Sein Gesicht war bleich, und seine Hände zitterten leicht.
— Anna, das hättest du nicht tun sollen. Mama hat es doch nur gut gemeint.
— Gut? — Anna lachte kurz auf, bitter und ohne jede Freude. — Für wen gut? Für Katharina? Für euch? Und für mich?
— Für alle.
— Für alle, ja. Nur für mich nicht.
Anna ging zur Tür und öffnete sie weit.
— Maria, bitte. Gehen Sie jetzt.
Die Schwiegermutter riss ihre Handtasche an sich und warf Anna einen Blick zu, in dem blanker Zorn lag.
— Du bist ein furchtbarer Mensch. Herzlos bist du.
Dann trat sie hinaus und knallte die Tür so heftig hinter sich zu, dass der Rahmen vibrierte. Anna sperrte nicht sofort ab. Erst stand sie einen Moment reglos da, dann drückte sie die Tür ins Schloss und lehnte sich mit dem Rücken an die Wand. Ihr Atem ging schwer, ihr Herz hämmerte bis in den Hals.
Lukas blieb mitten im Wohnzimmer stehen und sah sie an, als hätte er sie noch nie zuvor gesehen.
— Warum musstest du sie so behandeln?
Anna hob langsam den Kopf.
— Warum hat sie mich so behandelt?
— Sie wollte meiner Schwester helfen.
— Auf meine Kosten, Lukas. Verstehst du das überhaupt? Auf meine Kosten.
— Wir sind eine Familie. Da hilft man einander.
— Helfen heißt nicht, dass man alles hergibt, was einem gehört.
— Es geht ja nicht um alles. Nur um einen Tausch.
— Ich will diese Wohnung nicht tauschen! Wie oft soll ich das noch sagen?
Lukas setzte sich auf das Sofa und fuhr sich mit beiden Händen übers Gesicht.
— Also willst du Katharina nicht helfen? Vielleicht sollten wir dann wirklich darüber nachdenken, ob es überhaupt noch Sinn hat, dass wir zusammenbleiben.
Er hatte es leise gesagt. Fast ruhig. Und doch trafen die Worte Anna härter, als hätte er sie angeschrien. Sie sah ihren Mann an und suchte in seinem Gesicht nach dem Menschen, mit dem sie seit zwei Jahren ihr Leben geteilt hatte. Aber in diesem Augenblick erkannte sie ihn kaum wieder.
— Ist das ein Ultimatum?
— Eine Frage.
— Dann ist meine Antwort: nein. Es hat keinen Sinn.
Lukas blickte auf.
— Das meinst du ernst?
— Vollkommen ernst. Wenn unsere Ehe nur dann bestehen darf, wenn ich meine Wohnung aufgebe, dann brauche ich diese Ehe nicht.
— Anna…
— Es reicht, Lukas. Ich habe alles gesagt.
Er stand auf, ohne noch etwas zu erwidern, und ging ins Schlafzimmer. Anna hörte, wie die Kastentüren aufgingen, wie Stoff raschelte und ein Sackerl über den Boden schabte. Ungefähr zwanzig Minuten später kam Lukas wieder heraus, eine Reisetasche in der Hand.
— Ich werde vorerst bei meiner Mutter bleiben.
— Wie lange, das entscheidest jetzt du.
Er blieb einen Moment stehen und sah sie an. Offensichtlich wollte er noch etwas sagen, vielleicht einen Vorwurf, vielleicht eine Bitte. Doch schließlich presste er nur die Lippen zusammen. Im Vorzimmer zog er seinen Mantel an, nahm die Schlüssel vom Haken und wandte sich noch einmal um.
— Wenn du es dir anders überlegst, ruf mich an.
— Ich werde dich nicht anrufen.
Dann fiel die Tür ins Schloss.
Anna war allein.
Langsam ging sie zurück ins Wohnzimmer und ließ sich auf das Sofa sinken. Ihr Blick wanderte über die vertrauten Wände, über die Regale mit den Familienfotos, über den Parkettboden, den ihre Eltern damals selbst verlegt hatten. Jeder Winkel dieser Wohnung trug eine Erinnerung. Jeder Kratzer, jedes Lichtspiel, jede Leiste gehörte zu ihrem Leben.
Stille breitete sich aus. Eine tiefe, volle Stille, die den ganzen Raum einnahm.
Doch in ihr war keine Angst. Auch keine Reue. Nur eine klare, feste Gewissheit: Sie hatte richtig entschieden.
Nach einer Weile stand Anna auf und trat ans Fenster. Draußen lag die Stadt im Abendlicht, in den Fenstern der Nachbarhäuser gingen nach und nach die Lampen an. Diese Wohnung war bei ihr geblieben. Ihr Zuhause. Das Zuhause, das ihre Eltern geschaffen hatten und in dem ihre Erinnerung weiterlebte. Niemand würde es ihr wegnehmen. Niemand würde sie dazu bringen, es für die Interessen anderer zu opfern.
Lukas war gegangen. Maria war hinausgewiesen worden. Katharina würde weiterhin ohne die gewünschte Hilfe dastehen. Aber Anna spürte keine Schuld. Denn Unterstützung bedeutete nicht, sich selbst zu verlieren.
Sie nahm ihr Handy vom Tisch und schrieb ihrer Freundin Julia:
„Lukas ist weg. Lange Geschichte. Kannst du morgen vorbeikommen?“
Die Antwort kam keine Minute später:
„Natürlich. Ich bring Wein mit. Halt durch.“
Zum ersten Mal an diesem Abend lächelte Anna. Das Leben würde weitergehen. Ohne einen Mann, der die Wünsche anderer über seine Frau stellte. Ohne eine Schwiegermutter, die fremdes Eigentum behandelte, als wäre es ihr eigenes. Ohne Menschen, die ihre Entscheidung nicht respektieren wollten.
Die Wohnung war geblieben. Das Zuhause war geblieben. Die Erinnerung an ihre Eltern war geblieben. Alles andere war zweitrangig.
Anna ging in die Küche, setzte sich an den Tisch und schaute auf den leeren Stuhl gegenüber. Früher hatte Lukas dort gesessen. Jetzt nicht mehr. Und so war es richtig.
Dann fiel ihr ein, dass sie die Schlösser austauschen lassen musste. Nur zur Sicherheit. Lukas konnte zurückkommen. Er konnte es noch einmal mit Druck versuchen. Aber die Tür würde versperrt sein. Ihr Zuhause würde geschützt bleiben.
Später ging Anna ins Schlafzimmer und legte sich aufs Bett. Sie schloss die Augen. Morgen würde ein neuer Tag beginnen. Ohne Streit. Ohne Erpressung. Ohne Erwartungen, die andere ihr aufzwingen wollten.
Nur sie und ihr Zuhause.
Ihre Festung. Ihr Leben.
Und das würde ihr nie wieder jemand nehmen.
