„Das ist meine Wohnung. Bezahlt von meinem Geld.“ sagte Anna ruhig, während Maria fassungslos nach Luft schnappte

Ihre Entscheidung erscheint rücksichtslos und zutiefst egoistisch.
Geschichten

„Sophie ist deine jüngere Tochter“, erwiderte Anna ruhig. „Sie ist zweiunddreißig. Von welcher Ausbildung redest du?“

„Sie will Kurse machen!“

„Und wozu braucht Lukas ein Auto? Er hat nicht einmal einen Führerschein.“

„Dann macht er ihn eben!“

Anna schloss für einen Moment die Augen. Das Ganze wurde immer absurder, als würde ein Schneeball den Hang hinunterrollen und dabei immer größer werden.

„Maria, das war mein Geld. Es ist von meiner Großmutter gekommen. Ich hatte jedes Recht, mir davon eine eigene Wohnung zu kaufen.“

„Eine Wohnung hast du ja — hier!“

„Das ist deine Wohnung. Nicht meine.“

„Aber wir sind doch eine Familie!“

„Eine Familie, in der ich seit fünf Jahren nur geduldet bin. Eine Familie, in der ich nicht einmal ein Abendessen kochen kann, ohne vorher deine Erlaubnis einzuholen.“

Maria riss empört die Arme hoch.

„Lukas! Hörst du, wie sie mit mir redet?“

Lukas lehnte an der Wand und sagte kein Wort.

„Lukas“, wandte sich Anna an ihn. „Sag bitte etwas.“

Er hob langsam den Kopf. Zuerst sah er seine Mutter an, dann seine Frau.

„Na ja … Mama hat schon irgendwie recht, Anna. Du hättest das mit uns besprechen müssen. Es geht immerhin um viel Geld.“

„Um mein Geld.“

„Trotzdem. Wir sind doch eine Familie …“

„Also ist deine Mutter im Recht?“ Annas Stimme blieb leise, aber jedes einzelne Wort traf hart. „Ich hätte euch das Geld geben sollen, statt mir endlich ein eigenes Zuhause zu kaufen?“

Lukas geriet ins Stocken.

„Nicht geben … aber darüber reden hättest du schon müssen.“

„Mit wem reden? Mit dir? Mit deiner Mutter? Oder gleich auch mit deiner Schwester, die einmal im Monat vorbeikommt, wenn sie wieder Geld braucht?“

„Anna, du bist gerade völlig außer dir!“, fuhr Maria sie an.

„Nein“, sagte Anna. „Ich bin ganz klar. Ich habe nur zum ersten Mal seit fünf Jahren etwas getan, das ich wollte. Nicht ihr.“

Sie drehte sich um, ging in das Zimmer, in dem Lena schlief, und weckte ihre Tochter vorsichtig.

„Schatz, pack deine Spielsachen ein. Wir ziehen um.“

Lena blinzelte verschlafen.

„Wohin denn?“

„In unser neues Zuhause.“

In zwanzig Minuten hatte Anna alles zusammengesucht. Zwei Taschen: Kleidung, Dokumente, Lenas liebste Spielsachen. Mehr brauchten sie nicht.

Lukas stand im Türrahmen.

„Du gehst jetzt wirklich?“

„Ja.“

„Anna, bitte, das ist doch lächerlich. Wegen so etwas?“

Sie blieb stehen und sah ihm direkt in die Augen.

„Nicht wegen ‚so etwas‘. Sondern weil du dich in fünf Jahren kein einziges Mal auf meine Seite gestellt hast. Nicht einmal hast du zu deiner Mutter gesagt: Es reicht. Nicht ein einziges Mal hast du mich geschützt.“

„Ich wollte halt keinen Streit …“

„Und ich will nicht länger in einem Haus leben, in dem ich nicht respektiert werde.“

Maria schrie ihr noch etwas hinterher, von Undankbarkeit, Egoismus und einer verdorbenen jungen Generation. Anna drehte sich nicht mehr um.

Sie nahm Lena an der Hand, rief ein Taxi und fuhr weg.

In der neuen Wohnung kamen sie erst spät am Abend an. Lena lief neugierig durch die leeren Räume, ihre Stimme hallte hell von den Wänden zurück. Anna breitete eine Decke am Boden aus und holte eine Thermoskanne mit Tee hervor.

„Mama, wohnen wir jetzt wirklich hier?“, fragte Lena.

„Ja, mein Schatz.“

„Und Papa?“

„Papa bleibt vorerst bei der Oma.“

„Warum?“

Anna zog ihre Tochter an sich.

„Weil Erwachsene manchmal ein bisserl Abstand brauchen. Damit sie nachdenken können.“

Lena nickte mit jener kindlichen Weisheit, die Anna immer wieder erstaunte.

Sie saßen am Boden, tranken Tee aus einem Häferl und schauten hinaus auf die nächtliche Stadt. Es war still. Friedlich.

Zum ersten Mal seit fünf Jahren fühlte sich diese Stille wirklich sicher an.

Lukas rief jeden Tag an. Anfangs war er zornig, dann bat er sie zurückzukommen, schließlich flehte er beinahe.

„Anna, jetzt hör doch auf mit dem Unsinn. Komm heim.“

„Nein.“

„Mama ist verletzt.“

„Ich auch.“

„Warum benimmst du dich wie ein Kind?“

Hedis Stube