„In einer Woche kommt meine Schwester mit ihrem Mann. Und die Neffen samt Familien auch. Ich hab schon allen gesagt, dass das Haus am Meer jetzt unser Familienhaus ist“, erklärte die Schwiegermutter, während sie in aller Ruhe ihre Sachen im Kasten des Schlafzimmers verstaute.
Anna blieb mit dem Häferl in der Hand wie angewurzelt stehen. Der Morgenkaffee schmeckte ihr auf einmal bitter.
„Entschuldigung … was heißt da, sie kommen?“
„Acht Personen sind es. Mach dir keine Sorgen, irgendwie rücken wir schon zusammen. Den Kindern tut die Meeresluft gut.“
Anna starrte die Frau an, die dieses Haus noch vor einem Jahr als Bruchbude bezeichnet und über Annas Bemühungen, es zu retten, gelacht hatte. Jetzt hängte die Schwiegermutter geschäftig ihre Kleider um, als würde sie gerade ihre eigene Wohnung beziehen. Auf dem Bett lagen bereits ihre Kosmetiktascherln, auf dem Nachtkastl stand schon ein Bilderrahmen mit den Enkeln. Durch die neuen Fenster, für die Anna ihre letzten Ersparnisse hergegeben hatte, fiel helles Sonnenlicht. In der Luft mischten sich der Geruch des Meeres und der Rosen, die Anna im Frühjahr eigenhändig gesetzt hatte.

Das alte Häuschen am Meer hatte Annas Großmutter gehört. Nach deren Tod hatten plötzlich entfernte Verwandte Anspruch auf das Erbe erhoben – Leute, die in der Familie seit Jahren niemand mehr gesehen hatte.
„Nicht einmal zur Beerdigung sind sie gekommen“, hatte Anna damals empört zu Lukas gesagt. „Und jetzt erinnern sie sich auf einmal an die Verwandtschaft!“
„Vielleicht wäre es wirklich besser, nachzugeben?“, hatte Lukas vorsichtig gemeint. „Du wirst dir damit nur die Nerven ruinieren …“
Die gerichtlichen Auseinandersetzungen haben sich beinahe zwei Jahre hingezogen. Anna hat Unterlagen zusammengesucht, ist zu Verhandlungen gefahren, hat Geld für Anwälte ausgegeben und sich nebenbei immer wieder Spott anhören müssen.
Am eifrigsten war dabei ihre Schwiegermutter gewesen.
„Lass doch endlich diesen alten Schuppen. Der fällt dir eh bald von selbst zusammen“, sagte sie beim Sonntagsessen.
„Das ist eine Erinnerung an meine Großmutter“, versuchte Anna zu erklären.
„Erinnerungen kann man auch in einem Album aufheben. Gescheiter wäre es gewesen, ihr hättet euch eine größere Wohnung gekauft.“
„Mama, das ist unsere Entscheidung“, mischte sich Lukas ein, allerdings nicht besonders überzeugend.
„Du überweist ja nur noch Geld an Anwälte. Wie viel ist es inzwischen? Fünfzigtausend? Hunderttausend?“
Sogar manche Verwandte von Lukas hielten Anna für stur und geizig. Bei Familienfeiern fielen immer wieder bissige Bemerkungen über das „Geisterhäuschen“ und ihre „Luftschlösser“.
Doch am Ende hat Anna den Prozess gewonnen.
Als alle Papiere endlich erledigt waren, ist sie mit Lukas hingefahren, um sich das Erbe genauer anzuschauen. Das Haus war verwahrlost, aber solide gebaut. Aus den Fenstern konnte man das Meer sehen.
