Es war wie eine Ohrfeige. Ich habe zu Lukas hinübergeschaut. Er hat nicht einmal in meine Richtung geblickt. Er war völlig in ein Gespräch mit Onkel Josef über Autos vertieft. Für ihn war alles in bester Ordnung: seine Familie war da, er hatte seinen Spaß, er wurde bedient und gefüttert. Und dass seine Frau mit dunklen Ringen unter den Augen, übermüdet bis in die Knochen, auf der Stuhlkante saß und mit letzter Kraft die Tränen zurückhielt — das war offenbar nebensächlich. „Sie ist ja in Karenz, sie hat eh nichts zu tun.“
Da hat Lena plötzlich gezuckt und laut zu weinen begonnen.
— Anna, trag sie halt bitte hinaus, man kann sich ja überhaupt nicht unterhalten, man muss gegen das Geschrei anreden, — hat mein Schwiegervater das Gesicht verzogen.
Ich bin aufgestanden. Ganz ruhig. Ohne ein einziges Wort. Im Vorzimmer habe ich meine Tochter in den Kinderwagen gelegt und ihr den Overall zugemacht. Lena ist vor lauter Verwunderung sofort still geworden. Danach bin ich ins Schlafzimmer gegangen, habe meine Daunenjacke genommen, die Tasche mit den Dokumenten und die Kindersachen, die für den Fall eines Arztbesuchs immer fertig gepackt in einem Rucksack bereitlagen.
Ich habe mir die Schuhe angezogen. Lukas ist in den Gang gekommen, weil ihn die ungewohnte Stille aufmerksam gemacht hat.
— Anna, was soll das jetzt werden? Willst du um die Uhrzeit noch spazieren gehen? Draußen ist es doch schon finster.
— Ich gehe, Lukas, — habe ich gesagt, mit einer Stimme, die so glatt und fremd geklungen hat, als gehörte sie nicht mir.
— Wie, du gehst? Wohin denn? Zu deiner Mutter, oder was? — Er hat kurz gelacht, aber in seinen Augen ist Unsicherheit aufgetaucht. — Hör auf mit dem Blödsinn und komm zurück an den Tisch. Die Leute verstehen das sonst falsch.
— Mir ist vollkommen egal, wer was versteht, — sagte ich, warf mir den Rucksack über die Schulter und griff nach dem Schieber des Kinderwagens. — Du hast recht, in der Karenz hat man ja nichts zu tun. Also gehe ich jetzt. Unterhalte deine Verwandtschaft selber. Koch für sie, schenk ihnen ein, räum ihnen nach. Die Schlüssel werfe ich in den Postkasten.
— Sag einmal, bist du narrisch geworden! — Lukas packte mich am Arm, sein Gesicht bekam rote Flecken. — Du versaust mir den ganzen Abend! Wegen irgendeiner Kleinigkeit führst du vor meinen Eltern so ein Theater auf! Du kommst jetzt zurück, hab ich gesagt!
— Lass meinen Arm los, — sagte ich leise, aber so, dass er die Finger sofort gelockert hat. — Ich kann nicht mehr. Du hörst mich nicht. Du siehst mich nicht einmal. Für dich bin ich nur irgendein kostenloses Zusatzgerät, das ohne Pause funktionieren muss. Bleib einmal allein. Dann wirst du vielleicht begreifen, wie es ist, wenn man angeblich „nichts zu tun“ hat.
Ich habe die Wohnungstür geöffnet und den Kinderwagen in den Vorraum geschoben.
— Anna! — hat er mir nachgerufen, aber da hatte ich den Lift schon geholt.
Aus der Wohnung drangen Stimmengewirr und lautes Gelächter, irgendwo lief der Fernseher. Dort drinnen hat offenbar nicht einmal jemand wirklich bemerkt, dass ich gegangen bin.
Ich bin zu meiner Freundin Sophie gefahren, die ein freies Wohnzimmer hatte. Sophie hat keine unnötigen Fragen gestellt. Sie hat mir nur schweigend einen heißen Tee eingeschenkt, Lena übernommen, sie gewaschen und sie in aller Ruhe schlafen gelegt. Ich bin sofort eingeschlafen und habe zum ersten Mal seit Monaten sechs Stunden am Stück geschlafen, ohne ein einziges Mal aufzuwachen.
Mein Handy hatte ich schon im Lift ausgeschaltet. Erst am nächsten Tag um elf Uhr vormittags habe ich es wieder eingeschaltet.
Der Bildschirm ist sofort vor Benachrichtigungen übergegangen. Dreißig verpasste Anrufe von Lukas. Fünf von meiner Schwiegermutter. Dazu ein ganzer Haufen Nachrichten im Messenger.
Ich habe den Chat mit Lukas geöffnet. Die ersten Nachrichten waren voller Wut: „Bist du deppert?“, „Komm sofort zurück“, „Mama ist entsetzt über dein Verhalten“, „Du hast mich vor Onkel Josef blamiert.“
Doch später, gegen drei Uhr in der Früh, hat sich der Ton plötzlich verändert.
„Anna, wo ist die Nahrung für Lena? Sie sind alle gefahren, ich bin allein.“
„Anna, warum ist in der Küche alles so dreckig? Mama und Katharina sind heimgefahren und haben nichts abgewaschen. Sie haben gesagt, das sei deine Aufgabe.“
„Anna, bitte antworte. Mir geht’s schlecht.“
„Anna, bitte.“
Die letzte Nachricht war vor einer halben Stunde gekommen: „Ich fahre zu dir. Sophie hat gesagt, dass du bei ihr bist. Bitte geh nicht weg. Hör mich wenigstens an.“
Zwanzig Minuten später hat es an der Tür geläutet. Sophie ist aufgestanden und hat geöffnet. Ich bin auf dem Sofa sitzen geblieben, mit Lena im Arm, die wach, satt und zufrieden an meiner Brust gelehnt hat.
Lukas ist ins Zimmer gekommen. Ich hätte ihn beinahe nicht wiedererkannt. Sonst war er immer gepflegt, aufrecht, ordentlich — jetzt wirkte er völlig zerbrochen. Die Haare standen ihm wirr vom Kopf, unter den Augen lagen dunkle Schatten, die Jacke hing offen an ihm. Seine Hände zitterten sichtbar.
Er blieb an der Tür stehen, als traute er sich nicht näher. Dann sah er erst mich an, dann unsere Tochter.
