„Setz dich, Anna“ — seine Stimme klang fremd und einstudiert, er legte die schmale Ledermappe auf den Tisch

Traurig-beklemmender Abend, der Liebe zur Pflicht degradiert.
Geschichten

Der Abend hat nach welken Pfingstrosen und aufgewärmtem Essen gerochen. Punkt sieben bin ich heimgekommen, obwohl ich mir fest vorgenommen hatte, im Büro bis zum bitteren Ende durchzuhalten. Aber das Datum hat verpflichtet: zehn Jahre, seit wir einander das Ja-Wort gegeben hatten. Zehn Jahre, in denen aus mir eine Mehrzweckmaschine mit Selbstreinigungsprogramm geworden ist – und aus Lukas ein ewiger Suchender, der vorübergehend mit nichts Konkretem beschäftigt war.

Der Strauß weißer Rosen kitzelte mich am Ellbogen. Ich hatte ihn selbst ausgesucht, in genau jenem Standl bei der U-Bahn, wo ich ihm früher, zitternd vor Kälte und Glück, seine ersten Krawatten aus dem Abverkauf gekauft hatte. Krawatten brauchte er inzwischen keine mehr. Lukas trug kaum etwas anderes als Jogginghosen für daheim und T-Shirts mit großspurigen Aufdrucken wie: „Geboren, um zu führen“.

Im Vorzimmer brannte Licht, doch die Stille war verdächtig. Kein Fernseher dröhnte mit irgendeinem Abendmatch, keine Pfanne zischte in der Küche. In letzter Zeit war ohnehin er dort am Herd gestanden, weil ich meistens viel zu spät und völlig ausgelaugt heimgekrochen kam, um noch die Hüterin des häuslichen Glücks zu spielen.

Lukas saß am Tisch im Wohnzimmer. Vor ihm standen eine Flasche Wein, die wir von unserer letzten gemeinsamen Fahrt an den Neusiedler See mitgebracht hatten, zwei Gläser – und eine schmale Mappe aus Leder. Für ein Abendessen daheim wirkte sie zu amtlich. Zu bedrohlich.

Er trug ein Hemd. Genau da hat in mir etwas kurz geklirrt und ist abgerissen. Er hatte ein Hemd angezogen. Ausgerechnet jenes, das ich ihm vor drei Jahren für ein Vorstellungsgespräch bei einer großen IT-Firma gekauft hatte. Das Gespräch hatte er krachend vergeigt und danach einer HR-Mitarbeiterin mit „überzogenen Erwartungen“ die Schuld gegeben. Das Hemd hing seither im Kasten wie ein stummer Vorwurf.

„Setz dich, Anna“, sagte er. Seine Stimme klang fremd, einstudiert, fast wie die eines Provinzschauspielers, der plötzlich die Hauptrolle bekommen hat. „Wir müssen ernsthaft reden.“

Ich legte den Strauß wortlos an den Rand des Tisches. Die Rosen fielen hässlich auseinander, zerzaust und schief; ein paar Blütenblätter rieselten sofort auf die lackierte Platte.

„Ich höre.“

Er schob die Mappe in die Tischmitte. Es war die Geste eines Besitzers: großzügig und vernichtend zugleich.

„Ich habe alles entschieden. Ich reiche die Scheidung ein.“

Die Welt ist nicht explodiert. Sie ist auch nicht eingestürzt. Sie wurde nur leiser, als hätte jemand die Lautstärke der Wirklichkeit auf null gedreht. Ich spürte, wie das Blut langsam aus meinen Wangen wich und mein Gesicht zu einer starren Maske wurde.

„Warum?“, fragte ich und war beinahe stolz darauf, dass meine Stimme nicht zitterte.

Lukas seufzte schwer und rieb sich den Nasenrücken. Diese Märtyrer-Geste kannte ich; er verwendete sie immer, wenn er erzählte, dass die Welt wieder einmal seine Begabung nicht erkannt hatte.

