Etappe 1. Die halbe Erfüllung eines Traums
„Ihr könnt nicht?“, fragte die Schwiegermutter nach. „Oder wollt ihr einfach nicht?“
Anna schaute Hedwig ruhig an.
„Wir wollen die Anzahlung für unsere Wohnung nicht in ein Geschäftsprojekt stecken, das niemand ordentlich durchgerechnet hat.“
Am Tisch wurde es schlagartig still. Sogar Lena, die im Nebenzimmer mit ihren Stiften geraschelt hatte, hörte auf.

Sophie schnaubte verächtlich.
„Aha. Eure Wohnung ist euch also wichtiger als mein Leben?“
„Uns ist das Leben unserer Tochter wichtiger“, entgegnete Anna. „Und die Sicherheit unserer Familie.“
Hedwig schob langsam ihre Tasse von sich weg.
„Familie also. Gut. Dann reden wir einmal ehrlich. Seit sechs Jahren wohnt ihr in meiner Wohnung fast umsonst. Hättet ihr irgendwo gemietet, hättet ihr längst an die 10.000 Euro fremden Leuten in den Rachen geworfen. Ich habe euch geholfen. Jetzt seid ihr dran, Sophie zu helfen.“
Lukas legte endlich den Löffel hin.
„Mama, wir zahlen die Betriebskosten, wir haben die Küche hergerichtet, die Fenster austauschen lassen, die Sanitärsachen erneuert …“
„Für euch habt ihr das gemacht!“, schnitt Hedwig ihm das Wort ab. „Fang jetzt nicht an, mir jede Schraube vorzurechnen.“
Anna spürte, wie es in ihr kalt wurde. Hedwigs Worte taten weh, aber sie waren nützlich. Sie nahmen ihr die letzten Illusionen.
„Hedwig, wenn ich Sie richtig verstehe, stellen Sie uns gerade vor die Wahl: Entweder wir geben Sophie 6.000 Euro, oder wir ziehen aus?“
„Ganz genau“, sagte die Schwiegermutter. „Bis Ende des Monats ist die Wohnung frei, wenn ihr keine Familie sein wollt.“
Lukas sprang beinahe vom Sessel auf.
„Mama, ist dir klar, dass wir ein Kind haben?“
„Gerade wegen des Kindes solltet ihr dankbar sein. Andere würden an eurer Stelle den Boden küssen.“
Auch Anna stand auf.
„Lena, pack deine Stifte zusammen. Wir fahren heim.“
Sophie verzog den Mund zu einem spöttischen Lächeln.
„Heim? Noch ist es ja euer Heim.“
Anna drehte sich zu ihr um.
„Merk dir diesen Satz. Irgendwann wirst du selbst hören, wie er klingt.“
Etappe 2. Eine Fahrt ohne Worte
Den Weg zurück in die Stadt legten sie schweigend zurück.
Lena ist fast sofort eingeschlafen, die Papierpuppe fest an die Brust gedrückt. Lukas hielt das Lenkrad so verkrampft, dass seine Fingerknöchel weiß hervortraten. Anna blickte auf die Lichter entlang der Straße und dachte daran, wie seltsam das alles war: Sechs Jahre lang hatte sie diese Wohnung ihr Zuhause genannt, obwohl sie tief drinnen immer gewusst hatte, dass sie erst dann wirklich ein Zuhause sein würde, wenn die Schlüssel ihnen gehörten.
„Verzeih mir“, sagte Lukas schließlich.
Anna wandte sich nicht gleich zu ihm.
„Wofür genau?“
Er lächelte bitter.
„Dafür, dass ich von unseren Ersparnissen erzählt habe. Dafür, dass ich geglaubt habe, Mama freut sich einfach, weil wir etwas auf die Seite legen. Dafür, dass ich es nicht früher kapiert habe.“
„Du wolltest deiner Mutter vertrauen.“
„Und sie hat unser Geld gezählt.“
„Ja.“
Lukas bog in den Innenhof ein. Ihre Fenster im vierten Stock leuchteten warm und gelb. Diese Wohnung, in der Lena ihre ersten Schritte gemacht hatte. In der Anna auf einem alten Hocker gestanden und in der Küche Tapeten geklebt hatte. In der Lukas mitten in der Nacht das Gitterbett aufgebaut und flüsternd geflucht hatte, damit er die neugeborene Tochter nicht aufweckte.
Und plötzlich war all das nur etwas Vorübergehendes gewesen.
Daheim brachte Anna Lena ins Bett. Danach holte sie den Laptop hervor.
„Was machst du?“, fragte Lukas.
„Ich schaue nach Wohnungen.“
„Jetzt gleich?“
„Jetzt gleich. Wir haben Zeit bis Monatsende bekommen.“
Er setzte sich neben sie.
„Wir haben 12.400 Euro. Wenn wir die Reserve nicht angreifen, könnten wir die Anzahlung schaffen.“
„Dann greifen wir die Reserve nicht an. Wir schauen nur das an, was wir uns wirklich leisten können.“
Lukas legte seine Hand über ihre.
„Anna, ich gebe Sophie dieses Geld nicht.“
Sie sah ihn aufmerksam an.
„Auch wenn deine Mutter Druck macht?“
„Auch dann, wenn sie mich für einen schlechten Sohn hält.“
Zum ersten Mal an diesem Tag konnte Anna wieder ausatmen.
Etappe 3. Die Wohnung, die sie sich nicht ausgesucht hatten
Die nächsten Tage wurden zu einem einzigen Wettlauf. Arbeit, Kindergarten, Wohnungsbesichtigungen, Telefonate mit Maklern, Kreditberechnungen. Anna erstellte Tabellen, verglich Zahlen und strich alles, was auch nur ein bisschen zu riskant war. Lukas fuhr nach seinen Diensten zu Besichtigungen, manchmal müde, manchmal schweigend, aber immer entschlossen.
Hedwig rief jeden Abend an.
Zuerst klang sie weich und bittend.
„Lukas, denk doch noch einmal nach. Die Sophie ist ja keine Fremde.“
Dann wurde sie gekränkt.
„So viel Hartherzigkeit hätte ich mir von dir nie erwartet.“
Und schließlich sagte sie es ganz direkt.
„Anna hat dich gegen uns aufgebracht. Bevor sie gekommen ist, warst du ein ganz normaler Sohn.“
