„Spiel es ab.“ sagte Anna trocken und nickte ihrem Neffen, nachdem sie den Ring abgelegt hatte

Heuchlerisch, triumphierend, ekelhaft — ein Abend voller Demütigung.
Geschichten

Anna strich mit der Handfläche über das Tischtuch. Ein Brotbrösel knackte unter ihren Fingern. Im Saal des örtlichen Kulturhauses summte und dröhnte es, es roch nach gebratenem Fleisch und nach fremdem Parfum. Fünfzehn Jahre Ehe. Die Gäste drängten sich um die Tische, stießen an, lachten viel zu laut.

Lukas saß neben ihr — breit gebaut, im dunkelblauen Sakko. Immer wieder zupfte er an seiner Krawatte. War er nervös? Oder bereitete er sich innerlich schon vor?

Anna drehte den Ehering an ihrem Finger. Er ließ sich schwer bewegen. Früher war er locker gewesen, beinahe herumgerutscht, jetzt schnitt er in die Haut. Ein halbes Jahr lang hatte sie ihn nicht mehr getragen. Nur heute hatte sie ihn angesteckt. Mit Absicht. Er sollte an ihrem Finger sein, wenn Lukas das aussprach, was er vorhatte.

Sie wusste es. Schon lange.

Lukas erhob sich und nahm das Mikrofon. Nach und nach verstummten die Gäste. Er richtete sich auf, ließ den Blick durch den Saal wandern und wandte sich dann langsam seiner Frau zu. In seinem Gesicht lag eine seltsame Mischung aus Triumph und Ekel.

„Anna“, begann er laut und scharf artikuliert. „Auf diesen Tag habe ich fünfzehn Jahre gewartet. Du bist mir seit der ersten Nacht zuwider. Verstehst du? Zuwider. Ich konnte dich nie berühren, ohne dass es mich gegraust hat. Für mich warst du nur die Eintrittskarte in ein bequemes Leben, sonst nichts. Eine fade Apothekerin, die nach Medikamenten riecht. Morgen reiche ich die Scheidung ein. Das Geschäft bleibt bei mir. Und dir bleiben deine Tabletten und die Leere.“

Im Saal wurde es so still, dass man hörte, wie jemand schwer schluckte. Josef, Annas Vater, zuckte zusammen und krallte sich an die Tischkante. Eine der Frauen stieß einen erstickten Laut aus.

Anna zog den Ring ab. Langsam, ohne ihren Mann anzuschauen. Sie legte ihn vor sich auf den Tisch. Erst dann hob sie den Blick — ruhig, trocken, ohne eine einzige Träne — und nickte ihrem Neffen Paul zu, der mit einem Laptop an der Wand saß.

„Spiel es ab.“

Die Leinwand an der Wand flammte auf. Zuerst begriff niemand, was da geschah. Dann erklang eine Stimme. Eine sehr vertraute.

Auf dem Bild saß Lukas im Büro des Busdepots. Vor ihm stand Theresa, das rothaarige Mädel aus der Disposition, in einem engen Rollkragenpullover.

„Und sie merkt wirklich nichts?“, fragte Theresa und beugte sich näher zu ihm.

„Geh, die ist doch blöd“, lachte Lukas. „Die hockt den ganzen Tag in der Apotheke und zählt ihre Pillen. Ich hab drei Kredite auf die Firma aufgenommen, und sie hat keinen Tau davon. Wenn wir geschieden sind, bleiben ihr die Schulden, mir bleibt das Geschäft. Und wir zwei, meine Schöne, fangen endlich richtig zu leben an.“

Theresa kicherte und streckte die Hand nach ihm aus.

Lukas am Tisch wurde kreidebleich. Ruckartig fuhr er zu Anna herum.

„Was soll der…“

Sie gab keine Antwort. Paul klickte bereits zum nächsten Video.

Nun erschien ein jüngerer Lukas auf der Leinwand. Schmal, in einem zerknitterten Hemd. Er stand bei den Garagen, die Josef ihm damals überlassen hatte, und hielt ein Stamperl mit Klarem in der Hand. Es war der Hochzeitstag — in der Ferne war das Festzelt zu sehen, Musik drang herüber. Neben ihm standen zwei seiner Freunde.

„Ich liebe sie nicht, nicht einmal ein bissl“, sagte Lukas und kippte das Stamperl hinunter. „Aber der Schwiegervater hat Beziehungen in der Gemeinde und Grund besitzt er auch. Zehn Jahre halt ich das aus, dann steh ich auf eigenen Füßen. Und danach such ich mir eine richtige Frau. Nicht diese Apothekerin.“

Seine Freunde brüllten vor Lachen. Lukas schenkte sich gleich noch einmal nach.

Josef erhob sich langsam. Sein Gesicht war grau geworden, die Lippen waren fest zusammengepresst. Erst starrte er auf die Leinwand, dann auf seinen Schwiegersohn — lange, schwer, als müsste er jedes einzelne Wort verdauen.

„Lukas“, sagte er leise. „Hast du das ernst gemeint?“

Lukas zuckte zusammen, öffnete den Mund, wollte etwas erwidern, doch Paul hatte schon den nächsten Clip gestartet. Diesmal waren Dokumente zu sehen. Kreditverträge. Kontoauszüge. Alles in Großaufnahme, jede Verbindung, jedes Muster: wie Lukas Darlehen auf Annas Firma aufgenommen hatte, wie er Geld auf Theresas Konten überwiesen hatte, wie er sich darauf vorbereitet hatte, seine Frau mit den Schulden sitzen zu lassen.

„Kopien liegen beim Finanzamt“, sagte Anna leise.

Hedis Stube