„Das ist längst nicht mehr deine Wohnung, Anna. Wir bleiben vorerst hier, und du führst dich jetzt gefälligst nicht auf wie im Kasperltheater“, zischte Claudia. Sie saß auf meinem Bett, in meinem Bademantel, und schnippte die Asche in eine Untertasse aus meinem Hochzeitsservice.
Ich bin in der Schlafzimmertür stehen geblieben und habe nicht einmal sofort den nassen Mantel ausgezogen. Der Oktober in Salzburg hatte mir den ganzen Tag Regen ins Gesicht gepeitscht, das Taxi war vom Bahnhof nur mühsam durch den Verkehr gekrochen, der Koffer hatte mir den Arm fast ausgerissen. Und daheim warteten nicht Ruhe und eine heiße Dusche auf mich, sondern fremde Füße auf meiner Tagesdecke. Markus lümmelte im Sessel beim Fenster und trank etwas Bernsteinfarbenes aus meinem Glas. Auf dem Parkett zeichneten sich dunkle, schmutzige Spuren ab. Aus dem Bad zog Zigarettenrauch, obwohl ich Michael gefühlt hundertmal gebeten hatte, nicht einmal in der Küche zu rauchen, geschweige denn im Badezimmer. Im Vorzimmer lag auf der Bank Claudias lackierte Handtasche, daneben ihre Stiefel, meine Hausschuhe und ein fremder Herrenrucksack, offen wie ein Mund nach einer üblen Rauferei.
Ich habe nicht geschrien. Nicht, weil mir die Worte gefehlt hätten. Im Gegenteil. Aber es gibt diesen Augenblick, in dem man begreift, dass das eigene Leben nicht mehr höflich um ein bisserl Platz gebeten wird, sondern einfach mit dem Ellbogen beiseitegeschoben. Dann wird es innen zu still für einen Skandal.
„Wo ist Michael?“, brachte ich nur hervor.
Claudia verzog den Mund zu einem spöttischen Lächeln und schlug die Beine übereinander, als wäre das nicht meine Wohnung, sondern irgendein billiges Quartier, in dem sie „nur für ein paar Tage“ untergekommen war.

„Er ist schnell einkaufen. Wasser holen. Wir überbrücken hier nur kurz, also schau nicht so, als wär das jetzt eine Tragödie.“
Markus schnaubte leise, ohne den Blick von seinem Glas zu heben.
„Na bitte, wirklich. Wir sind doch Familie.“
Genau in diesem Moment ist mir endgültig klar geworden, dass ihnen ein Streit sogar gelegen gekommen wäre. Claudia war eine von diesen Frauen, die erst richtig aufblühen, wenn rundherum gebrüllt wird. Später hätte sie jedem erzählt, Michaels Frau sei völlig hysterisch, sie hätten doch bloß für zwei, drei Tage um Unterkunft gebeten, und ich hätte sie beinahe angegriffen. Markus hätte sicher noch ein paar schmierige Einzelheiten dazugedichtet. Michael wiederum würde sich winden und sein gewohntes Lied anstimmen: „Warum musst du denn gleich so reagieren, man hätte doch ruhig reden können.“ Und in diesem zähen Familienbrei wäre am Ende ausgerechnet ich die Durchgeknallte gewesen.
Langsam stellte ich den Koffer an die Wand.
„Verstehe“, sagte ich.
Claudia wirkte fast enttäuscht.
„Mehr kommt nicht?“
„Für den Moment nicht.“
Ich ging aus dem Schlafzimmer, zog die Tür von außen zu und drehte den Schlüssel um. Danach sperrte ich mit derselben Ruhe auch das Gästezimmer ab, in dem ihre Jacken und Sackerl herumlagen. Markus sprang nicht sofort auf. Erst als das Schloss hörbar klickte, begriff er es.
„He!“, brüllte er. „Was soll der Blödsinn?“
Ich war schon auf dem Weg zur Wohnungstür. Im Gehen holte ich mein Handy heraus, öffnete die Anrufliste und wählte 112.
„Unbefugtes Eindringen in eine Wohnung“, sagte ich gleichmäßig, als sich die Leitstelle meldete. „Salzburg, Straße soundso, Hausnummer soundso. Fremde Personen befinden sich ohne meine Zustimmung in meinen Räumlichkeiten, es gibt beschädigte Gegenstände, und ich habe den Verdacht auf versuchten Diebstahl.“
Hinter der Schlafzimmertür war es zuerst totenstill. Dann kreischte Claudia los:
„Bist du jetzt komplett deppert geworden?“
Aus dem Stiegenhaus kroch der Geruch von Nässe, kaltem Metall und dem Abendessen irgendeines Nachbarn mit gerösteten Zwiebeln herein. In meinem alten Haus gab es schwere Stiegen, hohe Decken, dicke Türen und diesen besonderen dumpfen Widerhall, den nur alte Gebäude haben und in dem fremdes Geschrei besonders hässlich klingt. Ich lehnte mich mit dem Rücken an die Wand. Erst da merkte ich, wie stark meine Finger zitterten.
In Gefahr war in diesem Augenblick nicht bloß die Wohnung. Nicht nur meine Sachen, das Parkett, das Service, meine Kleidung, meine Unterlagen. Bedroht war das Letzte, was an dieser Ehe nach außen hin noch ordentlich ausgesehen hatte: der Anschein, Michael sei einfach nur weich. Gutmütig. Einer, dem es schwerfällt, Nein zu sagen. Aber nein. Weiche Menschen schleppen während deiner Geschäftsreise keinen halben Haushalt in dein Zuhause und geben ihrer Schwester nicht den Schlüssel zu deinem Schlafzimmer. Weiche Menschen fürchten sich vor Konflikten. Michael hingegen hatte längst begonnen, fremde Frechheit mit seiner angeblichen Angst zu decken.
Die Streife war rasch unterwegs. Der Oktoberregen trommelte gegen das Fenster im Stiegenhaus, unten fiel eine Tür ins Schloss, jemand stieg schwerfällig die Stufen hinauf. Ich starrte auf mein Handy und versuchte zu begreifen, wie es überhaupt so weit hatte kommen können.
Als Michael und ich geheiratet haben, war ich überzeugt, sein größtes Problem sei der Wunsch, es allen recht zu machen. Er gehörte zu jenen Männern, die in Gesellschaft sofort einen Sessel zurechtrücken, Tee einschenken, beim Tragen von Sackerln helfen und für jeden Menschen auf der Stelle eine Entschuldigung finden.
