auch dann noch, wenn sich der Betreffende längst bequem auf ihrem Rücken eingerichtet hatte. Nach all den groben, selbstgefälligen Männern, denen ich vorher begegnet bin, hat diese Sanftheit am Anfang fast wie etwas Kostbares gewirkt. Ich habe damals viel gearbeitet, bereits schwere Zivilverfahren betreut und mir angewöhnt, in jeder Lage Haltung zu bewahren, nicht einzuknicken, wenn Druck aufgebaut wird. Neben Michael hat sich das Leben beinahe wie eine Pause angefühlt. Er war häuslich, freundlich, konnte Lichterketten mit Geschmack aufhängen und eine halbe Ewigkeit die passende Schrift für ein Logo suchen, als bestünde genau darin der ganze Frieden eines normalen Alltags.
Nur lag das Problem nicht ausschließlich bei ihm. Das Problem ist immer gemeinsam mit seiner Verwandtschaft in unsere Wohnung gekommen.
Claudia war acht Jahre älter als Michael, benahm sich aber, als wäre sie die jüngere, zerbrechliche Schwester, vom Schicksal unaufhörlich gekränkt und missverstanden. Bei ihr war ständig irgendetwas. Einmal war die Mietwohnung „ganz plötzlich“ nicht mehr leistbar. Dann „hat es in der Arbeit vorübergehend nicht gepasst“. Danach hat wieder irgendein Mann sie enttäuscht. Oder ihre Gesundheit hat genau in dem Moment verrücktgespielt, in dem sie geliehenes Geld hätte zurückzahlen sollen. Und dieses dauernde Zerfallen, dieses ewige „Ich kann halt nicht anders“, ist aus irgendeinem Grund jedes Mal auf den Schultern meines Mannes gelandet.
„Sie ist doch meine Schwester“, hat Michael geflüstert, als ich sie zum dritten Mal in einem Jahr in unserer Küche vorgefunden habe, hingestreckt wie eine Märtyrerin, mit einer neuen Geschichte über ihr schweres Leben.
„Sie ist eine erwachsene Frau“, habe ich ihn erinnert.
„Ich weiß eh. Aber wenn ich ihr nicht helfe, wer dann?“
Diese Frage war eine Falle. Wenn ich „keine Ahnung“ gesagt habe, ist er in leidendes Schweigen verfallen. Wenn ich gemeint habe, sie solle ihre Angelegenheiten selbst regeln, war ich automatisch herzlos. Claudia besaß ein besonderes Talent dafür, jede fremde Grenze in einen Beweis fremder Grausamkeit zu verwandeln.
Markus ist im Frühling in ihr Leben getreten. Ein lauter, derber Kerl, der nach billigem Rasierwasser und Zigaretten gerochen hat und die Angewohnheit hatte, seine Füße auf Möbel zu legen, selbst wenn die Besitzer direkt danebenstanden. Er redete von irgendwelchen „Geschichten“, von „Start-ups“ und „ordentlichen Sprüngen nach oben“, aber tatsächlich war er entweder arbeitslos oder half „gerade übergangsweise Bekannten“. Schon am ersten Abend, als Michael die beiden „nur zum Essen“ mitgebracht hat, hat Markus sich die Hände an meinem Leinenhandtuch abgewischt, die Deckenhöhe gemustert und anerkennend gepfiffen.
„Nicht schlecht habt ihr’s da. Da kann man wohnen.“
Schon damals hat sich in mir etwas zusammengezogen. Angst war es noch nicht. Eher dieses unangenehme Gefühl, wenn ein fremder Mensch deine Wände betrachtet, als würde er bereits abschätzen, was ihm daran gehören könnte.
Danach haben die kleinen Seltsamkeiten begonnen. Claudia fragte immer öfter, wann ich beruflich wegfahren müsse. Michael erkundigte sich eines Tages scheinbar beiläufig, ob ich nicht irgendwo einen zweiten Schlüsselsatz hätte, nur für den Fall, „falls einmal was ist“. Ich habe Nein gesagt. Daraufhin war er beleidigt.
„Du vertraust mir also nicht?“
„Dir vertraue ich“, habe ich ruhig erwidert. „Aber nicht jedem, dem du gefallen willst.“
Er hat die Lippen zusammengepresst, ist ins Zimmer gegangen und hat zwei Tage lang mit jener leisen Stimme mit mir gesprochen, mit der Menschen strafen, ohne offen Streit zu machen. Und wie so oft bin irgendwann wieder ich auf ihn zugegangen. Weil ich müde war. Weil mich die Arbeit ausgelaugt hat. Weil ich daheim wenigstens Ruhe wollte und nicht schon wieder eine Debatte darüber, wie undankbar er angeblich gegenüber seiner Familie sei.
Der erste wirkliche Schlag ist eine Woche vor meiner Reise nach Innsbruck gekommen.
Ich bin früher als sonst heimgekommen, habe den Kasten im Vorzimmer geöffnet und sofort gesehen, dass eine meiner Taschen nicht an ihrem Platz lag. Es war eine teure Tasche, dunkel kirschrot, die ich mir selbst geschenkt hatte, nachdem ich ein besonders schwieriges Verfahren gewonnen hatte. Ich habe sie kaum getragen. Innen hing der süßliche Parfumgeruch von Claudia. Ich hielt die Tasche in den Händen und begriff: Das war keine Unachtsamkeit mehr. Kein „oje, ich hab versehentlich ein Sackerl erwischt“. Das war das Anprobieren eines fremden Lebens. Ein vorsichtiges Kosten daran, wie weit man gehen konnte.
„Michael“, habe ich damals gerufen.
Er ist mit dem Notebook aus dem Zimmer gekommen.
„Was ist?“
„Hat Claudia meine Sachen angegriffen?“
Die Pause war kurz. Aber sie hat mir gereicht.
„Sie hat nur geschaut. Ist dir das jetzt wirklich zu schade?“
„Zu schade?“, habe ich wiederholt.
„Anna, bitte fang nicht an. Sie hat ja nichts gestohlen.“
Genau nach diesem Satz habe ich zum ersten Mal nicht mehr an einen Streit gedacht, sondern an ein Verfahren. Daran, dass ich eines Tages mit meiner eigenen Ehe dasselbe tun müsste, was ich täglich vor Gericht tat: alle Illusionen entfernen und nur die Tatsachen übrig lassen.
Und dann ist etwas passiert, worauf ich nicht vorbereitet gewesen bin.
Als ich einen Tag früher aus Innsbruck zurückgekommen bin, habe ich nicht einfach nur Claudia in meinem Schlafzimmer gesehen. Ich habe gesehen, wie rasch Menschen aufhören, sich zu verstellen, sobald sie sicher sind, dass du noch vierundzwanzig Stunden lang nicht auftauchst. In der Küche lagen Zigarettenstummel im Aschenbecher. Im Bad trockneten ihre Strumpfhosen über dem Heizkörper.
