„Und aus was für einer Familie kommen Sie, Anna?“ fragte Barbara, ihr Blick kalt wie Dezemberreif im Wohnzimmer

Diese kalte Verachtung war unerträglich und beschämend.
Geschichten

– Sperr deine Frau zu Silvester ins Schlafzimmer, ich will mich vor den Gästen nicht blamieren!

Zuerst war kein Laut zu hören. Dann setzte ein leises Raunen ein. Gleich darauf schnappte irgendwo jemand erschrocken nach Luft.

Ich bin dagesessen, als wäre ich zu Stein geworden. Lukas legte das Handy auf den Tisch. Die Aufnahme lief weiter. Satz für Satz. Wort für Wort. Alles, was Barbara mir vorgestern an den Kopf geworfen hatte.

Als die Datei zu Ende war, lag eine solche Stille im Wohnzimmer, dass man das Ticken der Uhr hören konnte.

Barbara war kreidebleich geworden. Das Sektglas in ihrer Hand zitterte.

– Lukas … – setzte sie an.

– Mama, – sagte Lukas ruhig, aber jedes Wort war klar, – ich habe das aufgenommen, damit du dich einmal selbst hörst. Von außen. Und damit alle hier hören, was du sagst. Damit du dir nie wieder, hörst du, nie wieder erlaubst, so über meine Frau zu reden. Über die Mutter meines Sohnes. Über die Frau, die ich liebe.

Eine von Barbaras Freundinnen, eine ältere Dame mit sanften Augen und silbergrauen Schläfen, erhob sich langsam.

– Barbara, – sagte sie leise, – ich schäme mich gerade für dich.

Eine andere schob wortlos ihren Sessel zurück. Dann noch eine.

Barbara blieb sitzen wie eine Statue. Ihr Gesicht war weiß, ihre Lippen bebten.

– Ich … – begann sie stockend. – Ich wollte doch nicht …

– Doch, das wolltest du, – unterbrach Lukas sie fest. – Und zwar ganz genau. Und jetzt wissen es alle.

Da stand ich auf. Langsam ging ich zu ihr hinüber.

– Barbara, – sagte ich mit leiser Stimme, – ich trage Ihnen nichts nach. Wirklich nicht. Aber eines wird es nie wieder geben: Sie bestimmen nicht mehr, wo mein Platz in meinem eigenen Zuhause ist. Wenn Sie bei uns sein wollen, dann seien Sie da. Als Gast. Als Großmutter. Aber nicht als Hausherrin. Die Hausherrin hier bin ich.

Sie sah mich an. Lange. Danach blickte sie zu Lukas. Und schließlich zu Felix, der im Türrahmen stand, in seinem Hasenkostüm, mit großen, verwirrten Augen.

– Verzeiht mir, – sagte sie plötzlich. So leise, dass ich es kaum verstand. – Verzeih mir … Anna.

Dann brach sie in Tränen aus. Direkt am Tisch, vor allen, das Gesicht in den Händen verborgen.

Die Gäste schwiegen. Jemand räusperte sich verlegen. Ein anderer ging hinaus, um eine Zigarette zu rauchen.

Und dann trat meine Mutter zu ihr. Meine stille, kluge Mutter. Sie legte Barbara die Arme um die Schultern.

– Na, jetzt, – sagte sie behutsam. – Es wird schon wieder gut werden. Wichtig ist nur, dass man rechtzeitig begreift, was passiert ist.

So haben wir den Jahreswechsel doch noch gemeinsam erlebt. Nicht mehr mit Masken. Nicht mehr mit vorgetäuschter Höflichkeit. Sondern mit echten Tränen und echten, vorsichtigen Lächeln.

Als die Uhr schließlich Mitternacht schlug, hob Lukas sein Glas.

– Auf meine Frau, – sagte er. – Auf die stärkste, gütigste und geduldigste Frau, die ich kenne.

Dann küsste er mich. Vor allen.

Und in diesem Moment wusste ich: Ja. Es würde wirklich wieder gut werden.

Nur dass niemand ahnte, was danach noch kommen sollte. Nicht einmal ich.

Ein Jahr ist vergangen. Fast auf den Tag genau.

Silvester haben wir wieder bei uns daheim gefeiert. Dieselbe Wohnung, derselbe echte Christbaum, nur hingen diesmal ganz andere Sachen daran: kleine Sterne aus Salzteig, die Felix und ich mit goldener Farbe bemalt hatten, und winzige gestrickte Schneemänner. Es roch nach Mandarinen, nach Tannenzweigen und nach meinem Apfel-Zimt-Kuchen, jenem Kuchen, den Barbara früher einmal als „viel zu schlicht“ abgetan hatte.

Sie kam um sechs am Abend. Ohne vorher anzurufen, aber auch ohne den üblichen Koffer voller Bemerkungen. In den Händen hielt sie eine große Schachtel handgemachter Pralinen und ein kleines Packerl, mit einem silbernen Band zusammengebunden.

– Das ist für dich und Lukas, – sagte sie und reichte das Packerl mir. Nicht ihrem Sohn. Mir. Zum ersten Mal. – Ich habe es selbst gestickt. Eine Tischserviette. Damit es schön ausschaut.

Ich öffnete es vorsichtig. Ein schneeweißes Stück Stoff kam zum Vorschein, am Rand sauber mit Rosen bestickt. In einer Ecke standen zwei winzige Buchstaben: A und L. Anna und Lukas. Mein Name stand an erster Stelle.

– Danke, Barbara, – sagte ich. Und meine Stimme zitterte nicht. Sie konnte gar nicht mehr zittern, denn in diesem Jahr hatten wir gelernt, miteinander zu reden, ohne bei jedem Wort Angst zu haben.

Barbara nickte, zog ihren Mantel aus und hängte ihn ordentlich auf. Ganz von selbst. Ohne darauf zu warten, dass ich sofort hinspringe und ihr helfe. Dann ging sie in die Küche und stellte den Wasserkocher auf.

– Darf ich den Salat fertig schneiden? – fragte sie, ohne sich umzudrehen. – Ich bin da recht flott, das geht mir leicht von der Hand.

– Natürlich, – antwortete ich.

Und zum ersten Mal fügte ich nicht hinzu: „Wie Sie möchten.“

Wir standen nebeneinander beim Schneidbrett. Sie schnitt die Gurken in hauchdünne, fast durchsichtige Scheiben. Ich schälte die Eier. Wir schwiegen. Aber dieses Schweigen drückte nicht mehr auf die Brust. Es war einfach da. Normal. So, wie es zwischen Menschen sein kann, die einander lange kennen und nicht mehr in jeder Sekunde etwas beweisen müssen.

– Anna, – sagte Barbara auf einmal leise, ohne den Blick vom Messer zu heben, – damals … vor einem Jahr … ich schäme mich bis heute, wenn ich daran denke.

Ich legte das geschälte Ei behutsam in die Schüssel.

Hedis Stube