„Mama, das hier ist nicht dein Haus.“
„Aber wir gehören doch zur Familie!“
„Gerade deshalb hättest du uns vorher fragen müssen.“
Am nächsten Tag hat Lukas alle Verwandten selbst angerufen. Anna stand in der Küche und hörte, wie ruhig er sprach — ruhig, aber so bestimmt, dass kein Zweifel blieb.
Jedem erklärte er, es habe ein Missverständnis gegeben. Die Einladung sei ohne Zustimmung der Hausbesitzer ausgesprochen worden. Ihr Zuhause sei keine Gratispension, und er und Anna würden selbst entscheiden, wie sie ihre freien Tage verbringen wollten.
Einige waren verlegen und entschuldigten sich sofort. Tante Maria sagte sogar:
„Wir haben ja gar nicht gewusst, dass Barbara das ganz allein beschlossen hat.“
Andere nahmen es übel, vor allem die Nichte, die ihre Fahrkarten bereits gekauft hatte.
Seine Mutter jedoch machte einen gewaltigen Aufstand. Sie lief im Wohnzimmer auf und ab, fuchtelte mit den Händen und schrie sich beinahe heiser.
„Das ist alles nur wegen dir!“, rief sie und zeigte mit dem Finger auf Anna. „Geizig bist du! Undankbar! Ich habe dich in unsere Familie aufgenommen, und du jagst die Verwandtschaft davon!“
Doch diesmal stellte sich niemand auf ihre Seite. Nicht einmal Lukas wich zurück. Er blieb ruhig, aber fest.
Am nächsten Morgen brachte er seine Mutter zum Bahnhof. Anna kam noch hinaus, um sich zu verabschieden. In der Hand hielt sie eine Thermoskanne mit Kaffee für die Fahrt.
Kurz vor der Abreise versuchte die Schwiegermutter ein letztes Mal, ihr ein schlechtes Gewissen einzureden.
„Du wirst es eines Tages noch bereuen. Dann sitzt du allein da, und keiner wird dir helfen.“
„Nein“, antwortete Anna leise, ohne den Blick zu senken. „Ich habe viel zu lange für dieses Haus gekämpft. Jetzt möchte ich einfach nur Ruhe haben.“
Ein paar Wochen später war ihr Alltag wieder so, wie er sein sollte. Keine lauten Stimmen mehr am frühen Morgen, keine Forderungen, keine fremden Pläne, die über ihre Köpfe hinweg gemacht wurden.
Anna setzte sich nun jeden Morgen mit ihrem Kaffee auf die Veranda und schaute aufs Meer hinaus. Möwen zogen ihre Kreise über dem Wasser, und der Wind rauschte leise in den Kiefern.
Lukas kümmerte sich um den Garten. Er pflanzte neue Rosen ein, die Anna in einer Gärtnerei bestellt hatte.
„Die werden wunderschön“, sagte er und zeigte ihr die Fotos der Sorten auf seinem Handy.
Am Abend brieten sie Fisch im Hof und sahen zu, wie die Sonne langsam hinter dem Horizont verschwand. Manchmal luden sie Freunde übers Wochenende ein.
Die Verwandten kamen später durchaus wieder zu Besuch. Aber nun nur noch nach Einladung — und höchstens für ein paar Tage. Sogar seine Mutter erschien im Herbst noch einmal, diesmal für drei Tage und mit einer Ankündigung einen Monat im Voraus.
Sie nannte das Haus nicht mehr eine Bruchbude. Aber sie tat auch nicht länger so, als gehöre es ihr.
„Darf ich zu den Feiertagen im Mai kommen?“, fragte sie vor der Abfahrt.
„Natürlich, Mama. Sag uns nur rechtzeitig Bescheid, wenigstens drei Tage vorher“, antwortete Lukas.
Anna lächelte und blickte hinaus auf ihr Meer.
