Etappe 6. Eine Leere, die keine Freude bringt
Der Umzug ist am letzten Tag des Monats über die Bühne gegangen.
Die Männer von der Spedition haben Kartons hinausgetragen, das Sofa, Lenas Fahrrad, die Sessel aus der Küche und auch die Waschmaschine, die Anna und Lukas selbst gekauft hatten. Zurückgeblieben sind in der alten Wohnung nur nackte Wände, ein fremder, alter Kasten, der Herd und dieser abgestandene Geruch nach Staub.
Hedwig ist gekommen, um die Schlüssel entgegenzunehmen.
Sie ist eingetreten – und mitten im Vorzimmer stehen geblieben.
„Wo ist denn der Kühlschrank?“, hat sie gefragt.
„Unserer“, sagte Lukas. „Den haben wir mitgenommen.“
„Und die Waschmaschine?“
„Gehört auch uns.“
„Und das Sofa im Wohnzimmer?“
„Haben wir ebenfalls selbst bezahlt.“
Hedwig ist langsam ins Zimmer gegangen. Der Raum war fast leer. Auf dem Boden zeichneten sich helle Rechtecke ab, dort, wo jahrelang Möbel gestanden hatten. Anna hat diese Wohnung plötzlich so gesehen, wie sie vermutlich vor ihnen gewesen war: nicht als Zuhause, sondern bloß als Quadratmeter.
„Ihr habt ja wirklich alles ausgeräumt“, ist Hedwig die Stimme gekippt.
Lukas antwortete müde:
„Mama, wir haben nur mitgenommen, was uns gehört.“
„Und wie soll man hier jetzt wohnen?“
Anna sah sie ruhig an.
„Sie wollten doch über die Wohnung verfügen.“
Hedwig wurde blass.
„Ich bin davon ausgegangen, dass ihr wenigstens das Nötigste dalasst.“
„Wir haben alles dagelassen, was Ihnen gehört.“
Sophie, die mit ihrer Mutter gekommen war, steckte den Kopf in die Küche.
„Mama, also ich zieh da sicher nicht ein. Da ist ja gar nichts.“
Hedwig fuhr zu ihr herum.
„Was hast du dir denn vorgestellt?“
„Na ja … dass sie die Möbel stehen lassen. Und dass die Wohnung halbwegs fertig ist. Ich muss ein Atelier aufmachen, ich kann doch nicht zuerst hier renovieren.“
Lukas lachte leise auf. Nicht spöttisch. Eher bitter.
„So schaut also Familienhilfe aus.“
Anna legte die Schlüssel auf das Fensterbrett.
„Wir haben die Wohnung geräumt. Genau so, wie Sie es verlangt haben.“
Etappe 7. Eine neue Tür
Die neue Wohnung empfing sie mit dem Geruch frischer Farbe und fremdem Baustaub, doch Lena lief strahlend von einem Zimmer ins andere.
„Ist das meins? Wirklich meins?“
„Deins“, sagte Lukas. „Und die Tapeten suchen wir gemeinsam aus.“
Anna setzte sich mitten in der Küche auf einen Karton – und plötzlich liefen ihr die Tränen übers Gesicht. Nicht aus Traurigkeit. Es war die ganze Anspannung, die auf einmal nachließ. Lukas ließ sich neben ihr nieder und legte den Arm um ihre Schultern.
„Wir sind daheim“, sagte er.
„Mit einem Wohnkredit für zwanzig Jahre.“
„Dafür ohne Ultimaten.“
Da haben sie gleichzeitig gelacht und geweint.
Die ersten Wochen waren mühsam. Sie schliefen auf einer Matratze, aßen auf umgedrehten Kartons, suchten ständig nach Salz, Ladegeräten oder Handtüchern und stritten darüber, welche Vorhänge passen würden. Trotzdem sperrte Anna jeden Abend mit ihrem eigenen Schlüssel die Tür zu und spürte eine Ruhe, die sie schon lange nicht mehr gekannt hatte.
Hedwig meldete sich zunächst gar nicht. Dann rief sie Lukas an.
„In der Wohnung ist es kalt. Die Fenster müssen getauscht werden.“
„Mama, im Schlafzimmer und im Kinderzimmer haben wir die Fenster erneuert. Von unserem Geld. Bei der Küche und beim zweiten Zimmer hast du damals gemeint, das passt schon so.“
„Dann hättet ihr eben gleich alles ordentlich machen müssen!“
„Nein.“
Dieses kurze Nein war für Lukas wie ein neues Wort. Schwer auszusprechen, aber notwendig.
Hedwig legte auf.
Etappe 8. Ein Atelier ohne fremdes Geld
Zwei Monate später eröffnete Sophie ihr Atelier tatsächlich. Nicht in einem gut gelegenen Geschäftslokal beim Markt, sondern in einem kleinen Nebenraum einer Putzerei. Das Geld hatte ihr Hedwig gegeben: Sie griff einen Teil ihrer Ersparnisse an, verkaufte das alte Auto ihres verstorbenen Mannes und borgte sich zusätzlich noch etwas von einer Nachbarin.
Im ersten Monat schickte Sophie in den Familienchat Fotos vom Schild über der Tür und Nachrichten von zufriedenen Kundinnen. Im zweiten Monat beklagte sie sich über die Miete. Im dritten darüber, dass alle Leute „billig und sofort“ wollten. Im vierten Monat waren es die Steuern, die „plötzlich unverschämt hoch“ ausfielen.
Anna schrieb dazu nichts.
Eines Tages zeigte Lukas ihr eine Nachricht von seiner Mutter:
„Wenn ihr damals die sechstausend Euro gegeben hättet, hätte Sophie richtig starten können. So quält sie sich halt.“
Anna verzog den Mund.
„Also sind am Ende wieder wir schuld.“
„Natürlich“, sagte Lukas. „Wir haben ja den Traum ohne Geschäftsplan nicht finanziert.“
Er schrieb seiner Mutter zurück:
„Mama, wir wünschen Sophie Erfolg. Aber über unser Geld diskutieren wir nicht mehr.“
Die Antwort kam beinahe sofort:
„Du bist mir fremd geworden.“
Lukas starrte lange auf den Bildschirm. Dann löschte er die Nachricht.
„Tut es weh?“, fragte Anna.
„Ja“, sagte er. „Aber früher hat es mehr wehgetan, als ich versucht habe, für alle ein guter Sohn zu sein – nur nicht für euch.“
Anna nahm seine Hand.
