Er hob langsam den Kopf, schaute zuerst seine Mutter an und dann Anna.
— Im Grunde ist der Vorschlag nicht so schlecht — sagte er leise.
Anna erstarrte. Für einen Moment war sie sicher, sich verhört zu haben.
— Das meinst du jetzt nicht ernst, oder?
— Doch, ich mein’s ernst. Katharina braucht wirklich Unterstützung. Wir könnten die Wohnung tauschen. In einer kleineren hätten wir auch Platz, und dafür wäre meiner Schwester geholfen.
— In einer kleineren Wohnung? — Anna spürte, wie ihre Finger zu zittern begannen. — Begreifst du überhaupt, wovon du da redest?
— Ja, das begreif ich. Es ist ja nicht der Weltuntergang. So etwas kommt vor, Wohnungen werden getauscht.
— Kommt vor? — Ihre Stimme wurde schärfer. — Das ist meine Wohnung, Lukas! Meine Eltern haben sie mir hinterlassen. Ich bin hier aufgewachsen!
— Anna, bitte schrei nicht. Lass uns vernünftig darüber reden.
— Worüber denn? Darüber, dass ich mein Zuhause für deine Schwester hergeben soll?
— Nicht hergeben. Tauschen. Du hättest ja trotzdem eine Wohnung.
— Aber nicht diese! Nicht diesen Ort!
Maria mischte sich wieder ein:
— Annalein, jetzt reg dich doch nicht gleich so auf. Wir haben nur eine sinnvolle Lösung vorgeschlagen. Du bekommst eine Wohnung, Katharina bekommt eine. Am Ende ist allen geholfen.
— Nein, eben nicht allen! Ich würde mein Zuhause verlieren!
— Es ist doch nur eine Wohnung — Maria machte eine wegwerfende Handbewegung. — Wichtig ist die Familie. In einer Familie hält man zusammen.
Anna merkte, wie ihr das Blut in den Kopf schoss. Ihr Gesicht brannte, ihre Hände ballten sich unwillkürlich zu Fäusten.
— Ich werde gar nichts tauschen! Diese Wohnung gehört mir, und damit ist das Thema erledigt!
Die Worte kamen laut und hart aus ihr heraus. Anna sah Lukas direkt in die Augen und wich keinen Millimeter zurück. Er zuckte zusammen, als hätte sie ihn geschlagen. Maria seufzte tief und theatralisch.
— Aha, so ist das also — sagte die Schwiegermutter kopfschüttelnd. — Du bist egoistisch. Du denkst nur an dich.
— Ich schütze das, was mir gehört.
— Sind dir ein paar Wände wichtiger als Menschen?! — Maria sprang von ihrem Platz auf. — Wir reden hier von Familie, und du redest von Besitz! Undankbar bist du, Anna. Lukas liebt dich, er kümmert sich um dich, und du bist nicht einmal bereit, seiner eigenen Schwester zu helfen!
— Ich bin nicht verpflichtet, dafür meine Wohnung zu opfern!
— Natürlich bist du das! Du bist seine Frau! Du hast deinen Mann in allem zu unterstützen!
Lukas erhob sich hastig und versuchte, dazwischenzugehen.
— Mama, beruhig dich. Anna, bitte, wir müssen nicht schreien.
— Wir müssen nicht schreien? — Anna drehte sich zu ihm um. — Du willst mir meine Wohnung wegnehmen, und ich soll dabei still bleiben?
— Niemand nimmt dir etwas weg. Es geht nur um einen Tausch. Das ist nicht dasselbe.
— Für mich schon! Ich will dieses Zuhause nicht verlieren!
— Wieso verlieren? Du hättest doch ein anderes.
— Ich will aber kein anderes! Ich will hier leben!
Maria fasste sich an die Stirn, als könne sie diese Sturheit körperlich kaum ertragen.
— Mein Gott, wie halsstarrig kann man sein! Du denkst überhaupt nicht an die Familie, nur an dich selbst!
— Ja, ich denke an mich, weil es sonst offenbar niemand tut!
Der Streit kippte endgültig. Maria redete sich in Rage, warf Anna Undankbarkeit, Selbstsucht und die Zerstörung der Familie vor. Lukas versuchte abwechselnd, seine Mutter zu beruhigen und Anna einzureden, dass man doch alles friedlich lösen könne, wenn nur jeder ein wenig nachgebe. Anna stand mitten im Wohnzimmer und spürte mit erschreckender Klarheit: Von hier gab es kein Zurück mehr.
— Diese Wohnung gehört mir. Meine Eltern haben dafür gearbeitet, sie haben sie mir hinterlassen. Ich gebe sie niemandem.
— Anna, ich schlage doch nur vor, dass wir meiner Schwester helfen, und du stellst dich quer! — Lukas sah sie vorwurfsvoll an.
— Du willst die Probleme deiner Verwandten auf meine Kosten lösen!
— Auf unsere Kosten! Wir sind schließlich eine Familie!
— Familie bedeutet nicht, dass ich mein Zuhause aufgeben muss!
Maria trat näher an sie heran und zeigte mit dem Finger auf Anna.
— Du bist eine schlechte Ehefrau. Eine richtige Ehefrau steht immer hinter ihrem Mann. Sie hilft seiner Familie. Du aber schaust nur auf dich!
— Maria, bitte gehen Sie — sagte Anna leise, aber so fest, dass kein Zweifel blieb.
— Wie bitte?
— Verlassen Sie bitte meine Wohnung. Sofort.
Das Gesicht der Schwiegermutter lief rot an.
— Du willst mich hinauswerfen?
— Ja. Genau das will ich. Das hier ist mein Zuhause, und ich lasse nicht zu, dass Sie hier herumschreien.
— Lukas! — Maria fuhr zu ihrem Sohn herum. — Hörst du, wie sie mit mir redet?
Lukas stand verunsichert zwischen seiner Mutter und seiner Frau.
