„Was hast du dir dabei gedacht, Anna?“ Marias Stimme bebte vor Empörung.
Anna stellte die Einkaufssackerl langsam im Vorzimmer auf den Boden. Ihre Schwiegermutter stand mitten im Gang, die Arme vor der Brust verschränkt, mit einem Gesichtsausdruck, als würde sie gerade eine Angeklagte verhören. Daneben druckste ihr Sohn Lukas herum – Annas Mann – und schaute schuldbewusst zu Boden.
„Was genau soll ich denn getan haben?“, fragte Anna müde, während sie ihre Jacke auszog.
„Du hast eine Wohnung gekauft! Hinter unserem Rücken!“ Maria klang, als hätte Anna das Verbrechen des Jahrhunderts begangen.
„Das ist meine Wohnung. Bezahlt von meinem Geld.“

„Was heißt da dein Geld?! Ihr seid eine Familie! Da gehört alles gemeinsam! Und du hast heimlich gespart und dir irgendeine kleine Einzimmerwohnung am Stadtrand genommen!“
Anna schloss kurz die Augen. Die Migräne kroch wieder heran, stärker als zuvor – so wie fast immer nach Marias Besuchen.
„Maria, ich habe die Wohnung verkauft, die mir meine Großmutter hinterlassen hat. Das war mein persönliches Geld. Ich durfte damit machen, was ich für richtig halte.“
„Aber wir sind doch Familie!“, gab Maria nicht nach. „Lukas hätte ein Auto gebraucht! Sophie hätte ihr Zimmer renoviert bekommen sollen! Und ich brauche schon längst einen neuen Kühlschrank! Aber du hast alles nur für dich ausgegeben!“
„Ich habe ein Zuhause gekauft. Für mich und meine Tochter.“
Maria schnappte nach Luft, als hätte man ihr eine Ohrfeige gegeben.
„Für dich und Lena? Und Lukas zählt also nicht zur Familie?“
Anna hob den Blick zu ihrem Mann. Er stand da, starrte auf den Boden und schwieg – wie immer.
„Lukas kann das selber beantworten“, sagte sie leise. „Sieht er mich überhaupt als Familie?“
Vor acht Jahren hatte Anna Larina Lukas Morozov geheiratet. Sie war sechsundzwanzig gewesen, er achtundzwanzig. Er arbeitete als Manager in einer Handelsfirma, sie als Buchhalterin in einem kleinen Betrieb. Ein Jahr später kam Lena zur Welt – ein lautes, fröhliches Mädchen mit dem Lachen ihres Vaters und seinen Augen.
Die ersten drei Jahre wohnten sie zur Miete. Nicht luxuriös, aber eigenständig. Maria kam einmal im Monat vorbei, brachte Kuchen mit, bemängelte die Ordnung in der Wohnung und fuhr danach wieder zurück in ihre Zweizimmerwohnung am anderen Ende der Stadt.
Alles kippte, als Lukas seine Arbeit verlor.
Die Kündigung kam völlig überraschend: Personalabbau, Krise, Umstrukturierung – es tue ihnen leid, aber das war’s. Drei Monate lang suchte er nach einer neuen Stelle. Doch die Angebote waren entweder schlecht bezahlt oder wirkten von Anfang an zweifelhaft. Das Ersparte schmolz dahin. Die Miete fraß beinahe die Hälfte ihres Budgets.
„Zieht doch zu mir“, schlug Maria vor. „Warum sollt ihr Geld für eine fremde Wohnung hinauswerfen? Bei mir ist genug Platz.“
Anna wehrte sich dagegen. Sie wusste genau: Ein Umzug zur Schwiegermutter bedeutete das Ende ihres eigenen Raums, ihrer Ruhe, ihrer kleinen Familie. Doch Lukas redete auf sie ein.
„Anna, das ist nur vorübergehend. Drei, höchstens vier Monate. Ich finde wieder Arbeit, wir sparen etwas an, und dann ziehen wir aus.“
Sie gab nach. Für drei Monate.
Am Ende lebten sie fünf Jahre bei Maria.
Lukas fand nach einem halben Jahr wieder eine Anstellung. Das Gehalt war niedriger als früher, aber regelmäßig. Anna arbeitete weiter, gab Maria zuverlässig Geld für Lebensmittel und Betriebskosten und legte heimlich kleine Beträge zur Seite. Ihr Traum war schlicht: wieder eine eigene Wohnung zu haben.
Doch Maria dachte gar nicht daran, sie gehen zu lassen.
„Wozu wollt ihr ausziehen?“, sagte sie immer wieder. „Zusammen ist es doch viel besser! Ich pass auf Lena auf, während ihr arbeitet. Ich koche, ich wasche. Für euch ist das bequem!“
Bequem war es allerdings nur für Maria.
