„Zwölf Leute, Lukas!“ flüsterte sie heiser, während unsere sieben Monate alte Tochter im Nebenzimmer gerade eingeschlafen war

Egoistisch, herzlos und doch verstörend vertraut.
Geschichten

— Lukas, leg auf, — ich hab nach dem Geschirrtuch gegriffen und es auf den Tisch geschleudert. — Leg sofort auf und sag mir, dass das ein schlechter Scherz war.

Lukas blinzelte verdutzt, das Handy noch immer ans Ohr gepresst. Am Display leuchtete der Name seiner Mutter auf.

— Mama, wart kurz, — brummte er ins Telefon, dann schaute er zu mir herüber. — Anna, was führst du dich denn so auf? Sie sind eh schon aus dem Vorort losgefahren. In zwei Stunden sind sie da.

— Zwölf Leute, Lukas! — meine Stimme kippte in ein heiseres Flüstern, weil unsere sieben Monate alte Tochter im Nebenzimmer gerade erst eingeschlafen war. — Deine Eltern, deine Schwester mit ihrem Mann und den drei Kindern, dein Onkel Josef mit seiner Frau … Losgefahren? Und auf die Idee, mich vorher zu fragen, ist niemand gekommen?

— Geh bitte, das ist doch meine Familie, — winkte Lukas ab und sprach wieder ins Handy. — Ja, Mama, passt alles. Wir warten auf euch. Ja, Anna wird schon irgendwas herrichten. Fahrt vorsichtig.

Er beendete das Gespräch und griff, als wäre überhaupt nichts gewesen, nach dem Kühlschrank.

— Lukas, der Kühlschrank ist leer! — vor Kränkung und Hilflosigkeit musste ich mich zusammenreißen, um nicht loszuheulen. — Da drin sind drei Eier und ein halber Becher Kefir. Ich wollte am Abend erst etwas bestellen. Wovon soll ich bitte für eine ganze Horde kochen?

— Anna, fang jetzt nicht schon wieder an, — sagte mein Mann genervt, während er eine Flasche Mineralwasser herausnahm. — Du bist daheim in Karenz, du hast eh nichts anderes zu tun. Dann koch halt was für meine Verwandtschaft. Ist das so schwer? Der Supermarkt ist gleich ums Eck. Koch ein paar Erdäpfel, schieb ein Hendl ins Rohr. Frauen machen das immer so. Meine Mutter hat ihr Leben lang für dreißig Leute aufgetischt und nie gejammert.

— Deine Mutter ist aber nicht mit einem Baby daheim gesessen, dem die Zähne durchbrechen und das die dritte Nacht hintereinander immer nur zwanzig Minuten schläft! — Ich trat ganz nah an ihn heran und spürte, wie in mir eine dumpfe, gefährliche Wut hochstieg. — Ich habe in dieser ganzen Woche insgesamt vielleicht zwölf Stunden geschlafen. Welche Erdäpfel? Welches Hendl?

— Ach komm, übertreib nicht, — seufzte Lukas und warf einen Blick auf die Uhr. — Schläft Lena? Sie schläft. Also hast du Zeit. Ich verdiene übrigens das Geld, Anna. Ich bin nach der Arbeit auch erledigt. Von dir wird nur ein bisserl Gastfreundschaft erwartet. Das sind meine Verwandten, ich hab sie ein halbes Jahr nicht gesehen. Soll ich mich vor ihnen wegen deiner Anfälle genieren?

— Das heißt, wie es mir geht, ist dir völlig egal? — Ich starrte den Mann an, mit dem ich seit vier Jahren zusammenlebte, und erkannte ihn kaum wieder. — Mir geht es schlecht, Lukas. Ich bin körperlich am Ende.

— Dir ist einfach fad, deshalb erfindest du Probleme, wo keine sind, — schnitt er mir das Wort ab und ging Richtung Zimmer. — Kurz gesagt: Ich geh jetzt duschen. Ich hoffe, bis Mama da ist, hast du dich wieder eingekriegt.

Die Badezimmertür fiel ins Schloss, gleich darauf rauschte das Wasser. Ich blieb mitten im Vorraum stehen. Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Genau in diesem Augenblick kam aus dem Schlafzimmer ein dünnes, schrilles Weinen. Lena war wach. Gerade einmal fünfzehn Minuten hatte sie geschlafen.

Die nächsten zwei Stunden wurden zu einem einzigen Albtraum. Mit einem Arm wiegte ich meine Tochter, mit dem anderen versuchte ich, irgendwelche Gemüsereste kleinzuschneiden, die ich noch in der Lade gefunden hatte. Zum Einkaufen bin ich gar nicht mehr gekommen — Lena ließ mich keinen Schritt weg, weinte und wollte ständig an die Brust. Lukas kam frisch geduscht heraus, sauber und ausgeruht, setzte sich an den Computer und versank in seinen Angelegenheiten. Als ich ihn bat, das Kind kurz zu nehmen, tat er es mit einer Handbewegung ab: „Sie will zu dir, bei mir schreit sie nur.“

Punkt vier Uhr nachmittags läutete es an der Tür. Laut, ungeduldig, als würden gleich drei Hände gleichzeitig auf den Klingelknopf drücken.

Der Vorraum füllte sich im selben Moment mit Stimmen, Gelächter, dem Geruch fremder Parfums und der feuchten Kälte von draußen. Meine Schwiegermutter Hedwig schob mich schon auf der Schwelle ohne jede Scheu mit der Schulter zur Seite und rief mit kräftiger Stimme:

— Lukasi! Mein Bub! Na komm, begrüß deine Gäste!

Hinter ihr drängten die anderen herein. Die drei Kinder von Lukas’ Schwester begannen sofort, sich die Schuhe von den Füßen zu reißen, und warfen ihre Jacken einfach mitten auf den Boden. Onkel Josef, ein breiter Mann in schweren Stiefeln, hustete laut und polternd.

— Jessas, warum ist es denn da so still? — Hedwig steckte den Kopf in die Küche. — Anna, wo ist denn alles? Habt ihr uns leicht gar nicht erwartet? Lukas hat gesagt, du bist daheim und richtest schon den Tisch her.

Hedis Stube