Auf dem niedrigen Tisch stand ein halb ausgetrunkenes Häferl Tee, daneben ein Teller, auf dem sich Brösel gesammelt hatten. Krank wirkte an Katharina gar nichts. Sie sah aus wie immer: gelangweilt, leer, ohne jedes Ziel, als würde der Tag einfach an ihr vorbeirinnen.
Barbara musterte den Karton in Annas Händen mit der hochmütigen Miene einer Herrscherin, die über ihr kleines Reich wacht.
„Na endlich. Stell ihn dort hin, auf den Boden“, befahl sie und deutete Richtung Vorzimmer. „Aber wehe, du zerkratzt mir irgendwas.“
Anna sagte kein Wort. Vorsichtig setzte sie die schwere Schachtel auf dem Linoleum ab. Schon wollte sie sich umdrehen, ein knappes, höfliches „Auf Wiedersehen“ murmeln und gehen. Doch Barbara hatte offenbar andere Pläne für diesen Abend. Sie blieb stehen, genau vor dem Ausgang, als hätte sie sich absichtlich dort postiert.
„Wenn du schon einmal da bist, musst du nicht herumstehen wie eine Salzsäule“, begann sie in jenem befehlenden Ton, den sie nur Menschen gegenüber anschlug, die sie für unter sich hielt. „Du siehst ja, hier ist überall Staub. Katharinchen ist nicht beisammen, und mir tut der Rücken weh. Wisch schnell die Kommode ab, und danach kannst du gleich noch das Vorzimmer aufwaschen. Mit der Schachtel hast du eh alles dreckig gemacht.“
Katharina hob den Blick vom Handy. Bei diesen Worten konnte sie ein spöttisches Grinsen nicht unterdrücken. Sie richtete sich ein Stück im Fauteuil auf, damit sie die bevorstehende Demütigung ihrer Schwägerin besser verfolgen konnte. Genau das war eine ihrer liebsten Beschäftigungen: gemeinsam Anna in die Ecke drängen und sich danach bei Lukas darüber beklagen, wie unverschämt, undankbar und faul seine Frau doch sei.
Anna richtete sich langsam auf. Zuerst sah sie zur dunklen, glänzend polierten Kommode hinüber, auf der tatsächlich eine matte Staubschicht lag. Dann glitt ihr Blick zu Katharinas selbstzufriedenem Gesicht. Schließlich blieb er an Barbara hängen. In ihr machte etwas leise klick. Es war nicht das helle Klirren einer zerbrochenen Tasse, sondern eher das dumpfe, endgültige Reißen eines Seiles, das viel zu lange die Fesseln ihrer Höflichkeit zusammengehalten hatte.
Sie sah ihre Schwiegermutter ruhig an. Als sie sprach, zitterte ihre Stimme nicht. Sie klang klar, fest und beinahe kühl.
„Ich habe mich bei Ihnen nicht als Dienstmädchen verdingt, Barbara. Sie haben eine erwachsene Tochter, die hier bei Ihnen wohnt. Dann soll sie eben Ihre Wohnung putzen. Ich bin die Frau Ihres Sohnes. Lukas und ich haben unser eigenes Zuhause und unsere eigene Familie. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.“
Für ein paar Sekunden legte sich eine unnatürliche Stille über die Wohnung. Sogar das Geschrei aus dem Fernseher schien auf einmal gedämpft, als hätte jemand die Welt kurz leiser gedreht. Katharinas höhnisches Lächeln blieb ihr im Gesicht stecken, erstarrte und verschwand dann langsam. An seine Stelle trat empörtes, fassungsloses Staunen.
Barbara verschlug es angesichts dieser unerhörten Frechheit zunächst tatsächlich die Sprache. Ihr Gesicht lief dunkelrot an. Ihr Mund öffnete und schloss sich stumm, wie bei einem Fisch, der ans Ufer geworfen worden war. Als sie ihre Stimme endlich wiederfand, war sie zu einem schrillen Kreischen geworden.
„Du… wie wagst du es, so mit mir zu reden, du unverschämtes Ding? In meiner Wohnung willst du mir Vorschriften machen? Ich rufe jetzt sofort Lukas an! Der lässt sich auf der Stelle von dir scheiden! Der setzt dich hinaus auf die Straße, wie den letzten Dreck!“
„Meinen Sie das wirklich?“ fragte Anna ruhig, fast neugierig.
Ohne den Blick von Barbaras wutverzerrtem Gesicht zu lösen, zog sie ihr Handy aus der Tasche. Sie suchte den Kontakt „Ehemann“ und tippte auf Anrufen. Barbara verstummte, noch immer völlig verdutzt. Anna stellte das Gespräch auf Lautsprecher.
„Lukas, servus“, sagte sie mit gleichmäßiger Stimme. „Deine Mutter verlangt, dass ich bei ihr den Boden aufwasche und die Fenster putze. Sonst würdest du dich angeblich von mir scheiden lassen. Bestätigst du das?“
Am anderen Ende der Leitung entstand eine kurze, aber äußerst sprechende Pause. Dann war Lukas’ müder, schwerer Seufzer zu hören.
„Mama, gib das Handy meiner Schwester.“
Barbara stand einen Moment lang da, als könne sie nicht glauben, was gerade geschah. Dann hielt sie das Telefon mit einer fahrigen, ungeschickten Bewegung der erstarrten Katharina hin.
„Katharina“, hörten alle drei Lukas’ Stimme, hart und kalt wie Stahl, „du hast eine halbe Stunde, um die Wohnung in Ordnung zu bringen. Wenn ich herkomme und sehe, dass du herumsitzt, während Anna arbeitet, werfe ich deine ganzen Sachen in den Mistkübel. Und dann schaust du selber, wie du zurechtkommst. Ende.“
Die Verbindung brach ab.
Anna nahm Katharina das Handy mit einem höflichen Lächeln aus den schlaff gewordenen Fingern. Dann nickte sie ihrer vor Schreck sprachlosen Schwiegermutter zu.
„Dann gehe ich jetzt“, sagte sie. „Wie es ausschaut, steht bei euch eine ordentliche Grundreinigung an.“
Das leise, beinahe vornehme Klicken der Tür, die sich hinter ihr schloss, wirkte in der erstarrten Stille wie ein Schuss. Einige Sekunden lang standen Barbara und Katharina nur da und starrten auf diese Tür, als wäre sie kein gewöhnlicher Wohnungsausgang, sondern ein Tor in eine andere Wirklichkeit, zu der sie keinen Zutritt mehr hatten.
Im bläulichen Licht des Fernsehers flackerten ihre von Zorn und Verwirrung entstellten Gesichter weiter über die Wände, während die Talkshow ungerührt weiterplärrte.
Katharina kam als Erste wieder zu sich. Langsam ließ sie sich zurück in den Fauteuil sinken, doch ihre frühere Lässigkeit war verschwunden. Ihre Haltung war nun verkrampft, die Schultern angespannt. Das Display ihres Handys in ihrer Hand war inzwischen dunkel geworden.
„Na, hast du’s jetzt davon?“ zischte sie. Ihre Stimme war leise und giftig, wie das Fauchen einer Schlange. „Bist du zufrieden? Ich hab dir doch gesagt, du sollst sie nicht reizen. Die ist nicht so eine, die einfach den Mund hält.“
Barbara fuhr abrupt zu ihr herum. Ihr Gesicht war noch immer dunkelrot, doch der erste Schock war bereits verflogen.
