„Ich hab schon allen gesagt, dass das Haus am Meer jetzt unser Familienhaus ist“ erklärte die Schwiegermutter gelassen, während Anna mit dem Häferl in der Hand wie angewurzelt stehen blieb

Unverschämt und herzlos, dieses Erbschaftsgeschacher.
Geschichten

Im Hof standen alte, vom Wind geformte Föhren, die dem Grundstück trotz aller Verwahrlosung etwas Würdevolles gaben.

„Weißt du“, hat Lukas gesagt, während er langsam um das Haus herumgegangen ist, „eigentlich ist es hier wirklich schön.“

Nach diesem Besuch haben sie beschlossen, das Haus nicht zu verkaufen.

Das darauffolgende Jahr ist fast vollständig für die Renovierung draufgegangen. Lukas hat sich um das Dach, die Fenster und all die groben Arbeiten gekümmert, während Anna den Garten in Ordnung gebracht und Zimmer für Zimmer geplant hat. Aus dem vernachlässigten alten Gebäude ist nach und nach ein warmer, freundlicher Ort geworden, an dem man aufatmen konnte.

Zum ersten Mal seit langer Zeit hat Anna wieder gespürt, dass sie glücklich war.

Im Sommer hat Anna ein paar Fotos in den sozialen Netzwerken geteilt.

Eine helle Veranda mit geflochtenen Sesseln.

Eine Hängematte zwischen den Föhren, in der man am Abend wunderbar lesen konnte.

Rosen beim Gartentor, eine ganze kleine Allee aus verschiedenen Sorten.

Und der Sonnenuntergang über dem Meer, aufgenommen von der eigenen Terrasse.

Unter den Bildern sind bald unzählige begeisterte Kommentare aufgetaucht. Freundinnen wollten wissen, in welchem Hotel sie urlaubte. Kolleginnen konnten kaum glauben, dass dieses Haus tatsächlich ihr gehörte.

Ein paar Tage später hat unerwartet ihre Schwiegermutter angerufen.

Ihre Stimme klang ungewohnt sanft, beinahe zuckersüß.

„Annerl, ich hab deine Fotos gesehen. Was für ein entzückendes Häuschen das geworden ist!“

„Danke“, antwortete Anna vorsichtig.

„Man erkennt es ja gar nicht wieder. Wie aus einem Wohnmagazin. Da müssen wir wirklich einmal vorbeikommen und uns euer kleines Wunder anschauen.“

„Ja, irgendwann sicher …“

„Ist das Meer nahe?“

„Fünf Minuten zu Fuß.“

„Herrlich! Na gut, ich drück dich. Liebe Grüße an Lukas!“

Anna hat sofort ein ungutes Gefühl bekommen. In den drei Jahren ihrer Ehe hatte sie gelernt, die Zwischentöne ihrer Schwiegermutter zu deuten. Dieser plötzliche Wechsel von Spott zu Bewunderung war viel zu auffällig.

Eine Woche später hat sich ihre Vorahnung bestätigt.

Die Schwiegermutter stand mit zwei riesigen Koffern vor der Tür. Das Taxi war bereits davongefahren, ohne auch nur abzuwarten, bis Anna öffnete. Anna selbst stand mit einer Schürze in der Küche, den Schneebesen noch in der Hand, weil sie gerade Baiser vorbereitete.

„Mama? Sie haben ja gar nichts gesagt …“

„Ich wollte euch überraschen!“, rief die Schwiegermutter, gab ihr einen Kuss auf die Wange und trat einfach ins Haus.

Sie bewegte sich durch die Räume, als würde sie schon seit Jahren hier wohnen. Gemächlich zog sie die Schuhe aus und stellte ihre Handtasche auf die Konsole im Vorzimmer.

Dann besichtigte sie jedes Zimmer, strich über die Vorhänge und drückte prüfend auf die Polster der Sofas.

Die Renovierung lobte sie mit der Miene einer Fachfrau.

„Die Tapeten habt ihr gut ausgesucht. Und die Fliesen im Bad sind auch sehr gelungen.“

Danach erklärte sie ganz ruhig:

„Ich habe beschlossen, den ganzen Sommer hier zu verbringen. Die Meeresluft tut in meinem Alter gut.“

Hedis Stube