„Du undankbares Miststück!“ Barbara schleuderte das Häferl so heftig auf den Küchenboden, dass die Scherben bis unter den Tisch sprangen. „Jetzt halt endlich den Mund! Herumkommandieren kannst du bei dir daheim im Kaff, aber hier sind wir die Hausherren, verstanden? Niemand sonst!“
Anna stand mitten in der Küche, im nassen Morgenmantel, die Haare wirr, die Hände zitternd. Eben erst hatte sie versucht, ihrer Schwiegermutter ruhig zu erklären, weshalb sie heute unmöglich die Vorräte für den Winter einkochen konnte. Sie hatte Fieber, ihr Schädel dröhnte, und dann noch dieser Anfall vor ihr …
„Barbara, ich hab’s Ihnen doch gesagt“, brachte Anna mühsam hervor. „Ich bin krank. Morgen mach ich es, wirklich, ich versprech’s.“
„Morgen!“ Barbaras Stimme kippte in ein schrilles Kreischen. „Bis morgen sind die Paradeiser hin! Oder glaubst du, ich hab drei Kisten gekauft, damit sie zur Gaudi herumstehen?“
Lukas saß am Tisch, den Blick stur aufs Handy gesenkt, als ginge ihn das alles nichts an. Nicht einmal, als seine Mutter das Geschirr zerschmettert hatte, hatte er aufgeschaut. Feiger Hund. Drei Jahre waren sie verheiratet, und noch immer hatte er nicht gelernt, seine Frau gegen die Angriffe seiner Mutter in Schutz zu nehmen.

„Lukas“, Anna drehte sich zu ihrem Mann um, und in ihrer Stimme lag eine verzweifelte Bitte, „sag ihr doch bitte …“
„Zieh meinen Sohn nicht in eure Weiberstreitereien hinein!“, fuhr Barbara dazwischen. „Und überhaupt: Was bildest du dir ein, hier den Ton anzugeben? Du wohnst in meinem Haus, isst mein Essen und spielst dich auch noch auf!“
Da ist Anna der Geduldsfaden endgültig gerissen. Ihr Gesicht wurde heiß, in den Schläfen pochte es.
„In Ihrem Haus? Wir haben die Hälfte der Wohnung abbezahlt! Den Kredit zahlen wir immer noch!“
Barbara verzog den Mund, als hätte sie in eine ganze Zitrone gebissen.
„Ach, abbezahlt habt ihr? Wer denn, bitte? Mein Sohn geht arbeiten. Und du? Du sitzt im Büro deine Zeit ab, du faule Person!“
„Mama, jetzt reicht’s“, meldete sich Lukas endlich, aber so kraftlos, dass es nicht im Geringsten nach Unterstützung klang.
„Nein, es reicht eben nicht!“ Barbara wirbelte zu ihrem Sohn herum. „Schau dir nur an, was für eine Schlange du mir ins Haus gebracht hast! Dreißig Jahre lang hab ich dich allein großgezogen, und kaum taucht sie auf, spielt sie sich als Hausherrin auf!“
Hinter der Wand wurden gedämpfte Stimmen laut. Sicher hatte Katharina schon wieder das Ohr an die Tür gelegt. Sie liebte es, fremde Skandale später im Stiegenhaus auszubreiten.
Anna spürte, wie ihr übel wurde. Vielleicht vom Fieber, vielleicht auch von diesem unwürdigen Theater.
„Wissen Sie was“, sagte sie und stützte sich am Kühlschrank ab, „machen Sie Ihre Paradeiser einfach selber. Ich leg mich jetzt hin.“
„Wag es nicht, mir den Rücken zuzudrehen, du undankbares Ding!“, brüllte Barbara und riss das Schneidbrett vom Tisch.
In genau diesem Moment klingelte es an der Wohnungstür. Hart, schrill, ungeduldig.
Alle drei erstarrten. Dann klingelte es noch einmal.
