„Ich werde da gar nichts aufteilen! Die Wohnung gehört mir — aus und fertig!“ schleuderte sie ihm entgegen und sah ihrem Mann dabei direkt in die Augen

Unverschämt, wie rücksichtslos Vertrautes zerbricht.
Geschichten

— Ja.

— Aha. Da hast du aber Glück gehabt, Annerl. So ein Erbe fällt einem nicht alle Tage in den Schoß.

Anna sagte nichts darauf. Dieses „Glück gehabt“ blieb ihr unangenehm im Ohr hängen. Als wäre die Wohnung, die sie nach dem Tod ihrer Eltern übernommen hatte, ein Gewinn gewesen und nicht das, was sie in Wahrheit war: ein schmerzhafter Rest von einem Verlust.

Lukas tat so, als würde er die Fragen seiner Mutter gar nicht bemerken. Als Anna später versuchte, mit ihm über Marias häufige Besuche zu reden, winkte er nur müde ab.

— Geh bitte, meine Mutter schaut halt vorbei. Was ist schon dabei? Sie ist allein, ihr ist fad, darum kommt sie eben öfter.

— Aber sie schaut sich jedes Mal alles so genau an, als würde sie die Wohnung abschätzen.

— Du bildest dir da was ein. Mach nicht aus allem gleich eine Geschichte.

Anna ließ es bleiben. Vielleicht übertrieb sie tatsächlich. Maria war höflich, lächelte freundlich und bedankte sich jedes Mal artig für den Tee. Wegen bloßer Vermutungen einen Streit anzufangen, wäre ihr kleinlich vorgekommen.

Ein paar Monate später gab Lukas’ Schwester Katharina ihre Verlobung bekannt. Sie war vierundzwanzig, arbeitete als Managerin und verdiente nicht besonders viel. Ihr Verlobter Tobias war auf Baustellen beschäftigt. Die beiden wohnten gemeinsam in einer Einzimmer-Mietwohnung, kamen mit ihren Gehältern aber kaum über die Runden.

Die Hochzeit fand in einem kleinen Kaffeehaus statt, schlicht, mit etwa dreißig Gästen. Maria strahlte den ganzen Abend, hielt Trinksprüche und drückte ihre Tochter immer wieder an sich. Lukas gratulierte seiner Schwester herzlich, und auch Anna sagte ein paar liebe Worte. Die Feier verlief angenehm, es wurde gelacht, gegessen und geredet, und die letzten Gäste gingen erst spät heim.

Eine Woche nach der Hochzeit stand Maria wieder bei ihnen vor der Tür. Diesmal hatte sie keinen Kuchen dabei. Ihr Gesicht wirkte ernst, in der Hand hielt sie eine Tasche. Lukas war daheim, saß auf dem Sofa und schaute fern. Anna bereitete in der Küche gerade das Abendessen vor.

— Lukas, Annerl, wir müssen miteinander reden — sagte Maria, kaum dass sie ins Wohnzimmer getreten war.

Anna trocknete sich die Hände ab und kam aus der Küche. Maria setzte sich an den Tisch und zog mehrere Unterlagen aus ihrer Tasche. Lukas rückte näher zu ihr, während Anna stehen blieb.

— Worum geht es denn, Maria?

— Um Katharina. Sie und Tobias haben ein echtes Wohnproblem. Die Miete frisst ihnen einen großen Teil vom Einkommen weg. Etwas Eigenes können sie sich nicht leisten, dafür fehlt ihnen einfach das Geld.

— Das ist ihre Angelegenheit — sagte Anna vorsichtig. — Sie sind erwachsene Menschen.

— Natürlich sind sie erwachsen. Aber wir sind eine Familie. In einer Familie hilft man einander.

Anna spürte, wie sie innerlich sofort angespannt wurde. Dieses Wort „helfen“ klang plötzlich nicht mehr harmlos, sondern bekam einen ganz anderen Beigeschmack.

— Und wie stellen Sie sich diese Hilfe vor?

Maria sah zuerst Lukas an, dann Anna. Danach lächelte sie, als hätte sie eine besonders vernünftige Lösung gefunden.

— Bei euch ist doch unglaublich viel Platz. Drei Zimmer, und ihr wohnt nur zu zweit hier. Wenn man ehrlich ist, ist das mehr Raum, als ihr braucht.

— Mehr Raum, als wir brauchen? — Anna zog die Augenbrauen zusammen. — Was genau wollen Sie damit sagen?

— Mir ist nur der Gedanke gekommen, dass man die Wohnung gegen zwei kleinere eintauschen könnte. Zwei Einzimmerwohnungen, zum Beispiel. Eine für euch, eine für Katharina und Tobias. Dann hätten alle etwas davon. Wir haben uns sogar schon ein paar Möglichkeiten angeschaut. Da, ich habe Fotos und Daten mitgebracht.

Sie sagte das in einem so alltäglichen Ton, als hätte sie vorgeschlagen, schnell noch beim Bäcker Semmeln zu holen. Anna blieb wie angewurzelt stehen und konnte kaum fassen, was sie da hörte. Die Wohnung tauschen? Ihre Wohnung?

— Meinen Sie das ernst? — Ihre Stimme zitterte.

— Selbstverständlich meine ich das ernst. Jede Familie hätte dann ihr eigenes Zuhause. Katharina müsste nicht länger in dieser teuren Mietwohnung sitzen, und euch bliebe ja auch eine Wohnung. Und falls noch etwas Geld übrig bleibt, könnte ich endlich einmal auf Kur fahren und ein bissl etwas für meine Gesundheit tun.

Maria sprach fest und unbeirrt weiter, als sei die Sache längst besprochen. Als ginge es nicht um fremdes Eigentum, sondern um irgendeinen gemeinsamen Familienbesitz, über den alle frei verfügen könnten. Anna hörte ihr zu und merkte, wie sich in ihr alles zusammenzog.

— Maria, das ist meine Wohnung — sagte sie langsam.

— Ja freilich, deine. Aber du und Lukas seid verheiratet. Ihr seid eine Familie. Da gehört doch alles irgendwie zusammen.

— Nein. Es gehört nicht zusammen. Ich habe diese Wohnung von meinen Eltern bekommen, und zwar vor der Ehe. Sie ist mein persönliches Eigentum.

— Ach, was macht das schon für einen Unterschied? Ihr lebt miteinander. Verwandten muss man helfen.

Anna wandte den Blick zu ihrem Mann. Lukas schwieg. Er sah auf den Boden, sein Gesicht war angespannt, die Lippen fest aufeinandergepresst.

— Lukas, sagst du gar nichts?

Hedis Stube