.

— Servus, Mama. Es ist schon ziemlich spät, ich bin gerade erst von der Arbeit heimgekommen. Was für Gläser meinst du? Wir bringen sie dir morgen vorbei — sagte er so ruhig wie möglich und achtete darauf, dass keine Gereiztheit in seiner Stimme mitschwang. Er wusste genau: Jeder falsche Unterton würde sofort gegen ihn verwendet werden.

Anna saß im Sessel gegenüber, ein Buch in der Hand, und senkte unwillkürlich den Blick. Was ihre Schwiegermutter sagte, konnte sie nicht hören, doch diesen Klang in der Stimme ihres Mannes kannte sie nur allzu gut. Er bedeutete: Der Abend ist gelaufen. Jetzt beginnt wieder das übliche, zähe Spiel aus Druck und Schuldgefühlen — mühsam wie ein nicht enden wollendes Zahnweh.

— Was heißt da, was für Gläser… Die leeren natürlich, die bei euch am Balkon stehen! Mir ist jetzt eingefallen, dass ich die Gurkerl für den Winter einlegen muss, und Katharina geht es schlecht, sie kann nicht ins Geschäft — jammerte Barbara in den Hörer. — Das arme Kind liegt da, ganz fertig. Oder bist du vielleicht zu müde? Für deine eigene Mutter hast du keine Kraft mehr? Ich verlange ja nicht, dass du Säcke schleppst.

Lukas schwieg. Er starrte auf einen Punkt an der Wand, und Anna sah, wie sich eine tiefe Falte über seine Stirn zog. Er war in die Ecke gedrängt. Sagte er Nein, würde eine halbstündige Predigt über Herzlosigkeit und Undankbarkeit folgen.

Sagte er Ja, musste er sich wieder anziehen und quer durch die Stadt fahren — wegen einer Laune, die höchstwahrscheinlich nur dazu diente, seine Folgsamkeit zu prüfen. „Katharina geht es schlecht“ war der Trumpf, den Barbara jedes Mal ausspielte, wenn sie etwas durchsetzen wollte.

Die dreißigjährige Katharina, kräftig wie ein Ochse, war immer „krank“, sobald es um Arbeit, Haushalt oder einen Gang ins Geschäft ging.

Anna bemerkte, wie ihr Mann Luft holte, offenbar um sich zu wehren. Aber sie wusste: Es war sinnlos. Es war leichter, eine halbe Stunde zu opfern, als sich die ganze Telefoninszenierung anzuhören und danach zuzusehen, wie Lukas dasaß, als hätte man ihm den letzten Tropfen Kraft ausgepresst. Entschlossen klappte sie das Buch zu und stand auf.

— Ich fahr hin — sagte sie leise, aber so deutlich, dass Lukas es hören musste.

Er sah sie an, zugleich dankbar und schuldbewusst. Mit der Hand deckte er den Hörer ab.

— Anna, das musst du nicht. Ich mach das schon…

— Bleib sitzen — unterbrach sie ihn. — Ich bin schneller wieder zurück.

Sie ging zu ihm, nahm ihm das Telefon aus der Hand und hielt es sich ans Ohr. Ihre Stimme war höflich, beinahe übertrieben freundlich.

— Guten Abend, Barbara. Lukas ist wirklich sehr müde. Ich sammle die Gläser jetzt ein und bringe sie Ihnen in einer halben Stunde vorbei.

Am anderen Ende der Leitung trat für einen Augenblick Stille ein. Offensichtlich hatte die Schwiegermutter mit dieser Wendung nicht gerechnet. Ihr ganzes Spiel war auf den Sohn zugeschnitten gewesen.

— Ah… Anna… Na gut, dann bring sie halt, wenn es so ist — presste Barbara schließlich hervor, und die Enttäuschung darin war kaum zu überhören.

Am Balkon stand ein Karton voller staubiger Dreiliter-Einmachgläser. Überbleibsel aus früheren Zeiten, von denen sie sich nie hatten trennen können. Anna hob die Kiste mit Widerwillen hoch. Das Glas schlug dumpf gegeneinander. Sie trug diese Last wie ein Sinnbild für all die Verpflichtungen ihres Mannes, von denen Lukas sich nicht lösen konnte: schwer, hohl und vollkommen sinnlos.

Das Haus ihrer Schwiegermutter empfing sie mit dem vertrauten Geruch nach abgestandenen Möbeln und einer säuerlichen Ausdünstung, die aus der Küche kroch. Die einzige schwache Lampe im Stiegenhaus tauchte die abgenützten Wände in bläuliches Halbdunkel und machte alles noch bedrückender. Anna läutete.

Nach ein paar Sekunden waren schlurfende Schritte zu hören. Kaum hatte Barbara die Tür geöffnet und Anna die Schwelle überschritten, begriff sie sofort: Sie war in eine vorbereitete Vorstellung geraten.

Das Bild war so vorhersehbar, dass Anna nichts anderes empfand als eine dumpfe, längst vertraute Gereiztheit. Im Wohnzimmer, das vom bläulichen Flimmern einer grellen Talkshow auf dem viel zu großen Fernseher übergossen war, lag Katharina breit und bequem in einem tiefen Fauteuil.

Die „arme Kranke“, die angeblich bettlägerig litt, scrollte gerade auf ihrem Handy herum; das kalte Licht des Displays warf fahle Schatten auf ihr Gesicht. Neben ihr stand bereits das kleine Tischchen.

Hedis Stube