„Ich werde da gar nichts aufteilen! Die Wohnung gehört mir — aus und fertig!“ schleuderte sie ihm entgegen und sah ihrem Mann dabei direkt in die Augen

Unverschämt, wie rücksichtslos Vertrautes zerbricht.
Geschichten

— Ich werde da gar nichts aufteilen! Die Wohnung gehört mir — aus und fertig! — habe ich ihm entgegengeschleudert und meinem Mann dabei direkt in die Augen geschaut.

Anna sperrte die Tür zu ihrer eigenen Wohnung auf und blieb, wie schon so oft in den vergangenen Jahren, einen Moment lang auf der Schwelle stehen. Vor ihr lag das großzügige Wohnzimmer mit den hohen Decken, den breiten Fenstern, durch die das Sonnenlicht in hellen Bahnen hereinfiel, und dem Parkettboden, den ihre Eltern damals noch eigenhändig verlegt hatten.

Diese Dreizimmerwohnung mitten in der Stadt war ihr Erbe, das ihr nach dem Tod ihrer Eltern geblieben war. In jeder Ecke hing noch etwas von ihnen: gemeinsame Abende, vertrautes Lachen, Wärme, die sich nicht einfach wegwischen ließ.

Als Lukas ihr einen Heiratsantrag gemacht hatte, hatte Anna keine Sekunde gezögert und ihm vorgeschlagen, zu ihr zu ziehen. Platz war mehr als genug vorhanden, die Wohnung war groß. Lukas hatte sofort zugestimmt, sie in die Arme genommen, geküsst und gemeint, das sei eine großartige Idee. Die Hochzeit haben sie schlicht gefeiert, ohne großes Tamtam. Nach der Hochzeitsreise begannen sie, sich ihr gemeinsames Zuhause einzurichten.

Anna arbeitete als Innenarchitektin, Lukas war bei einer IT-Firma angestellt. Gemeinsam beschlossen sie, die Wohnung zu renovieren. Für das Wohnzimmer kauften sie ein neues Sofa, die alten Vorhänge wurden durch moderne Jalousien ersetzt, und die Küche haben sie komplett umgestaltet: helle Fronten, eingebaute Geräte, alles sauber geplant. Anna freute sich über jede Veränderung. Die Wohnung bekam ein neues Gesicht und wurde nach und nach zu ihrem gemeinsamen Heim.

Lukas lud häufig Freunde ein. Sie saßen dann in der Küche, tranken Bier und redeten über Fußball oder Computerspiele. Seine Freunde konnten ihre Bewunderung nie ganz verbergen.

— Lukas, du hast es dir aber wirklich fein gerichtet im Leben! So eine Wohnung, dazu so eine hübsche Frau. Du bist ein echter Glückspilz.

Lukas grinste bloß und widersprach nicht. Anna bekam solche Gespräche mit, nahm sie ihm aber nicht übel. Die Wohnung war tatsächlich schön, und für sie war es selbstverständlich, sie mit ihrem Mann zu teilen.

Das erste halbe Jahr verlief ruhig. Anna arbeitete von daheim aus, saß meistens im Arbeitszimmer vor dem Computer und zeichnete Entwürfe. Lukas kam spät heim, müde, aber zufrieden. Am Abend aßen sie gemeinsam, schauten Serien und besprachen, was sie am Wochenende unternehmen wollten. Ihr Alltag floss gleichmäßig dahin, ohne Streit, ohne gröbere Spannungen.

Alles änderte sich, als ihre Schwiegermutter immer öfter bei ihnen auftauchte. Maria wohnte im Nachbarbezirk in einer alten Zweizimmerwohnung, die sie schon seit Jahren gemietet hatte. Früher war sie nur selten gekommen, zu Feiertagen oder wenn es einen besonderen Anlass gab. Nach der Hochzeit jedoch wurden ihre Besuche merklich häufiger.

Anfangs brachte sie Mehlspeisen mit.

— Annalein, ich hab etwas gebacken, kostet einmal. Mein Lukas mag Apfelgebäck so gern.

Anna bedankte sich und setzte Teewasser auf. Maria nahm am Tisch Platz, trank ihren Tee, stand danach aber auf und begann, durch die Zimmer zu gehen.

— Wirklich schön habt ihr es hier. Eine praktische Aufteilung, so viel Licht. Und die Renovierung ist auch ganz frisch, man sieht, dass da mit Liebe gearbeitet worden ist.

— Danke, Maria — antwortete Anna höflich.

Die Schwiegermutter ging ins Schlafzimmer, betrachtete die Kästen, warf auch einen Blick ins Arbeitszimmer.

— Und was ist das hier? Dein Arbeitsbereich?

— Ja, ich arbeite von daheim aus.

— Das ist natürlich angenehm. Ein ganzes Zimmer nur fürs Arbeiten. Was für ein Luxus.

Ihre Stimme klang anerkennend, doch Anna hörte zwischen den Worten noch etwas anderes heraus. Es war nicht direkt Neid, eher ein prüfendes Abwägen. Als würde Maria im Stillen überlegen, wie man diesen Raum auch anders nützen könnte.

Die Besuche gingen weiter. Einmal kam Maria mit Kuchen, ein anderes Mal „nur kurz, weil sie ohnehin in der Gegend gewesen sei“. Manchmal stand sie mitten am Tag vor der Tür, wenn Lukas gar nicht daheim war. Anna machte auf, ließ sie herein, doch innerlich wurde sie von Mal zu Mal unruhiger. Ihre Schwiegermutter betrachtete die Wohnung zu genau, fragte zu oft nach dem Grundriss, nach den Quadratmetern und danach, was Immobilien in dieser Gegend ungefähr wert seien.

Einmal blieb Maria am Fenster des Arbeitszimmers stehen und sah in den Hof hinunter.

— Eine schöne Aussicht. Ruhig ist es hier auch, und so viel Grün. Diese Lage ist Gold wert.

— Ja, meine Eltern haben diese Gegend sehr geliebt.

— Deine Eltern, sagst du? Die Wohnung stammt also von ihnen?

Hedis Stube