„Und bei meinem Anwalt“, fügte Anna hinzu, immer noch ruhig, aber laut genug, dass es bis in die hinterste Ecke des Saales getragen hat. „Die Garagen, die Grundstücke, der ganze Betriebshof — alles ist auf mich eingetragen. Du, Lukas, hast nur verwaltet. Und damit ist jetzt Schluss. Die Kredite gehören dir. Die Schulden auch. Der Betrieb bleibt in der Familie. In meiner Familie.“
Sie hat sich erhoben und ist einen Schritt auf ihn zugegangen. Lukas ist unwillkürlich zurückgewichen.
„Hast du wirklich geglaubt, ich merk nichts?“, fragte Anna. Ihre Stimme war leise, doch jedes einzelne Wort hat gesessen wie ein Schlag. „Ein halbes Jahr lang hab ich zugeschaut, wie du dir alles zurechtlegst. Wie du dieses Mädel in mein Haus bringst, während ich in der Arbeit bin. Wie du mit ihr ausrechnest, was ich noch wert bin. Ich hab geschwiegen und gesammelt. Belege, Aufnahmen, Zeugen. Weil ich gewusst hab, dass du genau diesen Tag aussuchen wirst. Meinen Jubiläumstag. Damit du mich vor allen kleinmachst. Damit alle sehen sollen, wie stark du angeblich bist.“
Lukas machte den Mund auf, aber kein Laut kam heraus.
„Und jetzt verschwindest du“, sagte Anna. „Aus diesem Saal. Aus meinem Leben. Und Theresa kannst du ausrichten: Am Betriebshof wird sie sicher nicht anfangen.“
Lukas fuhr herum, wollte zur Tür, doch Josef stellte sich ihm in den Weg. Kein Wort. Er stand einfach nur da und sah ihn an. Lukas ballte die Hände, senkte dann den Blick und stürmte an ihm vorbei hinaus. Hinter ihm wurde gepfiffen. Irgendwer rief: „Schande!“ Dann krachte die Tür ins Schloss.
Im Saal kam Bewegung auf. Zuerst ein Murmeln, dann Stimmen, Schritte, Stühle, die über den Boden scharrten. Jemand trat zu Anna und drückte ihr stumm die Hand. Mehrere Frauen stellten sich um sie, redeten durcheinander, wollten sie trösten, wollten etwas sagen, irgendetwas. Anna hörte nur halb hin. Ihr Blick blieb an dem Ring hängen, der auf dem Tisch lag. Klein war er, abgenützt, vom Alltag matt geworden. Fünfzehn Jahre hatte sie ihn getragen — und auf einmal schien es, als hätte er nie etwas bedeutet.
Josef kam zu ihr und legte ihr den Arm um die Schultern.
„Verzeih mir, Kind“, sagte er rau. „Ich hab ihn damals selber in dein Leben gebracht.“
„Du wolltest mir helfen, Papa“, erwiderte Anna. „Du kannst nichts dafür, dass er so geworden ist.“
„Trotzdem. Verzeih mir.“
Anna lehnte sich an ihren Vater. Erst jetzt spürte sie, wie erschöpft sie war. Wie fest sie den ganzen Abend die Zähne zusammengebissen hatte. Wie hart ihre Schultern geworden waren vor lauter Anspannung. Tränen kamen keine. Nur eine Leere war da — und darunter, ganz seltsam, eine Art Erleichterung.
„Komm, ich bring dich heim“, bot Josef an.
Anna schüttelte den Kopf. „Nein. Ich bleib. Alle sollen sehen, dass ich noch da bin. Dass ich nicht davongelaufen bin und mich nicht versteckt hab.“
Ihr Vater nickte und drückte ihre Hand.
Nach und nach begannen die Gäste zu gehen. Manche blieben kurz bei ihr stehen, sagten ein paar unbeholfene, aber gut gemeinte Worte. Anna lächelte, bedankte sich, hielt sich aufrecht. Als der Saal fast leer war, trat Barbara zu ihr, die Frau eines von Lukas’ Geschäftspartnern.
„Anna, darf ich dich etwas fragen?“, sagte sie leise.
„Natürlich.“
„Du hast es schon länger gewusst, oder? Wegen Theresa. Und wegen der Kredite. Warum bist du nicht früher gegangen?“
Anna hob den Blick. Barbara sah sie aufmerksam an, neugierig, aber auch angespannt, als würde sie die Antwort nicht nur für sich selbst brauchen.
„Weil er dann mit dem Geld und seinem guten Namen dagestanden wäre“, sagte Anna ruhig. „Und ich mit leeren Händen. Dazu hätten die Leute geredet, ich sei selber schuld. Ich hab gewartet, bis er sich vor allen selber zeigt. Damit niemand mehr zweifelt, wer hier wer ist.“
Barbara nickte langsam. Eine Weile sagte sie nichts.
„G’scheit bist du“, murmelte sie schließlich. „Ich halt meinen seit fünfzehn Jahren aus. Und trau mich nicht weg.“
Anna sah sie eindringlich an.
„Sammeln Sie Beweise?“
Barbara verzog den Mund zu einem bitteren Lächeln.
„Ab jetzt schon.“
Sie drückte Anna die Hand und ging. Anna blickte wieder auf den Ring. Dann nahm sie ihn vom Tisch, trat zum Fenster und öffnete es einen Spalt. Kalte Luft schlug ihr ins Gesicht. Sie hob die Hand — und warf den Ring hinaus in die Dunkelheit.
