Anna versuchte, ruhig zu bleiben, brachte aber doch einen Einwand hervor:
„Aber wir haben darüber gar nicht gesprochen … Wir hatten eigene Pläne …“
Ihre Schwiegermutter wischte das mit einer lässigen Handbewegung weg.
„Sei nicht so kleinlich. Das Haus ist groß genug, da findet jeder seinen Platz.“
Dabei zog sie ihren Koffer bereits in Richtung des Hauptschlafzimmers. Anna ging ihr hastig nach, doch da folgte schon die nächste Eröffnung.
„Ach ja, übrigens: Ich habe der Verwandtschaft schon von eurem Haus erzählt. Alle sind ganz begeistert!“
„Welcher Verwandtschaft?“, fragte Anna, und für einen Moment war ihr, als würde ihr der Boden unter den Füßen nachgeben.
„Na, unseren Leuten eben. Meiner Schwester, den Neffen und Nichten. Die haben das Meer schon so lange nicht mehr gesehen.“
Nach und nach stellte sich heraus, dass die Schwiegermutter gleich mehreren Familien einen kostenlosen Urlaub versprochen hatte. In einer Woche sollten ihre Schwester mit deren Mann kommen, dazu zwei erwachsene Kinder mit ihren Partnern und außerdem zwei Enkelkinder.
Acht Personen insgesamt.
Und kein einziger Mensch hatte es für nötig gehalten, vorher die Hausherrin zu fragen.
Mehr noch: Die Schwiegermutter hatte die Zimmer bereits nach eigenem Gutdünken aufgeteilt. Das Hauptschlafzimmer war für sie selbst vorgesehen. Das Kinderzimmer sollten die Verwandten mit den Kindern bekommen. Das Gästezimmer war für das zweite Paar reserviert.
„Und wo sollen Lukas und ich schlafen?“, fragte Anna leise.
„Auf der Veranda kann man doch ein Feldbett aufstellen. Oder ihr nehmt im Wohnzimmer das Sofa. Stell dich nicht so an, es ist ja nur für kurze Zeit.“
Am Abend kam Lukas nach Hause. Anna erkannte schon von drinnen das vertraute Geräusch des Motors und trat ans Fenster. Unter den Pinien stellte er den Wagen ab, müde und abgekämpft nach einem langen Arbeitstag.
Seine Mutter war schneller bei der Tür als Anna. Während sie die Falten ihres Kleides glattstrich, stürzte sie ihm entgegen.
„Lukas!“, rief sie und umarmte ihren Sohn überschwänglich. „Stell dir vor, ich wollte nur die Familie zusammenbringen, und deine Frau macht ein riesiges Theater. Sie will die Verwandten nicht kommen lassen!“
Anna sagte kein Wort. Sie nahm nur ihr Handy, öffnete den Familienchat und reichte es ihrem Mann. Auf dem Display leuchtete die Nachricht, die seine Mutter am Vormittag verschickt hatte:
„Kommt alle. Das Haus ist riesig. Platz ist genug. Anna freut sich nur über Gäste.“
Lukas las den Verlauf. Mit jeder Zeile wurde sein Gesicht ernster. Schließlich hob er den Blick und sah seine Mutter an.
„Du hast Leute eingeladen, ohne uns vorher zu fragen?“
„Na und? Was ist denn dabei?“, erwiderte sie und zuckte mit den Schultern.
„Du hast auch schon die Zimmer verteilt?“
„Natürlich. Irgendwer muss so etwas ja organisieren.“
„Sogar unser Schlafzimmer?“
„Was soll daran schlimm sein? Ich brauche einen bequemen Platz, mein Rücken macht mir zu schaffen.“
Ganz offensichtlich hatte seine Mutter nicht damit gerechnet, dass ihr Sohn solche Fragen stellen würde. Sie war es gewohnt, dass Lukas am Ende ohnehin nachgab.
