An ihre Stelle ist eine blinde, alles verschlingende Wut getreten, die irgendwohin musste. Und das einzige greifbare Ziel für diese Wut war ausgerechnet ihre eigene Tochter.
„Halt den Mund, du Schmarotzerin!“, fuhr sie sie an und machte einen Schritt auf den Fauteuil zu. „Den ganzen Tag sitzt du nur herum und rührst keinen Finger! Alles passiert wegen dir! Wärst du zu irgendwas nütze, würdest du wenigstens einmal deinen eigenen Teller abwaschen, dann müsste ich diese — diese Emporkömmlingin — gar nicht erst um Hilfe bitten! Aus meiner Wohnung hast du einen Saustall gemacht, und ich soll dir auch noch nachräumen?“
„Ich hab dich nicht darum gebeten, sie anzurufen und vor ihr zu kriechen!“, schrie Katharina zurück und sprang aus dem Fauteuil. „Das sind deine Spielchen, Mama! Du liebst es doch, uns gegeneinander aufzuhetzen und zuzuschauen, wie Lukas zwischen uns zerrieben wird! Nur hast du diesmal nicht damit gerechnet, dass ihm der Geduldsfaden reißt! Jetzt schmeißt er meine Sachen auf den Mist, nicht deine!“
Sie standen einander gegenüber, zwei Frauen, die über Jahre hinweg eine geschlossene Front gebildet hatten — gegen die ganze Welt und vor allem gegen Anna. Doch kaum hatte die gemeinsame Feindin zugeschlagen und sich zurückgezogen, ist ihr Bündnis auseinandergebrochen. Unter der Oberfläche ist all das hervorgequollen, was sich dort längst gesammelt hatte: Kränkung, Neid und gegenseitige Verachtung.
Das schrille Läuten an der Wohnungstür zerschnitt ihren Streit. Es klang so hart und fordernd, als hätte jemand nicht mit dem Finger, sondern mit der ganzen Handfläche auf den Knopf gedrückt. Beide erstarrten. Ihre Blicke trafen sich, und in beiden Augen lag derselbe Schrecken. Barbara ging zur Tür, während sie hastig versuchte, sich wieder dieses gequälte, leidende Gesicht aufzusetzen.
Draußen stand Lukas.
Wütend im üblichen Sinn war er nicht. Er brüllte nicht, sein Gesicht war nicht verzerrt, kein Muskel zuckte. Er wirkte vollkommen ruhig — und gerade das war bedrohlicher als jeder Ausbruch. Seine kalten, dunklen Augen glitten durch den Vorraum, blieben kurz auf der staubigen Kommode hängen, wanderten weiter zu seiner Schwester, die wie angewurzelt im Wohnzimmer stand, und ruhten schließlich auf Barbara. Er grüßte nicht. Er sagte überhaupt nichts.
Wortlos schob er sich an ihnen vorbei und ging zielstrebig tiefer in die Wohnung.
„Lukas, mein Schatz, du hast das völlig falsch verstanden! Diese Anna …“, setzte Barbara hinter ihm an, doch er drehte sich nicht einmal um.
Er betrat Katharinas Zimmer — dieses kleine Heiligtum, die Suite der Prinzessin, die seit Jahren auf seine Kosten lebte. Ohne sich umzusehen, ging er direkt zum Kasten, riss mit einem einzigen Ruck die Türen auf und zog aus einem Fach mehrere große schwarze Müllsäcke hervor, die Katharina zwar gekauft, aber nie für irgendetwas verwendet hatte. Mit präzisen, beinahe geschäftsmäßigen Bewegungen begann er, Gewand von den Kleiderbügeln zu reißen: Kleider, teure Jeans, Leiberl, Blusen. Alles landete in den Säcken.
„Lukas, was machst du da?!“, kreischte Katharina und stürzte auf ihn zu. Sie klammerte sich an seinen Arm, versuchte ihn aufzuhalten. „Das sind meine Sachen! Bist du komplett übergeschnappt?“
Lukas sah sie an, als stünde nicht seine Schwester vor ihm, sondern ein lästiges Insekt. Mit einer knappen Bewegung schüttelte er ihre Hände ab und machte weiter. Der zweite Sack füllte sich mit Schuhschachteln — neue Schuhe, ungetragen, manche noch mit Papier ausgestopft. In den dritten wanderten Taschen, Kosmetik, Fläschchen, Tuben und Paletten, die sich in Reihen auf ihrem Tisch gedrängt hatten.
„Mein Bub, hör auf damit! Was ist denn in dich gefahren? Sie ist deine Schwester! Das arme Kind hat doch ein krankes Herz!“, jammerte Barbara und schlug theatralisch mit den Händen in die Luft. Vom Türstock weg bewegte sie sich trotzdem keinen Zentimeter.
Als auch der dritte Sack voll war, band Lukas ihn zu und ließ ihn mit einem dumpfen Schlag auf den Boden fallen. Dann richtete er sich auf und sah sie beide zum ersten Mal wirklich an.
„Habt ihr geglaubt, das geht ewig so weiter?“, fragte er leise. Seine Stimme war nicht laut, und trotzdem füllte sie den ganzen Raum. „Habt ihr ernsthaft gedacht, ich finanziere diesen Zirkus bis ans Ende meiner Tage? Katharinas Faulheit und deine Manipulationen, Mama?“
Er trat einen Schritt näher an seine Schwester heran. Katharina wich unwillkürlich zurück.
„Also, Katharina. Bis morgen suchst du dir Arbeit. Irgendeine. Wenn es Putzen ist, dann ist es eben Putzen. Und du fängst an, Mama tatsächlich zu helfen, nicht nur davon zu reden. Sonst fahren diese Säcke gemeinsam mit dir in deine eigene Mietwohnung. Und die zahlst du dann selber. Von mir bekommst du kein Geld mehr. Keinen einzigen Cent.“
Dann wandte er sich Barbara zu.
„Und du, Mama … gewöhn dich besser daran. Den kleinen Laufburschen und die gratis Geldquelle gibt es ab jetzt nicht mehr.“
Er wartete keine Antwort ab. Er drehte sich einfach um, ging durch die Wohnung zurück und zog die Eingangstür hinter sich mit einem leisen Klicken ins Schloss. Zurück blieben zwei Frauen, drei schwarze Säcke und ein zerfetzter Kleiderkasten — wie kleine Grabhügel, unter denen ihr bequemes, früheres Leben begraben lag.
Drei Tage vergingen. Drei Tage in einer ungewohnten, beinahe dröhnenden Stille. Lukas’ Handy blieb stumm. Keine schluchzenden Anrufe von Barbara, keine passiv-aggressiven Nachrichten von Katharina mit der Bitte, „nur ein bissl was“ zu überweisen. In der Wohnung von Anna und Lukas breitete sich eine fragile, fast greifbare Ruhe aus.
Sie aßen gemeinsam zu Abend, erzählten einander von ihrem Tag und schauten später einen Film. Zum ersten Mal seit Langem lebten sie einfach ihr eigenes Leben — und gerade diese schlichte Normalität fühlte sich kostbar und erschreckend zerbrechlich an.
