„Du undankbares Miststück!“ Barbara schleuderte das Häferl auf den Küchenboden, Scherben flogen bis unter den Tisch, Anna stand fiebrig und zitternd im Morgenmantel

Diese feige, selbstsüchtige Haltung ist zutiefst erbärmlich.
Geschichten

„Hör mir jetzt gut zu, Barbara“, hat Josef mit ruhiger, aber unnachgiebiger Stimme gesagt. „Ich mach dir einen Vorschlag. Draußen beim Sommerhaus steht alles leer. Es ist ein ordentliches Häuschen, mit allem, was man braucht. Zieh für den Sommer dorthin. Du kommst auf andere Gedanken, hast deine Ruhe, bist weg vom ganzen Wirbel in der Stadt.“

Barbara hat ihn mit verweinten Augen angestarrt.

„Du willst mich also hinauswerfen?“

„Nein“, entgegnete Josef, ohne lauter zu werden. „Ich zeig dir einen Ausweg. Das Haus gehört dir. Maximilian hat es noch zu Lebzeiten auf dich überschreiben lassen. Also nutz es. Pflanz dir ein paar Erdäpfel, setz Paradeiser, plauder mit den Nachbarinnen, trink mit ihnen Kaffee. Aber lass die Jungen endlich einmal ohne deine ständige Kontrolle leben.“

Barbara wischte sich mit dem Handrücken die Tränen aus dem Gesicht. Zum ersten Mal seit Beginn dieses Gesprächs schwieg sie länger.

„Und wenn sie meine Hilfe brauchen?“, fragte sie schließlich.

„Dann fährst du hin“, sagte Josef. „Aber wenn sie dich darum bitten. Nicht, weil du glaubst, du müsstest ungefragt vor der Tür stehen.“

Ganz abwegig klang der Vorschlag nicht. Im Sommerhaus hatte Barbara tatsächlich Bekannte, mit denen sie Karten spielen, tratschen und über Gott und die Welt reden konnte. Und was erwartete sie in der Wohnung? Vier Wände, angespannte Gesichter und ein täglicher Kleinkrieg mit der Schwiegertochter.

„Also gut“, sagte sie nach einer langen Pause. „Einen Monat probier ich es.“

Doch dieser Monat draußen im Grünen hat nichts zum Besseren gewendet. Als Barbara zurückgekommen ist, war sie nicht milder, sondern noch bissiger und fordernder als zuvor. Es war, als hätte die Pause ihre Verbitterung nicht beruhigt, sondern erst recht angefacht.

„Dort ist mir einiges klar geworden“, verkündete sie schon auf der Türschwelle. „Ihr wolltet mich bloß abschieben! Ihr habt geglaubt, die alte Närrin fährt hinaus und vergisst alles, nicht wahr?“

Anna stand schweigend im Vorzimmer und empfing ihre Schwiegermutter. Drei Wochen ohne Streit waren ihr wie ein kleines Paradies vorgekommen. Lukas hatte wieder freier geatmet, er hatte sogar gelächelt. Für ein Wochenende waren sie gemeinsam an den Wörthersee gefahren, einfach nur, um durchzuschnaufen. Und nun schien alles wieder von vorne zu beginnen.

Nur hatte Anna diesmal etwas in der Hand, wovon noch niemand etwas wusste.

Die zwei Streifen auf dem Test hatte sie bereits eine Woche zuvor gesehen. Zuerst hatte sie ihren Augen nicht getraut und gleich noch einen zweiten gemacht. Das Ergebnis war dasselbe. Sie war schwanger. Endlich. Nach all den Enttäuschungen, nach so viel Hoffen und Bangen.

Drei Jahre lang hatten sie und Lukas versucht, ein Kind zu bekommen. Die Ärzte hatten bloß mit den Schultern gezuckt: Eigentlich sei alles in Ordnung, und trotzdem wollte es nicht klappen. Und jetzt war es passiert. Ausgerechnet in jener kurzen Zeit, in der in der Wohnung endlich Frieden geherrscht hatte.

„Lukas“, flüsterte Anna am Abend, als sie neben ihm saß, „ich muss dir etwas sagen.“

„Was ist denn?“, fragte er und wandte den Blick vom Fernseher ab.

„Ich bin schwanger.“

Lukas erstarrte mit der Fernbedienung in der Hand. Dann drehte er sich langsam zu ihr um.

„Meinst du das ernst?“

„Ernster geht’s nicht. Ich hab zwei Tests gemacht.“

Im nächsten Augenblick zog er sie so fest an sich, dass ihr beinahe die Luft wegblieb.

„Mein Gott, Anna! Endlich! Ich bin so glücklich, ich kann’s gar nicht fassen!“

„Leiser“, bat sie und sah hastig zur Tür. „Deine Mutter hört uns sonst.“

„Na und?“, sagte er, noch ganz benommen vor Freude. „Sie wird sich doch über ein Enkelkind freuen.“

Anna schüttelte kaum merklich den Kopf. Sie kannte Barbara besser, als Lukas es wahrhaben wollte.

