„Spiel es ab.“ sagte Anna trocken und nickte ihrem Neffen, nachdem sie den Ring abgelegt hatte

Heuchlerisch, triumphierend, ekelhaft — ein Abend voller Demütigung.
Geschichten

Paul, der gerade die Geräte zusammenpackte, fuhr herum.

„Tante Anna, was machst du denn?“

„Ich mach mich frei“, sagte sie nur.

Drei Tage später hat Lukas versucht, wieder auf den Betriebshof zu kommen. Der Wachmann hat ihn nicht hineingelassen. Also stand er vor dem Tor, brüllte herum und verlangte, man solle ihn sofort durchlassen. Ausgerechnet in diesem Moment ist Anna mit Josef vorgefahren; sie brachte Unterlagen für den neuen Geschäftsführer.

Kaum hatte Lukas ihren Wagen gesehen, stürzte er darauf zu.

„Anna, das kannst du nicht machen!“, schrie er. „Das ist mein Betrieb! Ich hab ihn auf die Beine gestellt!“

Anna ließ die Scheibe hinunter.

„Mit meinem Geld und mit den Kontakten meines Vaters“, sagte sie ruhig. „Du hast ihn verwaltet. Mehr nicht. Und jetzt verwaltest du gar nichts mehr. Geh zu Theresa. Vielleicht baut die dich wieder auf.“

Lukas schnappte nach Luft.

„Die ist weg!“, stieß er hervor. „Sobald sie von den Schulden erfahren hat, war sie verschwunden!“

Anna zog nur kurz die Mundwinkel hoch.

„Na schau. Offenbar bist du ihr auch zuwider gewesen. Sie war bloß gescheiter als ich und hat es früher begriffen.“

Lukas erstarrte. Sein Gesicht verzog sich, als hätte ihn jemand geschlagen. Er machte einen Schritt nach vorn, doch da stieg Josef aus dem Auto. Langsam, schwerfällig, aber unübersehbar stellte er sich neben seine Tochter.

„Geh heim, Lukas“, sagte er müde. „Solang es noch ohne Polizei geht.“

Ein paar Sekunden blieb Lukas noch stehen. Dann drehte er sich um und ging davon. Gebückt, zusammengesunken, auf einmal alt.

Anna sah ihm nach. Da war kein Mitleid mehr und auch keine Wut. Nur eine Leere an jener Stelle, an der fünfzehn Jahre lang Schmerz gewesen war.

Am Abend saß sie mit ihrem Vater in der Küche. Josef schenkte sich Tee ein, Anna blickte hinaus. Hinter der Fensterscheibe wurde der Himmel immer dunkler.

„Wie geht’s dir?“, fragte Josef.

„Schon gut“, antwortete sie.

Dann schwieg sie kurz und sagte leiser:

„Nur komisch ist es. Fünfzehn Jahre lang hab ich geglaubt, mit mir stimmt etwas nicht. Ich sei nicht hübsch genug, nicht spannend genug, nicht liebenswert genug. Ich hab mir eingeredet, dass seine Kälte meine Schuld ist. Und jetzt stellt sich heraus: Es lag nie an mir. Er hat mich einfach nie geliebt. Nicht einmal am Anfang.“

Josef sagte lange nichts. Schließlich seufzte er.

„Weißt du, was mir am meisten wehtut? Dass ich auch meinen Teil daran hab. Ich hab ihn dir damals ja praktisch eingeredet. Hab gedacht, er ist ein ordentlicher Kerl, fleißig, aus dem wird was. Dabei hat er schon damals alles durchgerechnet.“

„Papa, hör auf.“ Anna legte ihre Hand auf seine. „Du wolltest, dass es mir gut geht. Er wollte Geld. Das ist nicht dasselbe.“

Josef nickte, doch seine Augen blieben traurig.

„Und was machst du jetzt?“

Anna hob die Schultern.

„Arbeiten. Weiterleben. Ich hab die Apotheke, ich hab dich, ich hab genug zu tun. Ich hab so viele Jahre an einen Menschen verschenkt, der mich verachtet hat. Vielleicht ist es wirklich Zeit, einmal für mich selbst zu leben.“

„Heiraten wirst du nimmer?“

Sie lächelte schwach.

„Ich weiß es nicht. Im Moment will ich nicht einmal daran denken. Ich will nur Ruhe. Und niemanden mehr, der mir einredet, ich wäre unausstehlich.“

Danach saßen sie eine Weile schweigend da. Draußen gingen vereinzelt die Laternen an. Josef trank seinen Tee aus und stand auf.

„Also gut, mein Mädchen. Ich fahr heim. Wenn irgendwas ist, rufst du an. Egal wann.“

„Danke, Papa.“

Als er gegangen war, blieb Anna allein zurück. Sie setzte sich an den Tisch, stützte den Kopf auf die verschränkten Arme und erst da, in der Stille der leeren Küche, ließ sie die Tränen kommen. Nicht wegen des Schmerzes. Nicht aus Kränkung. Sondern vor Erleichterung. Weil sie nicht länger so tun musste, als wäre alles in Ordnung. Weil sie keine kalten Berührungen und hohlen Worte mehr ertragen musste. Weil sie nicht mehr glauben musste, sie selbst sei schuld.

Ein Monat verging. Lukas versuchte, die Unterlagen anzufechten, doch Annas Anwalt brachte ihn rasch zur Vernunft. Sämtliche Papiere waren sauber, alle seine Tricksereien offengelegt. Die Geschäftspartner wandten sich einer nach dem anderen von ihm ab. Theresa tauchte nicht wieder auf.

Anna fand langsam in einen gewöhnlichen Alltag zurück: Apotheke, Zuhause, ihr Vater. Manchmal meldeten sich Freundinnen bei ihr.

Hedis Stube