„Onkel Josef“, murmelte Lukas und warf einen Blick auf die Uhr. „Ich hab ihn doch gebeten, wegen dem Wochenendhaus vorbeizukommen …“
Barbara wechselte in Sekundenschnelle ihre Maske. Sie glättete ihr Gesicht, strich sich die zerzausten Haare zurecht und atmete einmal tief durch.
„Lukas, mach auf. Und du“, sie warf Anna einen giftigen Blick zu, „bring dich in Ordnung. Blamier die Familie nicht vor anderen Leuten.“
Anna wollte etwas erwidern, doch da stand Josef bereits in der Tür: der Bruder ihres verstorbenen Schwiegervaters, noch immer ein kräftiger Mann, mit schlauen kleinen Augen und der unangenehmen Gewohnheit, seine Nase in alles hineinzustecken.
„Na servas, da geht’s ja zu“, sagte er und ließ den Blick über die Scherben am Boden gleiten. „Besprecht ihr grad Haushaltsfragen?“
Barbara presste ein Lächeln hervor.
„Ach, nichts Besonderes. Komm nur rein, Josef. Wir trinken einen Tee.“
Doch Josef hatte offenkundig nicht vor, so zu tun, als hätte er nichts bemerkt. Er ging zum Tisch, setzte sich und musterte Anna, deren Gesicht von Tränen und Fieber gerötet war, viel zu aufmerksam.
„Also, was ist da los?“, fragte er. „Man hat euch ja bis draußen gehört.“
Und in diesem Augenblick begriff Anna: Jetzt würde es erst richtig interessant werden.
„Gar nichts weiter“, sagte Barbara hastig und eilte zum Wasserkocher. „Anna ist halt ein bisserl angeschlagen, aber die Arbeit im Haushalt verschwindet deswegen nicht von selbst.“
„Ein bisserl angeschlagen?“ Josef schnaubte skeptisch. „Und deshalb schreit ihr, als würde die Wohnung brennen?“
Anna spürte, wie ihr die Wangen glühten. Es war beschämend, dass ein Außenstehender diese schmutzige Szene miterlebte. Aber länger schweigen konnte sie nicht.
„Onkel Josef“, sagte sie und setzte sich ihm gegenüber, „ich hab achtunddreißig Grad Fieber. Ich hab nur gebeten, das Einkochen auf morgen zu verschieben.“
„Und wo ist jetzt das Problem?“ Josef hob die Schultern.
Barbara hätte beinahe den Wasserkocher fallen lassen.
„Josef! Du weißt doch, wie ich bin. Bei mir hat alles seine Ordnung, alles seinen Zeitpunkt! Und jetzt …“
„Jetzt ist deine Schwiegertochter krank“, fiel Josef ihr ins Wort. „Was soll daran so dramatisch sein? Geht davon die Welt unter?“
Lukas rutschte unbehaglich auf seinem Stuhl hin und her. Zum ersten Mal seit Beginn des Streits sah er aus, als wäre ihm die Sache peinlich.
„Onkel Josef, Mama macht sich halt Sorgen …“
„Sorgen, sagst du?“ Josef zog eine Packung Zigaretten hervor und zündete sich, ohne jemanden um Erlaubnis zu fragen, eine an. „Für mich schaut das eher nach einem Tobsuchtsanfall aus.“
Barbara blieb mit der Tasse in der Hand wie angewurzelt stehen. Mit so einer Wendung hatte sie ganz offensichtlich nicht gerechnet.
„Was soll das heißen, Josef?“
„Das soll heißen, dass du dich aufführst wie ein Marktweib.“ Er nahm einen Zug und blies den Rauch langsam aus. „Du schreist eine kranke junge Frau wegen ein paar Paradeisern an.“
„Ein paar Paradeiser?!“ Barbaras Stimme schnellte wieder in die Höhe. „Ich bin den ganzen Tag am Markt gestanden und hab sie ausgesucht!“
„Na und? Morgen ist auch noch ein Tag.“
Anna starrte Josef fassungslos an. Noch nie hatte es jemand gewagt, so mit Barbara zu reden. Nicht einmal ihr eigener Sohn — der kuschte vor ihr wie ein Fußabstreifer.
