„Hör einmal, Barbara“, sagte Josef und schnippte die Asche achtlos auf die Untertasse, „wäre es nicht langsam an der Zeit, dass du dich um dein eigenes Leben kümmerst? Du steckst deine Nase dauernd in fremde Angelegenheiten.“
„Fremde Angelegenheiten?!“ Barbara rang hörbar nach Luft. „Das ist mein Sohn! Und das ist mein Zuhause!“
„Dein Sohn ist ein erwachsener Mann“, erwiderte Josef trocken. „Er hat sich eine Frau ausgesucht und eine eigene Familie gegründet. Du aber ziehst noch immer an ihm herum, als wäre er eine Marionette.“
Da klopfte es vorsichtig im Vorzimmer. Gleich darauf erklang eine Frauenstimme.
„Darf ich reinkommen? Ich bin’s, Katharina …“
„Komm nur herein“, meinte Josef und winkte mit der Hand, „du kommst sogar genau recht. Ein Zeuge kann nicht schaden.“
Katharina schob den Kopf durch die Küchentür, sah die verwüstete Küche und die versammelten Teilnehmer dieses sonderbaren Familiengerichts an.
„Oje … stör ich vielleicht?“
„Du störst schon lang genug“, knurrte Barbara. „Du klebst ja ohnehin ständig mit dem Ohr an der Wand.“
Katharina zog beleidigt die Augenbrauen hoch.
„Was kann ich dafür, dass eure Wände so dünn sind? Das ganze Haus hört mit, wenn ihr da herinnen wieder Theater macht.“
„Das ganze Haus?“, fragte Josef plötzlich interessiert nach.
„Na freilich!“ Katharina fühlte sich auf einmal bestärkt. „Elisabeth vom ersten Stock sagt auch, dass bei euch jeden Tag irgendwas los ist. Einmal schreit Barbara, dann scheppert wieder Geschirr durch die Gegend …“
„Katharina!“ Barbara fuhr auf wie von einer Wespe gestochen. „Bist du hergekommen, um Tratsch zu verbreiten?“
„Was heißt da Tratsch?“ Katharina stemmte die Hände in die Hüften. „Tut die Wahrheit weh? Vielleicht solltet ihr euch einmal fragen, warum die Nachbarn über euch nichts Gutes mehr zu sagen haben.“
Lukas wurde kreidebleich. Anna presste die Hände vors Gesicht. Dass die eigenen Familienkonflikte jetzt auch noch vor Fremden ausgebreitet wurden, war mehr, als sie ertragen konnte.
Josef beobachtete das Ganze aufmerksam, während er an seiner Zigarette zog. Dann verzog sich sein Mund zu einem unerwarteten Lächeln.
„Weißt du was, Barbara“, sagte er langsam. „Jetzt reden wir zwei einmal ernsthaft miteinander. Ohne Publikum.“
„Worüber denn bitte?“
„Über deine Zukunft.“ Josef erhob sich vom Sessel. „Lukas, bring deine Frau ins Zimmer, sie soll sich hinlegen. Katharina, du gehst heim. Und Barbara und ich bleiben da.“
„Aber ich wollte doch nur …“
„Heim hab ich gesagt.“
In Josefs Stimme lag plötzlich eine solche Autorität, dass Katharina im selben Moment verschwand. Lukas fasste Anna behutsam am Arm und führte sie hastig aus der Küche.
Barbara blieb mit ihrem Schwager allein zurück. Und sie spürte deutlich: Gleich würde etwas kommen, das ihr ganz und gar nicht gefallen würde.
„Setz dich“, sagte Josef und deutete auf den Sessel. „Und tu nicht so, als wärst du eine Märtyrerin. Wir reden jetzt wie Erwachsene.“
Barbara setzte sich zwar, blieb aber steif wie ein Brett. Jeder Muskel in ihrem Körper schien bereit, sie im nächsten Augenblick aufspringen und zurückschlagen zu lassen.
„Also hör zu, Barbara. Dein Maximilian, Gott hab ihn selig, hat mich kurz vor seinem Tod gebeten, ein Auge auf die Familie zu haben. Ich hab es ihm versprochen. Aber was du hier aufführst, hat mit Familie nichts mehr zu tun. Das ist ja bald ein Irrenhaus.“
„Ich beschütze meinen Sohn!“
„Vor wem? Vor seiner eigenen Frau?“ Josef schüttelte den Kopf. „Das Mädel ist anständig, fleißig und gutmütig. Warum verbeißt du dich so in sie?“
„Gutmütig?“ Barbara schnaubte verächtlich. „Sie will mich aus meinem eigenen Zuhause hinausdrängen!“
„Unsinn. Sie will einfach nur in Ruhe mit ihrem Mann leben. Und du gönnst ihnen keine einzige ruhige Minute.“
Barbara sprang auf und begann, in der Küche auf und ab zu gehen.
