Noch am selben Abend ist Lena mit einer Zeichnung gekommen. Darauf war ihr neues Zuhause zu sehen, drei Menschen standen am Fenster, und darunter hatte sie in schiefen Buchstaben geschrieben: „Hier schmeißt uns niemand raus.“
Anna hat das Blatt lange angesehen. Dann legte sie es behutsam in die Mappe mit den Unterlagen zur Wohnung.
Etappe 9. Eine leere Wohnung sucht Bewohner
Hedwig versuchte inzwischen, die alte Wohnung zu vermieten.
Doch ohne Möbel, mit nur halb fertiger Renovierung und einer abgewohnten Küche blieb es schwierig. Interessenten kamen, gingen durch die Räume, nickten höflich und verschwanden wieder. Ein junger Mann sagte es schließlich ohne Umschweife:
„Für den Preis müsste hier wenigstens ein Kühlschrank stehen.“
Hedwig war gekränkt und rief Lukas an.
„Ihr hättet den Kühlschrank ja vorerst dortlassen können. Für euch ist er doch ohnehin alt.“
„Mama, wir verwenden ihn.“
„Dann hättet ihr euch halt einen neuen gekauft!“
„Wovon denn?“
„Na, wenn ihr einen Kredit bekommen habt, wird euch die Bank ja wohl vertrauen.“
Lukas schloss für einen Moment die Augen.
„Mama, ich habe gerade keine Zeit.“
Anna klebte währenddessen mit Lena bunte Pickerl auf die neuen Regalbretter. Sie hörte jedes Wort des Gesprächs, aber es brachte sie nicht mehr in Rage. Früher hätte so ein Anruf ihr den ganzen Abend verdorben. Jetzt klang es nur noch wie Lärm aus einer anderen Wohnung, unangenehm, aber nicht mehr bestimmend.
Eine Woche später stand Hedwig plötzlich vor ihrer Tür. Ohne Anruf, ohne Nachricht, einfach so.
Doch diesmal wurde sie nicht sofort hereingelassen. Lukas öffnete nur einen Spalt, die Sicherheitskette blieb eingehängt.
„Mama, du hättest vorher anrufen müssen.“
Hedwig wirkte, als hätte sie sich verhört.
„Ich bin deine Mutter.“
„Trotzdem muss man vorher anrufen.“
Sie versuchte, über seine Schulter hinweg in die Wohnung zu schauen. Sie sah den hellen Vorraum, die frischen Tapeten, Lenas kleine Stiefel an der Wand. Anna stand ein Stück weiter hinten, ruhig und aufrecht.
„Ich wollte nur sehen, wie ihr euch eingerichtet habt.“
„Jetzt passt es gerade nicht.“
Hedwig wurde blass.
„Ihr lasst mich also vor der Tür stehen?“
Lukas antwortete leise, aber unbeirrbar:
„Wir lernen gerade, in unserem eigenen Zuhause nach unseren eigenen Regeln zu leben.“
Dann schloss er die Tür.
Anna trat zu ihm und legte ihm die Hand auf die Schulter.
„Du bist standhaft geblieben.“
„Gerade noch.“
„Aber du bist es geblieben.“
Etappe 10. Wer in der leeren Wohnung zurückblieb
Im Frühling stand die alte Wohnung noch immer fast leer. Hedwig übernachtete dort manchmal, wenn sie in der Stadt zu tun hatte, fuhr aber rasch wieder in ihr kleines Haus am Land zurück. Sophie hatte endgültig abgelehnt, dort einzuziehen. „Zu weit weg vom Atelier und viel zu trostlos“, hatte sie erklärt.
Hedwig blieb mit genau dem zurück, was sie so unbedingt hatte behalten wollen: mit einer Wohnung ohne Mieter, ohne Möbel, ohne Lenas Lachen in der Küche, ohne Betriebskosten, die früher verlässlich Lukas und Anna getragen hatten, und ohne einen Sohn, der sofort abhob, sobald sie anrief.
Eines Tages rief sie dennoch Anna an.
„Vermisst Lena mich?“, fragte sie unerwartet.
Anna blickte zu ihrer Tochter hinüber, die an ihrem neuen Schreibtisch über den Hausübungen saß.
„Sie gewöhnt sich ein.“
„Ich würde meine Enkelin gern sehen.“
„Rufen Sie Lukas an. Und machen Sie vorher etwas aus.“
Am anderen Ende blieb es einen Augenblick still.
„Anna … damals bin ich zu weit gegangen.“
Es war keine echte Entschuldigung. Aber es war auch kein Befehl mehr.
„Ja, Hedwig. Das sind Sie.“
Wieder schwieg sie.
„Ich dachte, ihr würdet Angst bekommen.“
Anna schloss die Augen. Da war sie also, endlich: die Wahrheit.
„Wir haben Angst bekommen. Nur nicht so, wie Sie es erwartet haben.“
Nach dem Telefonat trat Anna auf den Balkon. Unten rauschte der Hof, irgendwo fiel eine Tür ins Schloss, Kinderstimmen hallten zwischen den Häusern. Aus dem Zimmer hörte sie Lena lachen. In der Küche suchte Lukas irgendetwas und rief, ob sie wisse, wo der Öffner liege.
Ihr Leben war nicht plötzlich leicht geworden. Der Kredit drückte. Die Renovierung fraß weiter Geld. Das Verhältnis zu Lukas’ Mutter blieb vorsichtig, kühl und angespannt. Aber alles Schwierige gehörte nun ihnen selbst. Es waren ihre Sorgen, ihre Entscheidungen, ihre Wände, ihr Tisch, ihr Schlüssel. Nichts davon war mehr an fremde Bedingungen geknüpft.
Am Abend machte Lukas Tee und setzte sich neben Anna.
„Hat Mama etwas zugegeben?“
„Fast. Sie hat gesagt, sie habe gedacht, wir würden uns fürchten.“
Er lächelte traurig.
„Und wir haben uns gefürchtet und eine Wohnung gekauft.“
„Die beste Angst unseres Lebens.“
Da musste er lachen.
Anna schaute zur kleinen Schale neben der Tür, in der ihre Schlüssel lagen. Niemand konnte ihnen jetzt noch sagen: „Ende des Monats zieht ihr aus.“ Niemand konnte ihre Ersparnisse mehr in eine Art Familienabgabe verwandeln. Und niemand konnte Hilfe Liebe nennen, wenn dahinter in Wahrheit ein Ultimatum stand.
In der alten Wohnung aber blieb nur Hedwig zurück.
Mit leeren Zimmern.
Mit einem leeren Platz, an dem früher der Kühlschrank gestanden hatte.
Und mit der Erkenntnis, dass man manchmal, wenn man Menschen aus seiner Wohnung vertreibt, ganz unabsichtlich auch die Wärme aus dem eigenen Leben hinausschickt.
