„Bis Ende des Monats ist die Wohnung frei, wenn ihr keine Familie sein wollt.“ drohte die Schwiegermutter

So herzlos kann Familie kaum noch sein.
Geschichten

Lukas hat zugehört, ist rot geworden, hat das Handy so fest umklammert, dass seine Fingerknöchel weiß hervorgetreten sind. Aber seine Antwort ist jedes Mal dieselbe geblieben.

„Mama, wir geben kein Geld her. Und aus der Wohnung ziehen wir aus.“

Am fünften Tag hat Hedwig Anna eine Nachricht geschrieben:

„Du hast erreicht, was du wolltest. Du hast meinen Sohn von seiner Mutter getrennt. Ich hoffe, du kannst deiner Tochter noch in die Augen schauen.“

Anna hat die Zeilen am Küchentisch gelesen. Lena hat neben ihr aus Knetmasse ein kleines Haus mit rotem Dach geformt.

Plötzlich hat das Mädchen gefragt:

„Mama, wann haben wir eigentlich ein eigenes Zuhause?“

Anna ist wie erstarrt.

„Bald, mein Schatz.“

Lena hat den Kopf gehoben.

„Eines, wo uns die Oma nicht hinauswerfen kann?“

Lukas, der gerade beim Herd gestanden ist, hat sich abrupt weggedreht.

Anna ist neben ihrer Tochter in die Hocke gegangen und hat leise gesagt:

„Ja. Eines, aus dem uns niemand mehr wegschicken kann.“

Noch am selben Abend haben sie eine Möglichkeit gefunden. Eine kleine Dreizimmerwohnung in einem älteren Haus, am anderen Ende des Bezirks. Nicht frisch renoviert, nicht perfekt, aber hell. In der Nähe waren eine Schule, ein Park und eine Haltestelle. Der Preis lag knapp an ihrer Schmerzgrenze, doch irgendwie war er zu schaffen.

Lukas hat lange auf die Fotos am Bildschirm geschaut. Dann hat er nur gesagt:

„Das ist sie.“

Anna hat genickt.

„Morgen fahren wir hin.“

Etappe 4. Ein Geschäft statt Erniedrigung

Die Wohnung hat sich als freundlich und licht erwiesen. Eine alte Küche, knarrendes Parkett, Fenster zum Innenhof, in dem hohe Pappeln gestanden sind. Lena hat sofort das Zimmer beim Balkon für sich entdeckt.

„Da kommt mein Bett hin, und dort mein Tisch“, hat sie entschieden. „Und niemand sagt dann, dass wir ausziehen müssen?“

Die Maklerin hat verlegen gelächelt. Anna hat gespürt, wie sich ihr Herz schmerzhaft zusammengezogen hat.

„Niemand“, hat Lukas geantwortet. „Wenn die Bank mitspielt.“

Drei Tage später ist die Zusage gekommen.

Hedwig hat es nicht von ihnen erfahren. Sophie hat die Anzeige auf Lukas’ Handy gesehen, als er beim Wochenendhaus vorbeigefahren ist, um Lenas Übergangsjacke zu holen. Natürlich hat sie es ihrer Mutter sofort erzählt.

Am Abend hat Hedwig angerufen. Diesmal nicht gekränkt, sondern richtig giftig.

„Aha. Für eine Wohnung habt ihr also Geld. Aber deiner Schwester helfen könnt ihr nicht?“

Lukas hat den Lautsprecher eingeschaltet. Anna ist neben ihm stehen geblieben.

„Mama, für diese Wohnung sparen wir seit drei Jahren.“

„Na und? Sophie will auch einmal normal wohnen!“

„Dann soll sie arbeiten und sparen.“

„Wie kannst du nur so über deine Schwester reden?“

„Genauso, wie du zu uns gesagt hast, wir sollen ausziehen.“

Am anderen Ende ist es für ein paar Sekunden still geworden.

„Ich habe das gesagt, damit ihr endlich nachdenkt.“

Anna hat ruhig, aber sehr deutlich gesprochen:

„Das haben wir getan. Und deshalb kaufen wir jetzt etwas Eigenes.“

Hedwig hat ihre Stimme erkannt und ist sofort aufgefahren.

„Ach so ist das! Meine Wohnung braucht ihr also nicht mehr?“

„Du hast uns selbst gebeten, sie freizumachen“, hat Lukas erwidert.

„Ich habe doch nicht gemeint, dass ihr das wörtlich nehmen sollt!“

Anna hat ihren Mann angesehen. Genau das war es also. Hedwig hatte nie wirklich gewollt, dass sie gingen. Sie hatte gewollt, dass sie Angst bekamen.

Nur war aus dieser Angst inzwischen ein Kreditvertrag geworden.

Etappe 5. Der letzte Monat

Sie haben begonnen, ihre Sachen einzupacken.

Zuerst kamen die Bücher, das Gewand für die andere Jahreszeit und Lenas alte Spielsachen in Kartons. Danach das Geschirr, die Bettwäsche, die Unterlagen. Anna hat jede Schachtel sorgfältig beschriftet: „Küche“, „Kinderzimmer“, „Dokumente“, „Winter“.

Mit jedem Karton ist ein Stück ihres gemeinsamen Lebens aus dieser Wohnung verschwunden.

Hedwig ist zweimal vorbeigekommen.

Beim ersten Mal wollte sie kontrollieren, ob sie nicht „zu viel“ mitnahmen.

„Diesen Kasten habe ich gekauft“, hat sie im Vorzimmer gesagt.

„Dann nehmen Sie ihn“, hat Anna gelassen geantwortet. „Wir haben ohnehin einen anderen bestellt.“

Damit hatte Hedwig offensichtlich nicht gerechnet.

„Und die Vorhänge?“

„Die können Sie auch behalten.“

„So habe ich das nicht gemeint!“

„Wie dann?“

Hedwig hat die Lippen zusammengepresst und ist in die Küche gegangen. Dort hat sie ein Häferl vom Regal genommen, das sie Lena einmal zum Geburtstag geschenkt hatte.

„Das gehört mir.“

Lena hat ganz leise gesagt:

„Oma, das hast du mir doch geschenkt.“

Für einen Augenblick ist Hedwig stehen geblieben. Es war ihr anzumerken, dass ihr die Sache unangenehm war. Aber nur für einen Augenblick.

„Na gut. Wenn ich es dir geschenkt habe, dann nimm es eben.“

Anna hat das Häferl wortlos in den Karton mit der Aufschrift „Kinderzimmer“ gelegt.

Beim zweiten Mal ist Hedwig mit Sophie gekommen. Sophie hat sich in der halb ausgeräumten Wohnung umgesehen und dann fast beiläufig gefragt:

„Kann ich danach eigentlich hier wohnen? Sie wird ja sowieso frei.“

Hedwig hat ihre Tochter scharf angeschaut.

„Das werden wir sehen.“

Und genau in diesem Moment hat Anna begriffen: Sophie sah sich bereits als neue Hausherrin. Doch Hedwig hatte offenbar längst ihre eigenen Pläne.

Hedis Stube