Doch tief in Lukas blieb eine Spannung zurück. Er hat gewartet, ohne es auszusprechen. Er kannte Barbara viel zu gut, um ernsthaft zu glauben, sie würde sich so ohne Weiteres geschlagen geben. Diese Ruhe war keine Versöhnung. Sie war nur das Atemholen vor dem nächsten Schlag, die kurze Stille, bevor etwas endgültig zerbricht.
Und genau dieser Schlag ist gekommen.
Es war Samstagabend. Anna und Lukas hatten sich gerade zum Essen hingesetzt, als es an der Tür läutete. Nicht kurz, nicht höflich, nicht wie jemand, der um Einlass bittet. Es war ein langes, aufdringliches, beinahe beleidigtes Läuten, als stünde draußen jemand, der sich bereits im Recht fühlte. Lukas legte langsam die Gabel neben den Teller und schaute Anna an. In seinem Blick stand nur ein Satz: Jetzt ist es so weit.
Ohne Eile ging er zur Tür. Als er öffnete, standen Barbara und Katharina vor ihm — beide herausgeputzt, steif, mit angespannten Gesichtern, als wären sie nicht zu Besuch gekommen, sondern zu einer Gerichtsverhandlung, bei der sie Richterinnen, Klägerinnen und Opfer zugleich sein wollten.
„Wir müssen reden. Und zwar ernsthaft“, sagte Barbara ohne Begrüßung.
Sie sah dabei nicht ihren Sohn an, sondern direkt an ihm vorbei zu Anna, die noch am Tisch saß.
Lukas trat wortlos zur Seite und ließ sie herein. Danach schloss er die Tür hinter ihnen und blieb einen Moment davor stehen, als würde er damit nicht nur den Ausgang versperren, sondern auch jede Flucht aus dieser Szene unmöglich machen. Anna erhob sich nicht. Sie schob lediglich ihr Besteck ein Stück zur Seite und wartete.
„Ich höre“, sagte Lukas ruhig.
Barbara ging mitten ins Zimmer. Katharina stellte sich neben sie, eng und kampfbereit, wie eine treue Gefolgsfrau.
„Wir sind gekommen, um ein für alle Mal Klarheit zu schaffen, Lukas“, begann Barbara. Ihre Stimme war beherrscht, aber darunter vibrierte die Wut. „Wir haben lang genug zugeschaut. Seit diese Person in dein Leben getreten ist“ — sie machte eine abfällige Bewegung in Annas Richtung — „geht unsere Familie zugrunde.“
Katharina nickte heftig, als hätte sie genau auf dieses Stichwort gewartet.
„Sie hat dich gegen deine eigene Mutter und gegen mich aufgehetzt!“, fuhr Barbara fort. „Sie hat dir den Kopf verdreht, sie lenkt dich wie eine Marionette. Und du merkst nicht einmal, dass sie sich nur an dich dranhängt, weil du ihr nützlich bist.“
„Alles steckst du in sie hinein!“, warf Katharina schrill ein. „Während deine eigene Schwester dich um das Nötigste bitten muss! Sie sitzt in deiner Wohnung, lebt auf deine Kosten, trägt Sachen, die du auch mir hättest kaufen können!“
Sie redeten nun durcheinander, steigerten einander an, überboten sich mit Anschuldigungen. Jahre von Groll, Neid, gekränkter Eitelkeit und Besitzdenken brachen aus ihnen heraus. Was sie sagten, war maßlos und oft lächerlich, aber sie sprachen es mit einer derartigen Gewissheit aus, dass ein Fremder für einen Augenblick hätte meinen können, da müsse doch irgendein wahrer Kern darin liegen.
Anna schwieg. Sie sah die beiden nicht hasserfüllt an. Eher mit einer kühlen, fast müden Aufmerksamkeit, wie man ein unangenehmes, aber berechenbares Schauspiel beobachtet, dessen Ende man schon kennt.