„Ich geh zuerst zur Ärztin“, sagte sie. „Ich will sicher sein, dass alles passt. Danach sagen wir es ihr.“

Aber in einer kleinen Wohnung bleiben Geheimnisse selten lange verborgen. Eine Woche später, als Anna von der Frauenärztin mit der Bestätigung zurückkam, saß Barbara bereits in der Küche und wartete auf sie. Ihr Gesicht war hart wie Stein.

„Na, hast es dir also andrehen lassen?“, warf sie ihr statt einer Begrüßung entgegen.

Anna blieb stehen.

„Wie bitte? Wovon reden Sie?“

„Stell dich nicht so blöd!“, fauchte Barbara. „Ich seh doch, was los ist. In der Früh ist dir schlecht, Milch rührst du nicht an. Also bist du schwanger, oder?“

Anna ging wortlos zum Kühlschrank, nahm eine Flasche Wasser heraus und versuchte, den Schraubverschluss aufzudrehen. Ihre Hände zitterten.

„Glaubst du jetzt, du kannst dir alles erlauben?“, setzte Barbara nach. „Meinst du, ich schleich ab sofort auf Zehenspitzen durch die Wohnung, damit das Prinzesschen und sein ungeborenes Kind ja nicht gestört werden?“

„Barbara“, sagte Anna leise, „das ist Ihr Enkelkind.“

„Mein Enkelkind?“ Barbara stieß ein verächtliches Lachen aus. „Wer sagt mir denn, von wem das Kind wirklich ist? Vielleicht hast du es dir vom Nachbarn geholt und hängst es jetzt meinem Sohn an!“

Diese Worte trafen Anna härter als jede Ohrfeige. Sie wurde kreidebleich und griff nach der Tischkante, um nicht den Halt zu verlieren.

„Wie können Sie so etwas sagen…“

„Ich kann sehr wohl!“, schnitt Barbara ihr das Wort ab. Sie stand auf und beugte sich drohend zu ihr hinüber. „Drei Jahre lang warst du verheiratet und nichts ist passiert. Und jetzt, kaum soll ich aus dem Weg, bist du plötzlich schwanger wie auf Bestellung. Sehr merkwürdig, findest du nicht?“

Im Vorzimmer fiel die Wohnungstür ins Schloss. Lukas war von der Arbeit heimgekommen.

„Mama, ich bin da! Anna, wo bist du?“

„Hier sind wir“, rief Barbara mit schneidender Stimme. „Wir besprechen gerade eine freudige Neuigkeit!“

Lukas trat in die Küche. Er sah Anna, die sich kaum auf den Beinen halten konnte, und daneben seine Mutter, deren Gesicht vor boshafter Genugtuung verzogen war.

„Was ist hier los?“

„Was los ist?“, sagte Barbara süßlich. „Deine liebe Frau macht uns demnächst zu Großeltern.“

Lukas’ Gesicht hellte sich augenblicklich auf.

„Anna! Du hast es ihr gesagt?“

„Sie hat mir gar nichts gesagt“, fiel Barbara ihm ins Wort. „Ich bin selbst draufgekommen. Und eines sag ich gleich: Von mir braucht sie sich keine Hilfe erwarten. Soll sie mit ihren Problemen selber fertigwerden.“

„Mama, was redest du da?“, fuhr Lukas sie an. „Das ist unser Kind!“

„Unser?“, wiederholte sie und drehte sich zu ihm. „Lukas, mein Lieber, wach endlich auf. Sie legt dir eine Falle. Wenn das Kind erst da ist, hat sie dich für immer in der Hand.“

Da konnte Anna nicht mehr. Die Tränen liefen ihr über das Gesicht.

„Ich… ich halte das nicht mehr aus…“, brachte sie hervor und stürzte aus der Küche.

Lukas wollte ihr sofort nach, doch Barbara stellte sich ihm in den Weg.

„Bleib da! Soll sie halt heulen. Vielleicht kommt ihr dann endlich der Verstand.“

„Mama, bist du völlig von Sinnen?“, rief Lukas. „Sie steht unter Stress. Das kann dem Kind schaden!“

„Welchem Kind?“, fragte Barbara eiskalt. „Lukas, komm zu dir. Diese Frau belügt dich.“

In diesem Augenblick ist in Lukas endgültig etwas zerbrochen. Er sah seine Mutter an, dieses vor Wut verzerrte Gesicht, die kalten Augen, den Hass in jeder Falte, und plötzlich wusste er: Es reicht.

„Mama“, sagte er leise, aber so fest, dass kein Zweifel blieb, „morgen fahren Anna und ich weg.“

Barbara starrte ihn an.

„Wohin denn bitte?“

„Nach Kärnten, an den Wörthersee“, antwortete Lukas. „Dort habe ich eine Möglichkeit.“

Hedis Stube