„Josef, du verstehst das nicht! Lukas ist alles, was ich noch hab! Ich hab mein ganzes Leben für ihn gegeben!“
„Eben“, sagte Josef hart. „Du hast es für ihn gegeben. Und jetzt verlangst du, dass er auch noch dein Leben für dich lebt?“
Diese Worte trafen sie genau dort, wo es am meisten schmerzte. Barbara blieb stehen. Ihre Augen füllten sich mit Tränen.
„Was bleibt mir denn sonst? Ich bin achtundfünfzig, Josef. Ich bin allein …“
„Allein zu sein war deine Entscheidung“, entgegnete er unerbittlich. „Ich erinnere mich noch sehr gut, wie nach Maximilians Tod mehrere Männer aus der Nachbarschaft Interesse an dir gehabt haben. Du hast sie alle fortgeschickt. Immer mit dem Satz, Lukas brauche keinen Stiefvater.“
„Und das war auch richtig so!“
„Richtig?“ Josef sah sie fest an. „Der Bub ist erwachsen geworden, hat geheiratet und lebt sein eigenes Leben. Und du? Du sitzt da und bist auf die ganze Welt grantig.“
Barbara schluchzte leise auf. Doch Josef hatte nicht vor, sie in Watte zu packen.
„Du hast eine Ausbildung, deine Hände sind dir auch nicht abgefallen. Du hättest arbeiten können. Du hättest dir selbst wieder ein Leben aufbauen können. Vielleicht sogar jemanden finden, mit dem du glücklich bist. Aber nein — es war bequemer, dich an deinen Sohn zu klammern und seiner Familie das Leben zu vergiften.“
„Du bist grausam …“
„Nein“, sagte Josef. „Ich sag dir nur die Wahrheit. Und noch etwas: Wenn du dich nicht endlich zusammenreißt, wirst du wirklich ganz allein dastehen. Lukas hält das nicht ewig aus. Früher oder später nimmt er seine Frau und geht. Und was dann? Willst du hier allein in dieser Wohnung alt werden und jedem nachweinen, den du selbst vertrieben hast?“
Eine schwere Stille senkte sich über die Küche. Barbara stand da, die Arme um den eigenen Körper geschlungen, und weinte still vor sich hin.
Im Nebenzimmer half Lukas Anna unterdessen ins Bett.
„Leg dich hin, Liebling“, sagte er sanft. „Du musst das Fieber runterbekommen.“
Anna gehorchte, ließ seine Hand aber nicht los.
„Lukas, ich kann so nicht mehr weiterleben“, flüsterte sie. „Jeden Tag Streit, jeden Tag bin ich an allem schuld … egal, was passiert.“
„Halt noch ein bissl durch“, murmelte er und strich ihr über das Haar. „Wir ziehen bald aus.“
„Wann ist bald?“ Anna sah ihn müde, aber eindringlich an. „Wir reden seit einem Jahr davon. Und passiert ist gar nichts.“
Lukas seufzte schwer. Er wusste selbst, dass dieses Leben nicht mehr auszuhalten war. Aber seine Mutter war für ihn immer beinahe unantastbar gewesen. Wie sollte er sie einfach allein zurücklassen?
„Weißt du“, sagte Anna nach einer Weile und musterte ihn aufmerksam, „Josef hat recht. Deine Mutter ist keine hilflose alte Frau. Sie ist stark. Sehr stark sogar. Sie hat sich nur daran gewöhnt, über alle zu bestimmen.“
„Anna, bitte nicht …“
„Doch, genau das muss gesagt werden.“ Ihre Stimme zitterte, aber sie wich nicht zurück. „Sie macht uns kaputt, wenn wir nicht endlich eine Grenze ziehen. Schau dich doch an — du traust dich kaum, ein Wort zu viel zu sagen.“
Lukas senkte den Kopf. Tief in seinem Inneren wusste er, dass seine Frau recht hatte. Doch es zuzugeben fühlte sich an, als würde er seine Mutter verraten. Und dazu war er nicht fähig.
Aus der Küche drangen gedämpfte Stimmen herüber. Josef setzte seine harte, aber notwendige Lektion fort.