Auch Lukas sagte kein Wort. Sein Gesicht blieb unbewegt. Er ließ sie reden. Er ließ zu, dass sie alles ausschütteten, was sich in ihnen angestaut hatte, ließ sie höher und höher kochen, bis ihre Stimmen rau wurden und ihre Empörung sich erschöpfte.
Schließlich trat Barbara einen Schritt nach vorn. Sie atmete schwer, doch in ihren Augen lag der feste Glaube, jetzt den entscheidenden Satz zu sprechen.
„Genug“, sagte sie. „Wir stellen dir ein Ultimatum. Entweder verschwindet diese Frau aus deinem Leben und aus unserer Familie — oder du bist nicht mehr unser Sohn. Such es dir aus, Lukas. Entweder wir. Dein Blut. Deine Familie. Oder sie.“
Für einen Moment wurde es im Zimmer so still, dass man das leise Summen des Kühlschranks hörte. Barbara und Katharina starrten ihn an, herausfordernd, überzeugt von ihrer Macht. Sie glaubten an den Zwang des Blutes, an alte Schuldgefühle, an die vielen Jahre, in denen Lukas nachgegeben hatte. Sie warteten darauf, dass er einknickte.
Lukas löste sich langsam von der Tür. Er ging auf Barbara zu und blieb so nahe vor ihr stehen, dass er jede Falte in ihrem vor Zorn verzerrten Gesicht sehen konnte. Dann sah er ihr direkt in die Augen. Seine Stimme war leise, gleichmäßig und gerade deshalb härter als jeder Schrei.
„Ihr wollt, dass ich mich entscheide? Gut. Ich entscheide mich.“
Er machte eine kurze Pause. Lang genug, dass Barbara und Katharina noch einen Augenblick lang glauben konnten, sie hätten gewonnen.
„Ich entscheide mich für meine Frau. Für mein Zuhause. Für meinen Frieden. Für mein Leben. Für ein Leben, in dem für euren Sumpf kein Platz mehr ist.“
Katharina riss den Mund auf, doch Lukas hob kaum merklich die Hand, und sie verstummte.
„Und wisst ihr, warum? Weil ihr keine Familie seid. Ihr seid Verbraucher. Ihr nehmt. Immer nur. Kraft, Geld, Zeit, Geduld. Alles, was man euch gibt, verschwindet in euch wie in einem schwarzen Loch.“
Barbara wurde blass. Lukas sprach weiter, ohne lauter zu werden.
„Du, Mama, hast nie begriffen, dass dein Sohn erwachsen ist. Und du, Katharina, hast nie erwachsen werden wollen. Der Bub, der eure Geldbörse, euer Chauffeur, euer Blitzableiter und euer Polster war, ist vor drei Tagen in eurem Vorzimmer gestorben. Ich bin nicht mehr dieser Mensch. Für euch bin ich ab jetzt ein Fremder. Annas Mann.“
Dann drehte er sich um, ging zur Tür und öffnete sie weit.
„Euer Ultimatum nehme ich an. Du bist für mich nicht mehr meine Mutter. Und du bist nicht mehr meine Schwester. Ruft nicht an. Kommt nicht her. Schickt keine Nachrichten. Ich kenne euch nicht mehr. Das Geld ist aus. Endgültig. Servus.“
Er schaute nicht länger in ihre Gesichter. Er sah nicht zu, wie sich dort zuerst Unglaube, dann Entsetzen und schließlich das erste Begreifen ausbreitete. Er blieb einfach an der offenen Tür stehen und hielt sie, bis Barbara und Katharina, stolpernd und wie geblendet, hinaus ins Stiegenhaus gingen.
Dann schloss er die Tür. Leise. Ohne Knall.
Er drehte den Schlüssel im Schloss um.
In der Wohnung lag Stille. Nicht jene angespannte Stille der vergangenen Tage, nicht das Schweigen vor dem nächsten Ausbruch. Sondern echte Stille. Freie Stille.
Lukas ging zurück zum Tisch, setzte sich Anna gegenüber und nahm ihre Hand.
Der Krieg war vorbei.
