— Grüß Gott, — brachte ich leise heraus und drückte Lena fester an mich. Von dem Lärm war sie ganz starr vor Schreck geworden. — Lukas hat es mir erst vor zwei Stunden gesagt. Ich habe beim besten Willen nichts mehr schaffen können.
Da kam Lukas strahlend aus dem Zimmer geschossen.
— Mama! Papa! Kommt rein, kommt rein! — Er umarmte einen nach dem anderen, als wäre alles wunderbar vorbereitet. — Anna ist halt ein bisserl nicht fertig geworden, aber passt schon, wir zaubern gleich was.
— Wie, nicht fertig geworden? — Katharina, Lukas’ Schwester und Mutter von drei Kindern, musterte mich mit unverhohlenem Vorwurf. — Du bist doch den ganzen Tag daheim. Und du hast nur ein einziges Kind. Ich hab mit meinen drei Mädels vor Besuch immer noch drei Salate und ein warmes Essen hingekriegt.
— Katharina, Kinder sind nicht alle gleich, — versuchte ich mich zu verteidigen, während mir die Tränen schon in die Augen stiegen. — Lena schläft wegen der Zähne kaum.
— Geh, fang jetzt nicht mit Ausreden an, — winkte mein Schwiegervater ab und stapfte ins Wohnzimmer. — Lukas, dreh den Fernseher auf, gleich fängt das Match an. Hedwig, Katharina, helft dem Mädel halt in der Küche, sonst verhungern wir noch. Wir sind drei Stunden gefahren.
Hedwig ging in die Küche, riss den Kühlschrank auf und schnalzte enttäuscht mit der Zunge.
— Na servas, Anna. Eine Hausherrin bist du mir schon … Hältst du meinen Sohn leicht auf Diät? Na gut, fürs Herumreden ist jetzt keine Zeit. Lukas! Komm her!
Mein Mann steckte den Kopf zur Küchentür herein.
— Ja, Mama?
— Lauf ins Geschäft. Hol ein paar große Packungen Tiefkühl-Teigtascherln, Wurst, Käse und Brot. Wenn deine Frau schon kein ordentliches Essen zustande bringt, müssen wir uns eben mit Fertigzeug behelfen.
Lukas warf mir einen verärgerten Blick zu.
— Anna, ehrlich jetzt, wäre es so schwer gewesen, wenigstens ein paar Erdäpfel zu schälen? Na gut. Gib mir Geld, ich geh schnell.
— Ich hab kein Bargeld. Die Karte liegt am Nachtkastl, — antwortete ich tonlos.
Eine halbe Stunde später schepperte und dampfte es in der Küche, aber ich kam mir dort vor wie eine Fremde in der eigenen Wohnung. Hedwig und Katharina hantierten mit Töpfen, riefen einander quer durch den Raum Anweisungen zu und ließen nebenbei eine Bemerkung nach der anderen fallen.
— Diese Messer sind ja stumpf wie sonst was, mein Gott. Ein Mann im Haus, aber keiner bringt es zusammen, ein Messer zu schleifen, — murrte Hedwig.
— Mama, bei ihr fehlt einfach die Ordnung, — setzte Katharina nach und zog mit lautem Krachen eine Pfanne aus dem Kasten. — Schau dir nur den Dunstabzug an, überall Staub. Wenn man schon daheim ist, kann man ja wenigstens sauber machen.
Ich saß im Schlafzimmer im Sessel, wiegte Lena im Arm und hörte durch die angelehnte Tür jedes einzelne Wort. In mir ist damals etwas abgerissen. Eine bleierne, wilde Müdigkeit hat sich über mich gelegt, so schwer, dass ich mich am liebsten auf den Boden hätte fallen lassen und einfach liegen geblieben wäre. Doch das Schlimmste war: Es war mir fast schon egal. Ihr Gerede, diese Teigtascherln, der Staub, alles. Was mir wehtat, so tief, dass mir der Brustkorb eng wurde, war Lukas. Kein einziges Mal hat er mich verteidigt. Kein Wort. Im Gegenteil, er nickte seinen Leuten zu und lächelte dabei schuldbewusst, als müsste er sich für mich entschuldigen.
Gegen sechs wurde ich zum Essen gerufen. Genauer gesagt steckte Lukas den Kopf herein und rief:
— Anna, komm, es ist fertig. Leg Lena hin, sie soll schlafen.
— Sie schläft nicht, Lukas.
— Dann nimm sie halt mit. Setzt dich einfach zu uns.
Im Wohnzimmer war kaum ein Durchkommen. Rund um den ausgezogenen Tisch drängten sich zwölf Leute. Auf den Tellern türmten sich die Teigtascherln, daneben standen Wurst- und Käseplatten, außerdem irgendwelche eingelegten Sachen, die Hedwig mitgebracht hatte. Der Lärm war unglaublich. Onkel Josef hatte sich und meinem Schwiegervater bereits ein Stamperl eingeschenkt.
— Na dann, auf unser Wiedersehen! — verkündete er laut.
Ich setzte mich ganz an den Rand eines Sessels und hielt Lena auf den Knien. Sie quengelte, drehte sich hin und her und zog mir an den Haaren. Gerade wollte ich nach einem Stück Brot greifen, da sagte Hedwig:
— Anna, setz Lena ein Hauberl auf, vom Fenster zieht es. Und überhaupt, warum bekommt sie noch immer keine Beikost? Mein Lukas hat mit sieben Monaten schon Suppe vom Familientisch gegessen.
— Ihr reicht die Muttermilch, — sagte ich leise, ohne aufzuschauen.
— Ach, diese modernen Spinnereien, — winkte Katharina ab, während sie kaute. — Da hören sie auf irgendwelche Blogger im Internet, und dann schauen die Kinder ganz blass aus. Lukas, soll ich dir noch was auftun? Deine Frau denkt ja offenbar nicht daran.
Lukas grinste und hielt ihr seinen Teller hin.
— Ja, bitte, Mama. Deine Teigtascherln sind einfach die besten. Sogar die gekauften schmecken bei dir besser.
Alle im Zimmer lachten auf einmal los. Dieses Gelächter traf mich mitten ins Gesicht.