„Der Grund bist du, Anna. Du hast mich erdrückt. Dein Erfolg, deine ständige Arbeit, dein Geld. Du respektierst mich nicht mehr. Du siehst in mir keinen Mann mehr. In dieser Wohnung bin ich nur noch ein Nichts, eine Funktion. So kann ich nicht weiterleben.“

Ich hörte ihm zu und betrachtete ihn. Hinter dieser neuen Maske des gekränkten Königs suchte ich nach etwas Vertrautem. Da war nichts. Vor mir saß ein völlig fremder Mensch, der aus irgendeinem Grund in meiner Wohnung wohnte, mein Essen aß und in meinem Bett schlief.

„Ich habe einen Entwurf für eine Vereinbarung vorbereitet“, fuhr er fort und öffnete die Mappe. „Lass uns das ohne Hysterie und ohne Anwälte regeln. Menschlich. Du bist ja gescheit, du verstehst das.“

Er reichte mir ein Blatt. Ich überflog die ersten Zeilen – und in mir breitete sich eine kalte, eisige Leere aus.

Die Wohnung, die ich vor drei Jahren auf Kredit gekauft hatte, nachdem sein nächstes Start-up wie eine Seifenblase geplatzt war, sollte vollständig an ihn gehen. Die Kreditraten sollten trotzdem bei mir bleiben, weil der Vertrag auf meinen Namen lief.

Dazu kam eine monatliche „Entschädigung für seelischen Schaden“ – eine Summe, die den üblichen Mindestsicherungsrichtsatz in Wien um das Dreifache überstieg – zahlbar bis zu dem Zeitpunkt, an dem er erneut heiraten würde.

Ein eigener Punkt betraf finanzielle Unterstützung für Hedwig, seine Mutter, „in einer Höhe, die den laufenden Aufwendungen zur Aufrechterhaltung ihres gewohnten Lebensstandards entspricht“.

Ich hob den Blick vom Papier.

„Lukas, ist das dein Ernst?“

Er nickte. In seinen Augen flackerte etwas auf, das fast wie Jagdfieber aussah. Ein Jäger, der die Beute in die Enge getrieben hat und sich schon auf das Zerlegen freut.

„Du bist doch stark, Anna. Du warst immer stark. Wir dagegen sind normale Menschen. Du darfst uns jetzt einfach nicht fallenlassen. Oder willst du deine geliebte Schwiegermutter nicht absichern? Sie hat dich behandelt wie eine Tochter.“

Der letzte Satz war so grotesk, dass ich beinahe laut aufgelacht hätte.

„Wie eine Tochter? Eine Tochter, die euch, wie du sagst, ‚absichern‘ soll?“

„Häng dich nicht an Wörtern auf. Du weißt ganz genau, was ich meine. Mama und ich sind an einen gewissen Lebensstandard gewöhnt. Uns jetzt im Stich zu lassen, wäre schlicht niederträchtig.“

Langsam schob ich den Sessel zurück, stand auf und ging zum Fenster. In der Scheibe spiegelte sich eine vierunddreißigjährige Frau mit dunklen Ringen unter den Augen und perfekter Frisur, die sie in der Früh automatisch gemacht hatte, während sie an Deadlines dachte – nicht daran, dass ihr Mann sie am Abend bitten würde, nach der Scheidung freiwillig zur Melkkuh zu werden.

„Und wenn ich Nein sage?“

Lukas verzog das Gesicht.

„Dann gibt es ein Gerichtsverfahren. Lang und schmutzig. Du weißt, ich kann mir auch einen Anwalt nehmen. Ich habe Beweise, dass du mich mit deiner Gleichgültigkeit in eine Depression getrieben hast. Mama wird das bestätigen. Die Nachbarn werden bestätigen, dass du fast nie daheim bist. Ehe ist Partnerschaft, Anna. Und du hast deine Pflichten als Partnerin nicht erfüllt.“

Ich drehte mich zu ihm um. In meinen Schläfen pochte es, doch mein Rücken blieb gerade.

