„Das ist meine Wohnung. Bezahlt von meinem Geld.“ sagte Anna ruhig, während Maria fassungslos nach Luft schnappte

Ihre Entscheidung erscheint rücksichtslos und zutiefst egoistisch.
Geschichten

Maria hat in ihrer Wohnung geschaltet und gewaltet, als gehöre nicht nur die Wohnung, sondern auch das Leben aller anderen ihr allein. Sie bestimmte, was am Abend auf den Tisch kam, wann der Fernseher eingeschaltet wurde, um welche Uhrzeit Lena schlafen zu gehen hatte, was gekauft werden durfte und was „unnötiger Luxus“ war.

Anna hatte dabei nichts mitzureden. Sie wohnte unter einem fremden Dach, nach fremden Regeln, mit dem ständigen Gefühl, sich für jeden Handgriff rechtfertigen zu müssen.

„Annalein, so ziehst du Lena doch nicht an! Das Kind verkühlt sich ja!“

„Anna, warum hast du ausgerechnet diese Wurst genommen? Ich hab doch gesagt, nur die im Angebot!“

„Annalein, lies ihr am Abend nicht noch vor. Danach ist sie wieder ganz aufgedreht!“

Lukas schwieg meistens. Sobald Anna vorsichtig das Thema Ausziehen ansprach, wich er aus, als hätte sie etwas Unanständiges verlangt.

„Bleiben wir halt noch ein bissl“, sagte er dann. „Was drängt denn so? Mama schafft das allein ja kaum.“

„Und ich schaff das leicht?“, fragte Anna leise.

„Bitte, halt noch durch. Es ist immerhin meine Mutter.“

Also hielt Anna durch. Vier Jahre. Dann fünf. Sie ging arbeiten, gab Maria jeden Monat die Hälfte ihres Gehalts, zog ihre Tochter groß und schluckte hinunter, wenn Maria an ihrem Essen, an ihrer Kleidung oder an ihrer Art, Lena zu erziehen, herumkritisierte.

Sie wartete darauf, dass Lukas eines Tages von selbst sagen würde: „Jetzt reicht’s. Wir ziehen aus.“

Aber dieser Tag kam nicht. Lukas sagte nichts.

Dann ist Annas Großmutter gestorben.

Theresa, die liebe, alte Oma, hatte ihr ganzes Leben in einer kleinen Stadt in einer Zwei-Zimmer-Wohnung verbracht. Andere Enkelkinder hatte sie nicht, nur Anna. Und ihr hatte sie alles vermacht.

Die Wohnung war alt und hätte dringend hergerichtet werden müssen, lag aber mitten im Zentrum des Städtchens. Anna fuhr zur Beerdigung, ordnete die Unterlagen, sprach mit einem Makler und bot die Wohnung zum Verkauf an.

Lange dauerte es nicht. Sie wurde rasch verkauft – für rund 25.000 €. An einem trüben Oktobertag erschien das Geld auf Annas Konto. Sie saß im Büro, starrte auf die Zahlen in der Banking-App und spürte zum ersten Mal seit fünf Jahren etwas, das sie beinahe vergessen hatte: Sie hatte wieder eine Wahl.

Sie erzählte niemandem davon. Nicht Lukas. Und Maria schon gar nicht.

Still und heimlich begann Anna zu suchen. Sie durchforstete Inserate, telefonierte, fuhr nach der Arbeit zu Besichtigungen. Groß musste die Wohnung nicht sein. Wichtig war nur, dass sie sauber war, hell und ihr gehörte. Wo genau sie lag, war zweitrangig. Hauptsache: ein eigenes Zuhause.

Nach einem Monat fand sie genau das. Eine Einzimmerwohnung in einem Neubau am Stadtrand. Achtunddreißig Quadratmeter, fertig ausgebaut, helle Fenster, ein ruhiger Innenhof. Der Preis: genau 20.000 €.

Anna kaufte sie noch am selben Tag.

Alles lief auf ihren Namen. Sie unterschrieb die Unterlagen, bekam die Schlüssel und fuhr noch einmal hin. Mitten im leeren Zimmer blieb sie stehen, lauschte der Stille und lächelte. Einfach so. Ohne Grund. Zum ersten Mal seit Jahren.

Das war ihr Zuhause. Nur ihres.

Am Abend wollte sie es Lukas sagen. Ruhig, ohne Streit, unter vier Augen. Sie wollte ihm erklären, dass sie von ihrem eigenen Geld eine Wohnung gekauft hatte, dass es Zeit war, von seiner Mutter wegzugehen, und dass Lena mit ihren sieben Jahren endlich ein eigenes Zimmer brauchte.

Doch Maria erfuhr es früher.

Wie genau, hat Anna nie herausgefunden. Vielleicht hatte sie ein Telefonat belauscht. Vielleicht hatte sie in Annas Tasche gewühlt und die Papiere entdeckt. Im Grunde war es auch schon egal.

Als Anna von der Arbeit heimkam, wartete ihre Schwiegermutter bereits auf sie – aufgebracht, steif vor Empörung und bereit zum Angriff.

„Du Verräterin!“, schrie Maria ihr entgegen. „Ich hab dich bei mir aufgenommen, hab dich durchgefüttert, hab auf dein Kind geschaut, und du? Dieses Geld hätte in die Familie gehört!“

Anna stellte ihre Tasche ab und sah sie müde an.

„In welche Familie?“

„Na in unsere! Für Lukas hättest du ein Auto kaufen können! Für Sophie hättest du Geld für eine Ausbildung zurücklegen sollen!“

Hedis Stube