„Und deine Pflichten als Partner?“, fragte ich leise. „Hast du die in den letzten fünf Jahren erfüllt?“

Er zuckte mit der Schulter und wich meinem Blick aus.

„Ich habe mich gesucht. Eine kreative Krise ist kein Spaß. Versuch du einmal, mit jemandem zu leben, der statt Unterstützung nur fragt: Wann findest du endlich Arbeit? Wann verdienst du endlich Geld? Ich bin nicht dein Projekt, Anna. Ich bin dein Mann.“

Ich nahm eines der Gläser vom Tisch und zerschmetterte es langsam auf dem Boden. Das Klirren schnitt durch die Stille. Lukas zuckte zusammen und wich zurück.

„Was führst du da auf?!“

Ohne ein Wort verließ ich das Zimmer, schloss die Schlafzimmertür fest hinter mir und setzte mich auf die Bettkante. In meinen Ohren rauschte es, mein Herz schlug irgendwo im Hals. Doch ganz unten, unter Schock und Schmerz, erwachte ein anderer Klang. Kalt. Berechnend. Wütend.

Ich band mir die Haare zu einem Zopf, klappte den Laptop auf und öffnete unseren gemeinsamen Cloud-Speicher. Dort, im Ordner „Familie“, verwahrte Lukas Scans seiner „genialen“ Businesspläne und Fotos von glücklichen Momenten. Ich hatte dort andere Dinge abgelegt: Finanzberichte, Kontoauszüge, Kreditverträge. Ich erstellte einen neuen, passwortgeschützten Ordner und begann, systematisch jede einzelne Datei dorthin zu kopieren.

Durch die Wand hörte ich, wie Lukas mit jemandem telefonierte. Seine Stimme klang erregt, beinahe fröhlich. Ich presste das Ohr an die kalte Wand und fing einen Satzfetzen auf:

„Keine Sorge, Mama, die wird ganz zahm. Ich krieg sie schon klein. Wer in diesem Haus verdient, soll auch zahlen. Ich hab mir meinen Anteil verdient.“

Ich schloss die Augen und atmete tief ein. Also Mama. Also hatten sie das gemeinsam besprochen. Also war aus meiner Ehe ein Familienbetrieb zur Vermögensabschöpfung geworden – und ich erfuhr es als Letzte.

Gut, Lukas. Gut, Hedwig. Ihr habt den Krieg erklärt. Ihr wisst nur nicht, mit wem ihr euch angelegt habt.

Am Morgen wachte ich mit einem Schädel wie aus Gusseisen auf, aber mit einem glasklaren ersten Schritt vor Augen. Ich brauchte eine Anwältin. Nicht irgendeine Juristin, sondern einen Hai, der jedes Argument in Fetzen reißt und sich auch vor schmutzigen Mitteln nicht ekelt, falls es so weit kommt. Katharina, meine Studienfreundin, spielte genau in dieser Gewichtsklasse. Wir hatten einander seit gut zwei Jahren nicht gesehen, doch unsere Freundschaft war nie auf tägliches Gießen angewiesen gewesen. Sie hielt durch etwas Stabileres als belanglosen Alltagstratsch.

Ich schrieb ihr eine knappe Nachricht: „Brauche Beratung. Mein Mann glaubt, eine Scheidung sei der ideale Anlass, mich in lebenslange Leibeigenschaft zu überführen. Bin heute um sechs bei dir.“

Die Antwort kam nach einer Minute: „Komm. Nimm alle Unterlagen mit. Und Cognac.“

Katharinas Kanzlei lag in einem Hochhaus mit Panoramablick über Wien. Als ich eintrat, beendete sie gerade ein Telefonat und kaute dabei wütend auf einem Zuckerl herum.

„Anna“, stieß sie aus, stand hinter dem Schreibtisch auf und umarmte mich so fest, dass meine Rippen knacksten. Dann hielt sie kurz inne und musterte mich.

Hedis Stube